„Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ (7. Teil)

Lüdenscheider Videotheken: Von Pumuckl bis Porno

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Das „Video-Center“ von Hans-Jürgen und Monika Dimitroff an der Werdohler Straße war großzügig in seinen Dimensionen.

Lüdenscheid - In Jogginghosen ins Kino? Das verhinderte in den 80er-Jahren noch der gute Geschmack. Die Rettung nahte in Form von Videokassetten. Jetzt gab es Kintopp auf dem Sofa. Auch in Lüdenscheid.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es direkt zu den anderen Folgen) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 7 geht es um die Evolution im Heimmedienbereich. Der Video-Rekorder kommt Anfang der 80er in die Lüdenscheider Wohnzimmer und damit beginnt auch die Ära der Videotheken vor Ort.

In den 1980er-Jahren ist das Ladenlokal in den Räumen der Knapper Straße 59 ein gleichermaßen magischer wie leicht verrufener Ort. Ein Schritt durch die Eingangstür führt die Besucher in das Labyrinth der Schaulust.

Auf zwei Etagen gibt’s im „Video-Land“ all das, was das Wochenende im heimischen Wohnzimmer versüßt: mehr als 1000 Video-Kassetten und Atari-Telespiele für jeden Geschmack. Samstagmorgengens ist der Laden ein Treffpunkt von Filmfreunden, die mit Gleichgesinnten am Tresen der Videothek fachsimpeln. Für die jüngsten unter den Video-Fans sind direkt am Eingang mehrere Regale mit kindgerechter Sehkost aus dem Hause Disney befüllt, Erwachsene, die weniger Jugendfreies suchen, werden in der oberen Etage fündig. Zwischen Standaschenbechern und bunten Filmplakaten wird gebummelt, das Programm fürs Wochenende zusammengestellt.

Und während im Innenstadtkino mal wieder ein Filmriss für Frust sorgt, gibt’s daheim Bandsalat im Rekorder. „Gestern Utopie – Heute Wirklichkeit!“, lautete der Slogan mit dem der niederländische Elektronikkonzern Philips 1969 auf der Deutschen Industrieausstellung in Berlin einen riesigen, mehr als 40 Kilogramm schweren Klotz vorstellte, der es ermöglichte, Fernsehprogramme von bis zu 45 Minuten Länge auf Magnetbändern zu speichern und später wiederzugeben.

Der „video-recorder 3400“ , so der Name des Technikwunders, war allerdings bei einem Preis von rund 7000 Mark kaum für private Haushalte erschwinglich – und von seinen Konstrukteuren auch eher als Gerät für die Industrie oder Bildungseinrichtungen konzipiert. Griffen die doch bisher genau wie Privatleute auf die Super-8-Schmalfilmtechnik zurück, die allenfalls bis zu 22 Minuten pro Rolle Aufnahmen wiedergeben konnte und auch nicht dazu geeignet war, Fernsehprogramme direkt vom TV-Gerät aus zu konservieren.

Der Kampf der Video-Systeme

Auf Grundlage des massigen Philips-Rekorders entwickelten in den kommenden Jahren verschiedene Firmen Geräte für den Heimgebrauch.

Philips und der deutsche Partner Grundig brachten ein Heimkinosystem mit Namen „Video 2000“ heraus, Sony kam mit dem „Betamax“-Gerät auf den Markt und der japanische Konzer JVC präsentierte ein Format namens „VHS“ (Video Home System). Drei verschiedene Systeme, die untereinander nicht kompatibel waren, verschiedene Aufzeichnungszeiten zuließen und Unterschiede in Qualität von Bild und Ton aufwiesen. Gemein hatten sie, dass sie allesamt mit Datenträgern gefüttert werden sollten, die in ihrer Erscheinung der Audio-Musikkassette glichen und im Inneren die Magnetbänder auf zwei Spulen führten.

Ende der 1970er-Jahre schwappten die ersten Geräte und Kassetten nach Westdeutschland. Wer nun „Sportschau“ und „Tagesthemen“ aufnehmen und später anschauen wollte, musste ordentlich in die Tasche greifen. Für die Geräte waren zwischen 2000 und 3000 D-Mark zu berappen, jede Kassette kostete zwischen 40 und 80 Mark. Was da unter dem Oberbegriff „Videorekorder“ firmierte, war ein besonderer Luxus, der für die breite Masse der Kinofreunde aber schnell interessant werden sollte – als die internationalen Kinofilmverleiher und -Produktionsstudios für die Erfolge auf der großen Leinwand eine Zweitverwertung auf Video-Formaten für vorsahen.

Doch wie sollten die Kinogänger eine gut sortierte Sammlung ins Regal bekommen, wenn zum Beispiel die Italo-Western-Perle „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder der Sci-Fi-Hit „Die Klapperschlange“ satte 250 Mark für den Endverbraucher kosteten? Die Antwort von Seiten der Industrie zu jener Zeit: Gar nicht! Kommerziell lukrativer erschien da schon eine Variante, bei der die Kundschaft die gewünschte Ware zeitlich eingeschränkt mieten durfte.

Bereits 1975 hatte in Kassel ein Geschäft eröffnet, das Medienträger verschiedener Couleur gegen ein Entgelt zeitlich begrenzt herausgab. Dieses Erfolgsmodell wurde weltweit zum Vorbild für eine neue Branche.

1981 beginnt das neue Zeitalter

Sogenannte Videotheken, also Betriebe die ausschließlich auf Vermietung von Abspielgeräten und Video-Kassetten ausgerichtet waren, gab es 1980 noch nicht in Lüdenscheid. Dafür richteten aber immer mehr Rundfunkfachgeschäfte eigene Verleihbereiche in ihren Räumen ein. Bei Radio/Fernsehen Beier an der Hochstraße 7, Radio Lüling auf der Wilhelmstraße 53, in Brügge bei Michael Ackermann, Volmestraße 32, klingelten bald mit Video die Kassen.

