Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 8

Videotheken im Visier der Kirche: Angst vor Zombies und Sex-Bestien

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Zu den zahlreichen Videotheken Lüdenscheids in den 80er-Jahren gehörte auch der „Videotreff Media X“ an der Glatzer Straße.

Lüdenscheid - Die 80er-Jahre waren nicht nur die große Zeit der Video-Branche. Sie wurden auch rasch zur Zeit der Bedenkenträger. Denn wer wollte schon, dass seine Kinder von Zombies, Raubmördern und Sex-Bestien umzingelt sind?

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 8 erlebt die noch junge Videoverleih-Branche ihren ersten großen Skandal. Kirche, Jugendamt und Raubkopierer machen den Videothekenbetreibern auch in Lüdenscheid das Leben schwer.

Verleih und Handel mit Video-Kassetten erlebten Anfang des Jahrzehnts tatsächlich einen gewaltigen Boom in der Bergstadt. Alsbald sahen sich aber die Gewerbetreibenden der Branche vor Ort Problemen ausgesetzt, die kaum jemand von ihnen vorausgeahnt hatte.

Der Vorstand des Kreiskatholikenausschusses (KKA) im Kreisdekanat Altena- Lüdenscheid beschäftigte sich zum Beispiel Anfang 1983 mit dem Thema Video und kam zu dem Fazit, dass die Öffentlichkeit nachdrücklich vor dem neuen Medium und Videoverleihern gewarnt werden müsste. Diese Warnung fußte auf einem Beispielfilm, den Kreisjugendreferent Hubert Ginth aus einer Videothek ausgeliehen und dem Vorstand vorgeführt hatte.

Laut KKA-Vorstand war die Videotechnik weiterhin dazu geeignet, Kinder und Jugendliche mehr noch als das gängige TV-Programm von der Wirklichkeit zu isolieren. Es wurde öffentlich gefordert, dass Eltern, Mitarbeiter von Jugendeinrichtungen und Verbänden, Lehrer und Kindergärtner sich in medienpädagogischen Fragen stärker als zuvor engagieren sollten, um dem „Video-Boom“ zu begegnen. Herstellern und Vertreibern der Video-Kassetten wurde nahegelegt, sich einer freiwilligen Selbstkontrolle zu unterziehen. Überdies sollte die Politik auf allen Ebenen die organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für einen neuen, wirkungsvolleren Jugendschutz schaffen. Als besonders problematisch für diesen neuen Jugendschutz stellte der KKA die zunehmende Produktpiraterie auf dem Video-Markt heraus.

Die Kriminalpolizei ist erfolgreich

In Sachen Video-Raubkopien ermittelte längst schon die Lüdenscheider Kriminalpolizei. Und die Beamten wurden schnell fündig. Ein 28-jähriger Bergstädter war in den Verdacht geraten, einen lukrativen Handel mit Raubkopien zu betreiben. Nicht nur aktuelle Videothekenware, sondern auch illegal mitgeschnittene Kinofilme vermutete die Kripo bei dem Mann. Die Hinweise verdichteten sich, sodass letztlich eine Hausdurchsuchung erwirkt wurde. 133 Video-Kassetten fanden und beschlagnahmten die Beamten bei dem Lüdenscheider. „Schwarze Ware“ im Gesamtwert von rund 10 000 Mark. Neuzugänge für die Asservatenkammer der Hagener Staatsanwaltschaft, in der sich bereits unzählige Raubkopien stapelten, wie Oberstaatsanwalt Klaus Höhn gegenüber den LN bestätigte.

Redakteur Peter Sieger formulierte die süffisante Zeile: „Preisfrage: Wer hat weit und breit das größte und aktuellste Angebot an bespielten Video-Kassetten? Antwort: Die Hagener Staatsanwaltschaft.“

Der illegale Handel betraf nicht nur das deutschsprachige Kassettenangebot. Der Lüdenscheider Schwarzmarkt umfasste auch türkischsprachige Videofilme. Deren Handel brachte Videothekar Ismail Yaman um seinen Broterwerb.

Um unlauteren Verleihern das Handwerk zu legen und seinen Betrieb vor dem drohenden Aus zu bewahren, versuchte er mit Hilfe von Ordnungsamt und Staatsanwaltschaft, jene Landsleute dingfest zu machen, die seine Existenz bedrohten. Besonders wütend zeigte sich der Videoverleiher aus der Kluse über einen Ladenbetreiber an der Karolinenstraße, der den eigenen illegalen Video-Handel mit Visitenkarten und Flugblättern bewarb, aber bei dem das Ordnungsamt keinen Verstoß gegen geltendes Gesetz nachweisen konnte. Amtsleiter Leonhard Heider gab sich trotzdem zuversichtlich: „Wir wollen die Sache in Kürze klären...“ Ismail Yaman nutze das nichts mehr, sein Video-Verleih war finanziell nicht mehr tragbar und musste kurze Zeit später geschlossen werden.

Während Kripo, Staatsanwälte und Ordnungsamt Raubkopierern den Kampf angesagt hatten, folgte das Lüdenscheider Jugendamt dem Appell des KKA und machte weiter auf die „Schocker“ auf Video aufmerksam. „Uns macht die Gewaltverherrlichung auf vielen Video-Filmen ernste Sorgen. Selbst Eltern, die sich keinen Video-Recorder anschaffen, können in Zukunft nicht mehr sicher sein, dass ihre Kinder diese brutalen Streifen nicht sehen“, sagte Jugendamtsleiter Peter Zurmühl. Stadtjugendpfleger Alexander Neumann sprach davon, dass sich in den Regalen der Video-Verleiher immer mehr Streifen „breit machten“, die verrohend wirkten, zum Rassenhass aufstachelten oder NS-Gewalt verharmlosten. Sie verherrlichten Gewalt, Verbrechen, Drogenkonsum, stellten pornografische und frauendiskriminierende Darstellungen in den Mittelpunkt.

