Landgericht: Ankläger rückt von Tötungsvorsatz ab

Lüdenscheid - Am Freitag wird Strafverteidiger Andreas Trode sein Plädoyer halten. Aber was soll er noch sagen? Sein Mandant – vor dem Schwurgericht des versuchten Totschlags angeklagt – wird möglicherweise glimpflicher davonkommen als alle Prozessbeteiligten es zu Beginn des Verfahrens geahnt haben.

Staatsanwalt Nils Warmbold hat in seinem Schlussvortrag eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten beantragt, und zwar überraschend „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung – und beantragt, den Mann bis zum Haftantritt auf freien Fuß zu setzen. Dafür führt der Ankläger eine ganze Reihe von Gründen auf.

Nach der Beweisaufnahme sieht Warmbold den Tötungsvorsatz nicht mehr als erwiesen an. Vielmehr habe der Angeklagte sein Opfer „bewegen wollen, mit seinen Beleidigungen aufzuhören“, so der Staatsanwalt. Das deckt sich mit der Aussage des Beschuldigten, der gesagt hatte, er habe seinem Freund lediglich einen Schrecken einjagen wollen. Was vor der Bluttat zwischen den seit Jahren eng befreundeten Männern vorgefallen ist, hat der psychiatrische Sachverständige vom Angeklagten erfahren.

Demnach hat der 58-Jährige seinen Kumpel mehrfach als „Päderast“ beschimpft. Wie es heißt, hat er in russischen Gefängnissen selbst erfahren, dass Päderasten „die unterste Kaste“ darstellen. Für den Angeklagten also „ein Wort mit großer Sprengkraft“, so der Gutachter. Indem der 37-Jährige auf sein Gegenüber eingedroschen hat, hat er die Schimpftiraden wohl nicht gestoppt. Dass er dann eine Hautfalte am Hals seines Opfers zwischen die Finger geklemmt und mit dem Messer einen Schnitt gesetzt hat, der aber nicht so tief gehen sollte, hält der Staatsanwalt für „so abstrus, dass man sich das gar nicht ausdenken kann“. Warmbold: „Ich glaube dem Angeklagten.“

Zur Vorgeschichte der Tat gehört aber auch der Zustand der Beteiligten. Nicht zu widerlegen ist, dass die beiden zuvor 1,2 Liter Wodka getrunken haben. Das Opfer hatte im Klinikum noch zwei Promille intus. Der Täter kann nach Berechnung des Gutachters zur Tatzeit bis zu 4,1 Promille Alkohol im Blut gehabt haben, dazu den Heroin-Ersatz Polamidon, außerdem Morphium. Ein Umstand, der eine erhebliche Einschränkung der Steuerungsfähigkeit nahelegt und den Strafrahmen weiter nach unten verschiebt.

Der Prozess wird am Freitag um 9.30 Uhr im Saal 247 mit dem Plädoyer des Verteidigers und der Urteilsverkündung fortgesetzt.

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