Ein Kuss oberhalb des Steißbeins

LÜDENSCHEID ▪ Der Richter beschreibt das Verhalten des Mannes am Arbeitsplatz unjuristisch. „Voll daneben!“ Und etwas juristischer: „Das war sexuelle Belästigung, gar keine Frage.“ Aber Strafanzeigen liegen gegen den 44-Jährigen nicht vor. Nur Beschwerden belästigter Frauen. Und die handschriftliche Eigenkündigung des Mannes. Gestern saß er als Kläger beim Arbeitsgericht. Man habe ihm am 15. Juni mit fristloser Entlassung gedroht, da habe er von sich aus gekündigt, sagt er. Und will noch ein bisschen mehr Geld von seinem Ex-Arbeitgeber.

Die Übergriffe erfolgten in einem Discountmarkt. In der Bereichsleitung liegen die Aussagen der Mitarbeiterinnen. Einmal soll der Filialleiter gefragt haben: „Wann haben wir ’mal wilden und hemmungslosen Sex miteinander?“ Eine andere Frau schrieb: „Er hat gesagt, wenn ich mit ihm schlafe, kriege ich freie Tage, wann ich will.“ Und eine dritte berichtete von seinem „Kuss oberhalb des Steißbeins“, als sie sich gerade bückte, um Molkereiprodukte ins Kühlregal zu räumen.

Ob die Darstellungen der Frauen wahr sind, ob noch mehr vorgefallen ist – alles nicht Gegenstand der Verhandlung. Der Rechtsanwalt des Ex-Filialleiters, Stephan Krepcke aus Menden, sagt: „Es herrschte ein lockeres Betriebsklima.“ Sein Mandant habe mit dem Kuss darauf hinweisen wollen, dass Hüfthosen und String-Tangas im Supermarkt nicht angebracht seien.

Der Arbeitsrichter geht auf die Details nicht weiter ein. Er sagt dem Kläger aber, dass die Angelegenheit auch durchaus für den Staatsanwalt interessant sein könnte. Und liest dem 44-Jährigen die Leviten. „Sie haben wohl noch nichts von der alten Veltins-Reklame gehört? Nur gucken, nicht anfassen!“ Hätte der Arbeitgeber nicht reagiert, hätte er sich schadensersatzpflichtig gemacht, so der Richter weiter. Und zum „hemmungslosen Sex“: „Wenn ich so was zu meiner Mitarbeiterin sagen würde, würde sie mir einen vor den Kopp hauen.“

Nun geht’s aber nur noch um Zahlen. Der Rechtsanwalt des Discounters, Colin Rapp aus Dortmund, erklärt sich zu einem „kosmetischen Vergleich“ bereit. „Von mir aus eine Kündigung zum 30. Juni, aber bezahlen werden wir nichts mehr!“

Der Richter möchte mehr. Dem Kläger stehen noch drei Wochen bezahlter Urlaub zu, das Geld soll er auch bekommen. Und ein Zeugnis soll er kriegen, „ein vernünftiges, das seinem beruflichen Fortkommen dienlich ist“. Rapp willigt ein. Obwohl: Nötig hätte der Kläger das wohl nicht. Seit vier Wochen hat er einen neuen Job.

Olaf Moos

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