Telefone stehen nicht still

Labor-Chef aus dem MK: „Anrufer legen unseren Betrieb nahezu lahm“

Privatdozent Dr. Dr. Hans Günther Wahl.Lüdenscheid Corona
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Privatdozent Dr. Dr. Hans Günther Wahl

Ohne ihn und sein Labor ginge in Lüdenscheid und Umgebung in Sachen Corona nichts. Priv.-Doz. Dr. Dr. Hans Günther Wahl hat derzeit alle Hände voll zu tun – im Moment nicht zuletzt als Material-Beschaffer. Und er hört das Telefon viel zu oft klingeln. Darüber sprach er jetzt mit Willy Finke.

Märkischer Kreis - Über mangelnde Arbeit muss sich Priv.-Doz. Dr. Dr. Hans Günther Wahl nicht beklagen. Während die Zahl der Corona-Toten ansteigt, haben die Menschen im MK Fragen. Ob Selbstzahler, Privatpatienten, Reiserückkehrer, Schulen, Kindergärten - die Telefone im Labor Wahl stehen nicht still.

Herr Dr. Wahl, hat sich die Covid-19-Testsituation für Ihr Labor in den vergangenen Wochen verändert?

Ja, sie hat sich deutlich verschärft. Im Spitzen liegen wir bei 1600, im Durchschnitt bei 1200 bis 1300 Tests pro Tag.

Erledigen sich diese Tests quasi automatisch?

Nein, im Vergleich zu anderen Labor-Parametern – beispielsweise Schilddrüsen-Markern – gibt es bei den PCR-Tests relativ wenig Automatisierungsmöglichkeiten. Diese Tests sind keine Massentests, sondern überwiegend Handarbeit, auch wenn wir in den vergangenen Monaten einiges automatisieren konnten und jetzt über drei große Geräte verfügen, die uns unterstützen.

Wie viele Mitarbeiter sind mit den PCR-Tests beschäftigt?

Ich habe mit zwei Leuten angefangen, mittlerweile sind drei weitere dazugekommen. Diese fünf arbeiten als eigenständige Gruppe mit spezieller Ausbildung. Wenn da jemand ausfällt, kann er auch nicht mal eben durch einen anderen Mitarbeiter, der nichts mit PCR-Tests zu tun hat, ersetzt werden.

Gilt für diese Mitarbeiter ein normaler Acht-Stunden-Tag?

Kann man so nicht sagen. Wir arbeiten jeden Tag – auch an Wochenenden, auch an Feiertagen – in drei Schichten von 7 bis 24 Uhr.

Welchen Anteil haben die PCR-Tests an der Gesamt-Arbeit in Ihrem Labor?

Man könnte tatsächlich das Gefühl haben, alles drehe sich nur noch um Corona. Neben den PCR-Tests machen wir pro Tag aber mit 105 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insgesamt noch etwa 23 000 andere Tests. Das ist momentan sehr belastend, denn dieser „Rest“ ist ja eigentlich schon zu viel.

Ist die Arbeits-Belastungsgrenze in Ihrem Labor erreicht?

Sie wird immer wieder erreicht. Aber wenn wir mehr Personal bekommen, mehr Geräte und mehr Reagenzien, dann können wir auch mehr machen. Mit dem, was uns zur Verfügung steht, sind die 1600 PCR-Tests das Limit. Viel mehr geht nicht.

„Viel mehr“?

Wir müssen ja auch immer wieder Spitzen abdecken. Wenn es in irgendeiner Klinik oder einer Schule einen Ausbruch gibt, dann sind das – natürlich ohne Vorwarnung – plötzlich 300 Tests mehr, die wirklich schnell erledigt werden müssen. Diese Fälle hatten wir in den drei oder vier Wochen dreimal. Das noch wegzustecken ist schon schwierig. Wir versuchen, nie zu 100 Prozent auszulasten, um im Ernstfall eben noch die entscheidenden Reserven zu haben.

Nimmt Ihr Labor auch selbst Corona-Abstriche vor?

Ja. Am Anfang haben wir noch relativ wenig abgestrichen. Da kamen Selbstzahler, Privatpatienten. Es gab dann einen Aufruf der Kassenärztlichen Vereinigung, sich an den Abstrichen zu beteiligen. Seitdem machen wir auch Reiserückkehrer, Schulen und Kindergärten. Sie kommen dann in kleinen Gruppen von zwei oder drei Personen zu uns. Wir haben hier auch eine kleine Abstrich-Station eingerichtet.

Ansonsten rücken wir auch aus und haben schon ganze Schulen abgestrichen. Schulen und Kitas sind mittlerweile wieder weniger geworden.

Sie bieten ja auch Antikörper-Tests an. Sagt mir ein Antikörpertest zuverlässig, dass ich jetzt immun gegen Covid-19 bin?

Nein, der sagt Ihnen – genau wie bei anderen Infektionskrankheiten – nur, dass Sie die Krankheit durchgemacht haben. Er sagt, dass der Körper Kontakt zu dem Virus hatte und Antikörper gebildet hat. Ob die Antikörper ausreichen, um Sie vor einer neuen Infektion zu schützen, das kann Ihnen niemand sagen.

Welchen Sinn hat dann der Test?

Sie wissen bei einem positiven Test, dass Sie die Krankheit durchgemacht haben. In den meisten Fällen kann man bei einem Antikörper-Nachweis aber sagen, dass der Patient – wenn er nicht körperlich sehr geschwächt ist – bei einer Neu-Infektion die Krankheit entweder gar nicht oder nur in sehr milden Verläufen bekommt. Wenn das Virus mittlerweile aber gerade an der Stelle mutiert ist, wo die Antikörper angreifen, helfen sie gar nicht mehr. Deswegen bringt es auch nichts, sich nur einmal gegen Grippe impfen zu lassen. Wenn Sie das richtig machen wollen, müssen Sie es jedes Jahr machen.

Hat es im Medizinischen Labor Wahl selbst schon Corona-Fälle gegeben?

Ja, zwei Mitarbeiterinnen wurden infiziert, haben aber niemand anderen bei uns angesteckt. Wenn sich bei uns ein Mitarbeiter krank fühlt, machen wir einen Abstrich, und er geht sofort nach Hause, bis wir das Ergebnis haben. Das Gleiche gilt, wenn jemand als Kontaktperson eingestuft ist.

Auf Ihrer Homepage ist zu lesen, eine Abstrichnahme sei nur nach telefonischer Voranmeldung möglich. Bekommen Sie viele Telefonanrufe?

Das ist ein Riesenproblem. Die Anrufer legen unseren Betrieb nahezu lahm. Das kann schlimme Auswirkungen haben.

Die Anrufer wollen alle einen Abstrich-Termin?

Nein, das sind relativ wenige. Wir haben alle dran: erstens die Patienten, die sich nach ihrem Testergebnis erkundigen wollen, zweitens die Ärzte, die wegen ihrer Patienten anrufen, drittens die Gesundheitsämter wegen der Infektions-Meldungen, viertens die Krankenhäuser. Dazu kommen auch noch viele Anrufer, die ganz allgemeine Informationen zu Corona haben wollen. Da sind wir wirklich der falsche Ansprechpartner.

Wie bewältigen Sie diese Anruf-Flut?

Wir haben drei Damen am Telefon sitzen, dazu landen aber noch zahlreiche Anrufe direkt bei uns im Labor. Wenn mich jemand aus Nicht-Corona-Gründen anrufen möchte, kommt er nicht mehr durch. Vor allem aber: Wir sind für viele andere Bereiche zuständig. Wenn ein Arzt irgendwo in einem Krankenhaus dringend auf einen Befund für seinen Patienten wartet, hat er praktisch keine Chance mehr, uns per Telefon zu erreichen.

Was müsste passieren, um diese Situation zu ändern?

Meine dringende Bitte geht vor allem an alle Privatpersonen: Bitte rufen Sie wirklich nur an, wenn Sie einen Termin vereinbaren wollen. Für alles andere – vom Testergebnis bis zu allgemeinen Informationen – sind wir der falsche Ansprechpartner.

