Landgericht: „Ganz nah an einer Vergewaltigung“

Lüdenscheid - „Es ist ein klassischer Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, der aber weit über das bekannte Maß hinausgeht.“ Trotz dieser Einschätzung des Vorsitzenden Richters Marcus Teich fällt das Urteil der 1. großen Strafkammer am Landgericht Hagen vergleichsweise milde aus.

Die beiden Ex-Kollegen, die sich im Herbst ‘13 in einer Lüdenscheider Firma massiv an einer Putzfrau vergriffen haben, kommen mit jeweils 18 Monaten auf Bewährung davon.

Damit hat die Verfahrensabsprache, die die beiden Verteidiger Ingo Theissen-Graf Schweinitz und Dirk Löber initiiert hatten, den gewünschten strafmildernden Effekt erzielt. Zwar handelt es sich bei den sexuellen Nötigungen eindeutig um Verbrechenstatbestände, wie Teich in seiner Urteilsbegründung sagt – und „ganz nah an der Verwirklichung einer Vergewaltigung. Das sind keine Bagatellen“.

Aber die Rechtsanwälte argumentieren, das Opfer leide „nicht unter Spätfolgen der Übergriffe“. Und die sexuellen Handlungen lägen „an der unteren Grenze der Erheblichkeit“. Dies und die Tatsache, dass die Angeklagten ihre Taten „zwar nicht ausdrücklich eingestanden, aber auch nicht abgestritten“ haben, wie der Richter sagt, sorgt für Strafmilderung. Ebenso der Zustand des Älteren der beiden. Er ist Alkoholiker und war zur Tatzeit offenbar so schwer betrunken, dass seien Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen ist.

Opfer bereits als Kind misshandelt

Zwar akzeptierte das Opfer, eine kleine freundliche Reinigungskraft, am ersten Prozesstag die Entschuldigung der Täter im Gerichtssaal und freute sich auch über 5000 Euro vom älteren Angeklagten als Täter-Opfer-Ausgleich. Aber gerade weil die 37-Jährige über eine Vergewaltigung berichtete, die sie im Alter von zwölf Jahren erlitten hatte und dies als „noch viel schlimmer“ bezeichnete – gerade deshalb bezeichnete Richter Teich die Zeugin als „besonders empfindlich“.

Wenn die Verurteilten drei Jahre lang anständig bleiben, wird die Strafe erlassen und die Bewährungszeit endet. Die Justiz wird ihnen Körperzellen zur molekularbiologischen Analyse und Speicherung der DNA entnehmen lassen.

Der Jüngere der beiden Ex-Kollegen sagt: „Ich möchte mich noch mal recht herzlich entschuldigen.“ Der andere murmelt: „Ich leide darunter, was ich getan habe. Ich will mein Leben wieder in den Griff kriegen.“ Seine Frau sitzt mit im Gerichtssaal, hört die Worte ihres Mannes und senkt den Kopf.

Von Olaf Moos

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare