Landgericht: „Die Bewohner hatten Angst vor ihm“

Symbolfoto

Lüdenscheid - Der 43-Jährige weiß genau, um was es geht. „Forensik heißt für mich als psychisch kranker Straftäter: Ich muss mit Mördern an einem Tisch sitzen und mein Brot essen.“ Kommt die 6. große Strafkammer des Hagener Landgerichts zu dem Schluss, dass der Lüdenscheider eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, könnte diese Aussicht realistisch sein. Doch der erste Prozesstag beginnt gleich mit Problemen.

Denn schon zwei Tage vor Eröffnung der Hauptverhandlung wurde er aus der Forensik in Eickelborn, wo er seit knapp einem halben Jahr sitzt, per Sammeltransport nach Hagen in eine Gefängniszelle gebracht. Es ist zunächst unklar, ob seine Bedarfsmedikation mitgeschickt wurde. Der Beschuldigte erreicht den Gerichtssaal außer Atem, aufgeregt – „dekompensiert“, wie Verteidiger Martin Düerkop sagt.

Doch es sitzt ein Psychiater im Saal, der den 43-jährigen untersucht und dessen Verhandlungsfähigkeit attestiert. „Er ist wach, klar und orientiert.“ Er erwarte von der Eickelborner Klinik, dass sie den Mann künftig per Einzeltransport zu jedem einzelnen Verhandlungstag nach Hagen bringen lässt.

Arzt umgeschubst und in den Schwitzkasten genommen

In der Antragsschrift der Staatsanwaltschaft ist von einem schweren Diebstahl und von einer Körperverletzung die Rede. Am 6. August hat er in der Netto-Filiale an der Wilhelmstraße versucht, ein Päckchen Zigaretten und eine Dose Haarspray zu klauen. Bei dem Diebstahl trug er ein kleines Taschenmesser in der Hosentasche. Das gibt er zu. Und am 26. November hat er einen Arzt in der „Geschlossenen“ des Klinikums umgeschubst und in den Schwitzkasten genommen. Es gab nur eine kleine Beule am Kopf. Auch diese Tat räumt der Beschuldigte ein. Er leidet an einer schizophrenen Psychose und ist manisch-depressiv.

Ein Ex-Betreuer und eine ehemalige Erzieherin aus der Wohngruppe des Beschuldigten schildern ihn als „ambivalent“. Wo er auch untergebracht sei, zeige er sich bald unzufrieden, wolle umziehen, dann wieder bleiben, dann Lüdenscheid verlassen, dann wieder nicht. Es kommt zu Wutausbrüchen, während derer er sein Zimmer komplett verwüstet.

Mitbewohner hatten Angst

Er wittert ärztliche Verschwörungen gegen sich, seine Krankheitseinsicht ist „eher gering“, wie die Erzieherin sagt. „Viele Bewohner hatten Angst vor ihm.“ Vor Gericht gibt er sich gesprächig und umgänglich.

Nach dem Angriff auf den jungen Arzt lag der Mann fünf Tage und Nächte fixiert auf seinem Bett. Bis die Angst vor ominösen Amerikanern oder Russen oder dem Drogendealer auf der Psychiatrie-Station nachließ. Der Vorsitzende Richter, Dr. Christian Vogt, fragt den großen stämmigen Mann: „Wie geht’s Ihnen denn aktuell?“ Antwort: „Ich habe Schmerzen im Nacken.“ Der Richter entgegnet: „Habe ich auch!“

 ‘ Bericht folgt

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