Wie erfahren die Patienten denn am besten ihre Testergebnisse?

Das ist auch ein Problem. Weder die Corona-Warn-App noch die QR-Codes funktionieren richtig. Wenn wir einen Test nach acht Stunden fertig haben, ist das zwar ganz toll. Die meisten Patienten bekommen das Ergebnis aber gar nicht so schnell, weil sie keine Möglichkeit haben, es abzurufen.

Woran liegt das?

Diese Informationswege sind nicht optimiert. Wir informieren den Patienten und schicken gleichzeitig ein Fax ans Gesundheitsamt. Der Patient wird vom Gesundheitsamt dann aber mit genauen Instruktionen erst vier oder fünf Tage später angerufen, wenn er Pech hat.

Sie faxen noch an die Gesundheitsämter?

Ja. Die digitale Ausstattung gibt nicht mehr her. Da hilft auch keine noch so schnelle Test-Auswertung, wenn es hinterher nur schleppend weitergeht.

Sie machen sehr deutlich, wie stark Ihr Labor am Limit arbeitet. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund den Fall der in einem Iserlohner Labor verschwundenen 140 Corona-Teströhrchen?

Kurz gesagt: Es darf nicht passieren, aber es passiert. Ich kenne das Labor, ich kenne die Fahrer. Und ich bin ganz sicher: Jeder gibt sein Bestes. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es eben nicht. Ich würde gern behaupten, dass uns das nicht passiert – aber das kann überall passieren. Die Belastung ist bei allen hoch.

Ist es denn gewährleistet, dass Sie jederzeit genug Test-Materialien zur Verfügung haben?

Nein, wir haben ein großes Versorgungsproblem, weil die Firmen nicht liefern können. Und wenn die Firmen liefern, haben die Paketdienste Kapazitätsprobleme. Wir haben mehrfach Fehllieferungen bekommen, die gar nicht für uns gedacht waren. Es gibt mehrere Labors, die zurzeit keine Pipettenspitzen bekommen, weil einfach keiner mehr liefern kann.

Was bedeutet das für Sie konkret?

Die meiste Zeit muss ich momentan tatsächlich nicht als Mediziner, sondern als Versorgungs-Verantwortlicher aufwenden. Ich rufe überall an und versuche, da 100 und da 50 Stück eines Materials zu kriegen. Ich sage meinen Leuten: „Ihr macht eure PCR und ich sehe zu, dass ihr Material dazu habt.“

Erwarten Sie in dieser Hinsicht eine Entspannung?

Nein, überhaupt nicht. Das ist wie mit dem Klopapier. Die Hersteller produzieren ganz viel, aber jeder deckt sich - weil er Angst hat - möglichst für das nächste halbe Jahr ein. Wenn sich jeder nur für die nächste Woche eindeckte, kämen wir schon hin. Aber aus diesem Kreislauf kommt man nicht heraus. Wenn ich kann, decke ich uns auch für die nächsten zwei Monate ein. Dann kann ich ruhig schlafen, weil ich weiß: Vorläufig kann uns nichts passieren.

Wenn es ohnehin zu wenig Testmaterial und personelle Kapazitäten gibt - wer sollten dann überhaupt noch getestet werden?

Vorrangig Patienten, die Symptome aufweisen. Dann auf jeden Fall Pflegekräfte und Ärzte. Der Rest ist eine politische Entscheidung. Nebenbei gesagt: Wenn Sie heute negativ getestet werden, heißt das nicht, dass Sie nicht doch morgen krank sind. Wenn’s wirklich knapp wird, muss man diejenigen testen, die wirklich krank sind. Es kann nicht sein, dass wir eines Tages für die Kranken keine Tests mehr haben.

Sie sprachen davon, dass Sie mehr Personal brauchen könnten. Ist die Lage denn ähnlich problematisch wie in der Pflege?