1981 siedelten sich die ersten „echten“ Videotheken in der Bergstadt an. Der M+T Filmbasar an der Kluser Straße 5 eröffnete, die Ladenkette City-Video wurde im City-Center heimisch, die Märker KG bot jetzt in einem Laden an der Werdohler Straße 75 Filme an. Wer gewerblich vom Video-Wahn dieser Tage profitieren wollte, musste trotzdem ordentlich ins Portmonee greifen: Filme mit einem Vermietrecht kosteten die Videothekare pro Stück zwischen 200 und 350 Mark. Weil drei unterschiedliche Systeme um den Markt konkurrierten, mussten die Videoverleiher daher einzelne Titel gleich mehrfach anschaffen, um Kundenfrust zu vermeiden.

Bei „City-Video“ genoss man als Clubmitglied die eine oder andere Vergünstigung.

Rasantes Wachstum beim Angebot

Um die horrenden Kosten wieder einzufahren, setzten sogenannte „Club-Videotheken“ wie City-Video auf zwei Modelle bei der Vermietung. Zum einen bestand die Möglichkeit, dass Kunden gegen Vorlage ihres Personalausweises und das Entrichten der Vermietgebühr (eine Woche Ausleihe kostete 15 Mark pro Film) die Ware bekamen. Zum anderen bot man eine Club-Mitgliedschaft an, für die eine einmalige Aufnahmegebühr (zwischen 10 und 30 Mark) fällig wurde. Nur Club-Ausweis-Besitzern waren Vergünstigungen bei der Vermietgebühr oder Spar-Paket-Angebote vorbehalten. Im ersten Jahr nach der Geschäftseröffnung besaßen rund 700 Lüdenscheider bereits einen City-Video-Clubausweis.

Bis Ende des Jahres 1981 waren in den Videotheken der Bergstadt schon mehr als 1200 Spielfilmtitel für die Kunden verfügbar. 1982 waren dann bereits doppelt so viele Kassetten erhältlich.

In zwei Millionen westdeutschen Haushalten standen nun Abspielgeräte. Um deren Besitzer möglichst genreübergreifend mit neuer Filmkost einzudecken, wurden nicht nur die Hollywood-Hits aus dem Kino in die Videoverwertungskette überführt, sondern ebenfalls der Kintopp aus abseitigen Ecken auf Kassetten gespielt. Karate, Horror und Porno, die das Überleben der Bahnhofs- und Schachtelkinos in den 1970er-Jahren gesichert hatten, drangen in die Regale der Video-Händler.

Eine Zeitschrift aus Iserlohn

Dass die Nachfrage nach Video-Geräten und -Kassetten so rasant angestiegen war, lag an der Geschäftstüchtigkeit der Hersteller, die ihre Systeme an weitere Firmen unterlizensiert hatten. So konnten Versandhäuser wie Quelle zum Beispiel „Video 2000“- oder „VHS“-Rekorder produzieren, die dann unter den Namen hauseigener Marken verkauft wurden. Dadurch sank der Preis für ein Neugerät auf unter 1500 D-Mark.

Gerade durch die Masse an immer neuen Kassetten hatten immer mehr Filmkonsumenten Probleme, sich im Angebotsdickicht zurechtzufinden. Schützenhilfe bei der Entscheidungsfindung kam aus Lüdenscheids Nachbarstadt: Der Altenaer Michael Brieden verlegte ab 1982 seine 44-seitige Zeitschrift „Video News“, in der er monatlich die Neuheiten des Videomarktes vorstellte. Mit einer Startauflage von 50 000 Exemplaren ging das Heft in den Druck und lag kurze Zeit später auf den Tresen der Videotheken im Märkischen Kreis für je 2,50 Mark aus.

Die Brügger gingen in Marlies Olmas „Video-Farm“.

Die Nachfrage nach Videos war in Lüdenscheid weiterhin ungebrochen, sodass weitere Videotheken in den nächsten Jahren eröffneten. Das „Video-Land“ wurde an der Knapper Straße 59 eingerichtet, die „Videothek am Rathausplatz“ bezog die Kersting-Passage (Rathausplatz 15), Hans-Jürgen und Monika Dimitroff kamen mit dem „Video-Center“ an den Worthnocken 1 und die Werdohler Straße 42-44.

Mit einem Videoverleihangebot, das ausschließlich auf türkischsprachige Filme ausgelegt war, startete Ismail Yaman im Haus Kluser Straße 22 in die Selbstständigkeit. Den Stadtteil Brügge schließlich versorgte ab dem Jahr 1986 Marlies Olma in ihrer „Video Farm“ in den ehemaligen Räumen des Radiogeschäfts Ackermann mit Kassetten.

Hier geht es zu den anderen Folgen:

Folge 1: Unvergessene Lichtspielsäle: Rückblick auf die Kinos in Lüdenscheid

Folge 2: Kinos in Lüdenscheid: Der Gigant mitten in der Stadt

Folge 3: Kinos in Lüdenscheid: Im Filmpalast wird‘s allzu feurig

Folge 4: Das bleibt nach dem großen Boom: Multiplex und Edel-Boom

Folge 5: Regisseure: Die Kino-Zulieferer

Folge 6: Wilde Zeiten in der Sex-Hauptstadt Sündenscheid

Folge 8: Videotheken im Visier der Sittenwächter: Kirche fürchtet Zombies, Raubmörder und Sex-Bestien

Folge 9: Spiel mir das Lied vom Videotheken-Tod

Folge 10: Vom Video zum Telespiel: Lüdenscheider sind süchtig nach Klötzchen

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