Landgericht: Familienvater muss ins Gefängnis

Lüdenscheid - 6,3 Kilo Marihuana in einer Gartenlaube an der Werdohler Landstraße – das war ein stolzer Zufallsfund, den die Polizei am 2. März meldete. Der Besitzer der Laube kam am Donnerstag mit zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis allerdings glimpflich davon. Denn die polizeiliche Durchsuchung, stellten die Richter der 6. großen Strafkammer des Hagener Landgerichts fest, war rechtswidrig.

Von Olaf Moos

Für die vier Streifenbeamten, die wegen eines Einbruchs zu den Gartenlauben gerufen werden, ist die Sache schnell klar: Dem Beschuldigten, ein 39-jähriger Familienvater, klebt ein verdächtiger Krümel am Hosenbein, sagen sie. Er wird wohl auf Pflanzenteilen gekniet sein. Er muss ihnen die Hütte zeigen, das „Gras“ wird sichergestellt, der Mann festgenommen und in U-Haft gesperrt, das Verfahren wegen unerlaubten Besitzes und Handeltreibens mit Drogen läuft.

Bloß: Der Angeklagte bestreitet die Geschichte mit dem Krümel. Und behauptet, den Stoff nur vorübergehend für einen Freund in der Laube gebunkert zu haben. Die vier Polizisten widersprechen sich in Details gegenseitig im Zeugenstand. Einer will Marihuanakrümel auf dem Fußboden durch einen Türspalt erspäht haben. Strafverteidiger Andreas Trode wittert Ermittlungsfehler und zweifelt die Verwertbarkeit der Spuren an. Er trifft eine Verfahrensabsprache mit der Kammer.

Denn Fachleute der Spurensicherung der Iserlohner Kripo haben direkt nach der Festnahme nichts auf dem Fußboden gefunden. Der verdächtige Krümel von der Hose wurde nicht sichergestellt, ein konkreter Tatverdacht nicht begründet, der Einsatzverlauf nicht dokumentiert. Außerdem konnte man von außen keine Krümel auf dem Boden sichten, es gab nämlich kein Licht in der Laube. Eine Kripo-Beamtin: „Wir mussten mit Taschenlampen da rein.“

Staatsanwalt Nils Warmbold ist über die Polizeiaktion „alles andere als begeistert“, sagt er in seinem Plädoyer. Dass der Angeklagte die Drogen für einen Freund aufbewahrt hat, sei ihm nicht zu widerlegen. Der Ankläger sagt, er habe „bis zu einem gewissen Punkt Verständnis“ für die Streifenpolizisten. „Aber ab einem bestimmten Punkt muss man die Kurve kriegen.“ Und das sei nicht passiert. Warmbold: „Es ist einiges schiefgelaufen.“ Man müsse sich „viele viele unschöne Fragen“ stellen.

Der Vorsitzende Richter Dr. Christian Voigt würdigt das Geständnis des zerknirscht wirkenden Arbeiters als „von besonderer Güte“. Denn er habe es abgelegt, obwohl es Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Durchsuchung gab und er für seine Verteidigung daraus hätte „Honig saugen“ können. Der Richter: „Die Polizisten wussten gar nicht, was sie da taten.“

Doch das Zeug aufbewahrt und damit Beihilfe zum Drogenhandel geleistet zu haben, bleibt als Schuld in der Waagschale. Dr. Voigt: „Der Sinn des Betäubungsmittelgesetzes ist der Schutz der Volksgesundheit.“ Die Haftstrafe muss verbüßt werden.

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