Ja. Es ist sehr schwierig, Medizinisch-Technische-Assistentinnen (MTA) zu bekommen. Die Arbeitszeiten sind das Problem. Genau wie in der Pflege gilt: Man arbeitet sieben Tage die Woche im 24-Stunden-Schichtdienst. Das wollen viele junge Menschen nicht mehr. Sie arbeiten dann lieber bei niedergelassenen Ärzten. In den Klinikbereich wollen weder Ärzte noch Pflegekräfte oder MTA. Der gesamte Gesundheitsbereich ist in Deutschland über viele Jahre nicht ausreichend wertgeschätzt worden.

Stichwort Wertschätzung: Wie beurteilen Sie die Pläne der Politik, weitere Krankenhäuser zu schließen?

Gerade jetzt sieht man ja, wie gut es wäre, noch mehr kleine Krankenhäuser mit Intensivstationen zu haben. Trotzdem sollen noch mehr von ihnen verschwinden. Das verstehe ich nicht, das passt auch nicht zusammen.

Kann es denn überhaupt das Ziel sein, dass Krankenhäuser kostendeckend arbeiten müssen?

Gerade jetzt sieht man doch, dass das unter Umständen gar nicht geht. Wer freie Kapazitäten für Corona-Patienten freihält, der verzichtet damit automatisch auf andere Einnahmen. Ich kann dieses Ziel Kostendeckung grundsätzlich ja verstehen, weil in den 70er-Jahren wirklich nicht aufs Geld geschaut wurde nach dem Motto: Der Kreis oder die Stadt decken das ja ab. Aber die Voraussetzungen haben sich verändert.

Das bedeutet?

Die Auswertung eines PCR-Testes im Labor Wahl.

Gesundheit ist ein so hohes Gut, dass man es eben nicht nur als Kostenfaktor betrachten darf. Gesundheit kostet nun einmal Geld. Muss rigoros nach dem Prinzip Gewinnmaximierung gearbeitet werden, darf man sich doch nicht wundern, dass manche Krankenhäuser beispielsweise mehr Hüftprothesen als nötig einsetzen, um Geld zu verdienen.

Man verdient an Krankheiten sehr unterschiedlich?

Ja, so ist es. Das führte dazu, dass man versuchte, „nicht-rentable“ Krankheiten in die Uni-Kliniken zu verlagern – bis die irgendwann dabei nicht mehr mitspielten. Es gibt nun mal Krankheiten, bei denen ein Krankenhaus am Ende drauflegt. Aber die Patienten, die darunter leiden, müssen doch auch behandelt werden.

Zum Schluss ein Blick auf die aktuelle Lockdown-Lage: Geht der Lockdown weit genug?

Ich bin kein Freund des Lockdowns. Ich verstehe die Besorgnis und den Willen, etwas Gutes zu tun. In Meinen Augen ist ein Lockdown ein Zeichen für Hilflosigkeit.

Wie meinen Sie das?

Sie können mit 20 Prozent Ihrer Zeit 80 Prozent Ihrer Aufgaben bewältigen. Für die restlichen 20 Prozent müssen Sie einen Riesen-Aufwand betreiben. Übertragen auf die Pandemielage bedeutet das: Ist es wirklich verhältnismäßig, diesen Aufwand für einen 100-prozentigen Schutz zu treiben? Oder hätte es nicht gereicht, Abstand zueinander einzuhalten, sich die Hände gründlich zu waschen und – was ganz wichtig ist – zuhause zu bleiben, wenn man krank ist?

Hätte es denn tatsächlich gereicht?

Es ist ja nicht bewiesen, dass die Lockdown-Maßnahmen wirklich helfen. Es wäre ehrlich zu sagen: Wir wissen nicht, ob das etwas bringt, hoffen es aber. Stattdessen werden sie so verkauft, als seien sie eine Weisheit. Darüber wird zu wenig diskutiert – und auch nicht offen genug.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass es längerfristig formulierte Ziele gibt. Wir erfahren viel zu oft von heute auf morgen von neuen Test-Konzepten. Dass es im Winter mehr Kranke geben würde, das wusste eigentlich jeder. Wie kann die Politik da jetzt erstaunt sein, dass es so viele Kranke gibt? Und warum wird die Entscheidung über den weiteren Lockdown um eine Woche verschoben? Es wird doch nicht besser! Das macht uns das Leben unnötig schwer.

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