Ladendieb verurteilt: „Aber ich brauchte Bier!“

LÜDENSCHEID ▪ Fünf Vorwürfe erhebt die Staatsanwältin gegen den 52-Jährigen. Fünfmal hat er in diversen Läden Ware unter der Jacke hinaustragen wollen – Dunkelziffer: natürlich unbekannt – und fünfmal wurde er erwischt. Seine Beute, fünf Flaschen Bier und eine Dose Baby-Creme, hatte dabei insgesamt einen Wert von gerade mal 6,89 Euro. Strafrichter Andreas Lyra verurteilte den Lüdenscheider zu einer saftigen Geldstrafe.

Davon könnte man verdammt viel Bier kaufen. Um Bier kreist offenbar die Welt des arbeitslosen Gärtners. Richter Lyra sagt: „Es geht immer um Pilsdosen.“ Der Angeklagte widerspricht: „Ich trinke nur Flaschen.“ Der Richter fragt geradeheraus: „Sind Sie Alkoholiker?“ Der Angeklagte antwortet ohne Umschweife: „Ja!“ Acht bis neun Flaschen brauche er täglich – mindestens. Er habe bei dem Wohnungsbrand an der Humboldtstraße alles verloren. Tatmotiv: „Kein Geld mehr, aber ich brauchte Bier.“ In der Männerunterkunft blieben ihm von seinem HartzIV-Bezug nur 38 Euro Taschengeld pro Woche übrig.

Viel weiter ist es um die Aufrichtigkeit des „Hartzers“ aber nicht bestellt. Er versucht, sich herauszuwinden. Die Pullen hatte er zwar in der Innentasche, räumt er ein, aber: „Das mache ich immer so, ganz automatisch.“ Er vergesse eben nur manchmal, sie an der Kasse aufs Band zu stellen. Als ihm Lyra den Diebstahl im Drogeriemarkt vorhält, schimpft der Angeklagte los: „Ich Trottel – was soll ich mit Babycreme?“

Er müsste es besser wissen. Der Strafrichter blättert ein „imposantes Vorstrafenregister“ hin, wie er sagt – 30 Vorverurteilungen. Da geht es nicht nur um Diebstähle oder Trunkenheit oder Hehlerei – Delikte also, die mit seiner Sucht zu erklären wären. Exhibitionistische Handlungen finden sich darin, sexueller Missbrauch von Kindern, gefährliche Körperverletzung, verbotener Schusswaffen-Besitz oder Hausfriedensbruch. Der Angeklagte beteuert: „Sexuelle Sachen mache ich nicht mehr, weil ich genau weiß, dann ist zappenduster.“

Weil der Wert der Beute diesmal ganz gering ist, ist eine Freiheitsstrafe für die Staatsanwältin „nicht zu rechtfertigen“, sagt sie. Und beantragt eine Geldstrafe von 900 Euro. „Verflucht viel Geld“, wie die Vertreterin der Anklage selbst findet. Noch nicht genug, sagt dagegen Richter Lyra zum Angeklagten. „Sie haben nichts vergessen, sondern schlicht keine Kohle gehabt und es ganz bewusst so gemacht.“ Das Urteil: 1350 Euro Geldstrafe.

Olaf Moos

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