Landgericht: Dann ist es vorbei mit kleinen Ausflügen

Lüdenscheid - Das Idyll am südlichen Stadtrand ist trügerisch. Im Haus Hellersen, offene psychiatrische Pflege- und Betreuungseinrichtung an der Brüninghauser Straße, eingebettet zwischen dicht bewaldeten Hügeln, treten Konflikte ebenso zutage wie „draußen“ in der Gesellschaft. Einem der Bewohner droht jetzt die Verlegung in die Forensik – auf unbestimmte Zeit. Die Anklage lautet auf Sachbeschädigung in drei und Körperverletzung in sechs Fällen.

Von Olaf Moos

Den Gerichtssaal betritt der 31-Jährige wie ein riesengroßer Junge. Verschüchtert um sich schauend, mit kleinen Schritten, feuchte Augen hinter dicken Brillengläsern, Schalke-Fanmütze auf dem Kopf, enges T-Shirt um einen massigen Körper. Er soll eine Feuerschutztür kaputtgemacht, einen Stuhl zerstört und ein Namensschild von einer Bürowand abgerissen haben. Und eine Patientin geohrfeigt und getreten, einen Mitbewohner mit der Faust ins Gesicht geboxt, mit dem Kopf vor die Wand geschlagen, die Arme zerkratzt.

Für einen ansonsten unbescholtenen und gesunden Menschen stehen Geldstrafen auf so etwas. Für den 31-Jährigen, unter anderem an paranoider Schizophrenie erkrankt und laut Aktenlage von offenbar minderer Intelligenz, steht mehr auf dem Spiel: die dauerhafte Unterbringung im Maßregelvollzug einer forensischen Klinik. Dann wäre es vorbei mit kleinen Ausflügen in den Wald, die Stadt oder zum Aldi.

Strafverteidiger Frank-Peter Rüggeberg will die 9. große Strafkammer davon überzeugen, dass eine solche Maßnahme „entbehrlich“ ist, wie er im LN-Gespräch sagt. Der Rechtsanwalt moniert, dass sein Mandant auf Beschluss des Amtsgerichts schon seit zwei Jahren keinen gesetzlichen Betreuer mehr hat – und hält das für eine Ursache der Misere. Doch zunächst hört Richter Till Deipenwisch Zeugen. Unter anderem einen Krankenpfleger (39), der über seinen Schützling sagt: „Er kann sich benehmen, wenn er will.“

Doch immer wieder neige er dazu, „die Hand auszufahren“. Und er suche sich „vor allem Unterlegene“ aus. Erst seit ein paar Wochen, angesichts des Gerichtsverfahrens, backe er „kleinere Brötchen“, so der Krankenpfleger. Vor zwei Monaten habe der Angeklagte aber noch jemandem die Ohrmuschel zertrümmert. Der Zeuge kennt den Bewohner seit 2010. „Er kam aus einem anderen Wohnbereich zu uns, weil es dort auch schon Vorfälle gegeben hat.“

Der Prozess wird am Mittwoch um 9 Uhr in Saal 101 fortgesetzt.

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