Ein Mitgliedsausweis der Videothek an der Glatzer Straße.

Warnungen vor dem „Video-Schund“ bestimmten 1983 flächendeckend das westdeutsche Mediengeschehen. Das führte dazu, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BpjS) in Bonn ihre Anzeigepraxis änderte. Nicht nur die obersten Landesbehörden konnten jetzt die Prüfung potenziell jugendgefährdender Medien beantragen, sondern auch die kommunalen Jugendämter und die freien Träger der Jugendhilfe.

Sofern die Prüfer der Bundesbehörde einen Verstoß gegen die Paragrafen 131 (Herstellung und Verbreitung von Gewalt verherrlichenden Inhalten) und 184a (Herstellung und Verbreitung von gewalt-pornografischen Inhalten) des Strafgesetzbuchs als gegeben ansahen, wurden ab sofort auch Video-Kassetten und Computer- und Videospiele, sogenannte Telemedien, auf den berüchtigten Index gesetzt. Die Indizierung auf eine von zwei Listen (Liste A für jugendgefährdende Medien, Liste B für schwer jugendgefährdende Medien) war die Folge.

Bei einem Eintrag in Liste A wurde Werbung, öffentliche Auslage sowie eine Weitergabe des entsprechenden Mediums an Minderjährige untersagt. Ein Eintrag auf Liste B machte den Weg für ein Totalverbot des Mediums und eine bundesweite Beschlagnahmung durch Amtsgerichte frei. „Im Namen des Volkes“ schlug der Hammer allerorts nun gnadenlos zu. Überwiegend betraf die Beschlagnahmungswelle Filme, die bis dato noch völlig unbeanstandet in den Kinos zu sehen gewesen waren. Auf Video-Kassetten wurden sie aber einkassiert und Strafverfahren gegen Filmverleiher und Videothekare eingeleitet. Letztere blieben außerdem auf den Kosten der eingezogenen Kassetten sitzen. Harte Zeiten für eine Branche, die gerade eben noch trunken vor Goldgräberstimmung gewesen war.

CVJM-Stadtverband geht allen voran

In Lüdenscheid wurde eine Reihe von Initiativen gegen die „üblen Machwerke der Film- und Videoproduktion“ gestartet. Allen voran ging der CVJM-Stadtverband mit seinem „Lüdenscheider Aufruf“, einem von mehr als 5000 Bürgern unterzeichneten Papier, das an Bundes- und Landesregierung, Bundestag und Bundesrat adressiert war. Gefordert wurde sofortiges Handeln, um die unregulierte Verbreitung von jugendgefährdenden Videos zu unterbinden.

Mit Erfolg! „Es rührt sich was“, sagte der damalige CDU-Fraktionschef Hartmut Waldminghaus. Sowohl Dr. Horst Waffenschmidt, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, als auch NRW-Finanzminister Dr. Diether Posser hatten auf die Petition geantwortet und versichert, dass schärfere gesetzliche Regelungen alsbald greifen sollten, um Produktion, Einfuhr, Vertrieb und Weitergabe gewaltverherrlichender und menschenverachtender Filmprodukte zu unterbinden.

Im Brief an Waldminghaus bestätigte Waffenschmidt die Notwendigkeit einer Novellierung des Jugendschutzgesetzes hinsichtlich der vermeintlichen „Gewalt-Video-Flut“. Bis es aber tatsächlich so weit war, dass ein neues Jugendschutzgesetz auf den Weg gebracht werden konnte, sollten noch zwei Jahre vergehen. Zwei Jahre, die besonders für die Videoverleiher alles andere als angenehm waren. Gegen vier Lüdenscheider Videothekare wurde 1983 wegen der Verbreitung von Gewalt-Videos und Verstößen gegen den Jugendschutz Anzeige erstattet.

Besondere Brisanz erhielt das Thema auch dadurch, dass sowohl Jugendamtsmitarbeiter wie Vertreter der Kirchenkreise und Privatpersonen in Leserbriefen in den LN ihren Unmut über den „Video-Boom“ Luft verschafften. Als Sprecher für die Video-Branche vor Ort stiegen Michael Ackermann und Hans-Jürgen Diemitrioff in die in die Diskussion ein. So wies Ackermann zum Beispiel die Behauptung zurück, dass allein 3000 der 5000 im Verleih vorhandenen Kassetten stark jugendgefährdende Streifen seien. Allenfalls fünf Prozent „Schund“ befände sich unter den Verleihtiteln, sagte der Lüdenscheider.

Andererseits wurden den besorgten Jugendschützern Zugeständnisse gemacht. Michael Ackermann sortierte zwei der „schlimmsten“ Filme aus seinem Programm aus. Namentlich handelte es sich dabei um die Kannibalen-Reißer „Lebendig gefressen“ und „Maneater – Der Menschenfresser“ – zwei italienische Werke, deren inhaltlichen Qualitäten schon damals in Video-Magazinen als „dreiste Volksverdummung“ bezeichnet wurden. Bei der BpjS sah man das ähnlich – und machte den Weg für ein Totalverbot beider Filmkassetten frei.

Jetzt bricht der Sturm erst richtig los

Gerade, als die Videoverleiher geglaubt hatten, dass die Kuh vom Eis sei, brach quasi über Nacht der Sturm über ihnen wirklich los. Das ZDF strahlte im Frühjahr 1984 eine 45-minütige Dokumentation mit dem Titel „Mama, Papa, Zombie“ aus, in der die Schuldigen für Verfall von Moral und Sitte und Verrohung der Jugend klar benannt wurden – die Videoverleiher!

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