Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 6

Wilde Zeiten in der Sex-Hauptstadt Sündenscheid

Lüdenscheid - Welche Stadt war in den 70er- und 80er-Jahren die „Sauerländer Hauptstadt der Sünde“? Genau: Lüdenscheid! Sie glauben es nicht? Dann lesen Sie mal...

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie)unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. Folge 6 beschäftigt sich mit der Bergstadt im Strudel der Kommerzialisierung der sexuellen Revolution, die ab der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre Westdeutschland überkam. Der Slogan „Sex sells“ war nicht mehr allein den sündigen Meilen der Großstädte vorbehalten, sondern manifestierte sich nun auch in der Provinz. Ein Streifzug durch verr(a)uchte Kneipen, dunkle Ecken und Amüsierbetriebe.

Nach außen hin vermittelte die Kneipe an der Wehberger Straße jenen Eindruck, den Lüdenscheider Schankwirtschaften 1969 eben so machten. Rustikales Ambiente, vom Zigarettenrauch geschwängerte Luft, und am Tresen wurde geklönt, Skat gekloppt und Bier getrunken.

Wenn der Wirt den Projektor aufstellt...

Gastwirt Wilhelm K. reichte den Gästen Schnittchen oder Frikadellen. Hausmannskost auf die Faust – nichts, was es nicht auch in anderen Pinten gab. Nur zu fortgeschrittener Stunde nach Mitternacht, wenn die Stimmung im Lokal ihren Höhepunkt erreichte, dann schloss der Wirt die Tür seiner Kneipe von innen ab, zog die Gardinen zu.

Die ausgewählte Kundschaft, die jetzt noch im Schankraum saß, war sich im Klaren darüber, dass für jede weitere Bestellung den Rest der Nacht ein happiger Preisaufschlag fällig wurde. Ein Aufpreis, den K. für das Spektakel geltend machte, das folgte.

Der Wirt holte einen Super-8-Schmalfilmprojektor hinter dem Tresen hervor. Acht Filmrollen und knapp 200 Dias mit pornografischen Inhalten wurden regelmäßig nachts in dem Lokal an die Wand projiziert. Ganz zur Freude der Kunden – und zum Verdruss der Sittenwächter.

Im September 1970 bereitete die Lüdenscheider Kriminalpolizei den frivolen Vorführungen ein Ende. Sowohl das Ordnungsamt wie auch die Staatsanwaltschaft mussten sich nun mit dem Fall des „Porno-Wirts“ beschäftigen. Kein Einzelfall in jenen Tagen, wie die LN damals berichteten.

Eine Vielzahl von Gastronomen besserte ihre Kassen mit Vorführungen dieser Art auf – obwohl hohe Geldstrafen zu zahlen waren, wenn man sich dabei erwischen ließ. Denn selbst mit der entsprechenden Konzession für Filmdarbietungen verbot der Gesetzgeber die Vorführung von Pornografie – obschon sich die Sexualmoral 1970 allmählich wandelte.

"Die angezogene Wirklichkeit ist härter"

So schrieb der Autor Peter Stieff damals in einem Artikel auf der Jugendseite der LN: „Wo alles Sex will, lässt sich Unschuld schwer verkaufen. Viele Mädchen tragen scheinbar schwer daran. Ellenbogenspiele gibt es nur in Jungfilm-Opas Kintopp, die angezogene Wirklichkeit ist härter und da überlegt das Mädchen: Wie mache ich mich sexy, ohne gleich den Sex herauszufordern? Denn an irgendeiner Stelle waltet die Einsicht, dass es natürlich Unsinn ist, seine Haut auf den Markt zu tragen, wenn bei Überangebot die Preise fallen.“

Stieff appellierte in dem Text an Mädchen im Teenager-Alter, weniger nackte Haut zu zeigen. Er formulierte, dass ein „schöner Augenaufschlag“ wichtiger sei, als sich jedermann einfach anzubieten. Doch – wo kam sie her, diese „harte Wirklichkeit“ in der vermeintlich jeder nur Sex wollte?

Für das, was sich in Lüdenscheid (und im Rest Westdeutschlands) in Form von Amüsierbetrieben, Nacht-Clubs, Sex-Shops und Porno-Clubabenden in den 70er-Jahren manifestieren sollte, gab es mehrere Faktoren, die ineinandergriffen. Zum einen war da die Einführung der Anti-Baby-Pille im Jahre 1961. 1962 eröffnete eine Frau namens Beate Rotermund-Uhse – die später noch zu den erfolgreichsten Unternehmerinnen der BRD werden sollte – in Flensburg ein „Geschäft für Ehehygiene“, den ersten Sex-Shop der Wellt.

Die Pornographie und die Theorie

Zum anderen waren da die Hippie-Bewegung und ihre Forderung nach freier Liebe sowie die Studentenbewegung von 1968, die deren Motive aufgriff. Statt auf „Flower Power“ fußte der Ruf der neuen Linken in Westdeutschland aber auf dialektischen Bewegungen der intellektuellen Elite der Geisteswissenschaften, die schon teilweise vor dem Zweiten Weltkrieg formuliert wurden: Wäre das Dritte Reich und seine industrialisierte Massenvernichtung zu verhindern gewesen, wenn die Vielfalt von Religion, Lebens- und Liebesentwürfen des Individuums nicht durch Restriktionen unterdrückt worden wären?

Schulmädchen erregen die Gemüter

Ein neues gesellschaftliches System an Sexualethik und -moral sollte her. Passend zum Zeitgeist ereilte eine Welle von Aufklärungsfilmen die Kinoleinwände. Im Fahrwasser von Oswalt-Kolle-Streifen wie „Das Wunder der Liebe“ (1968) oder „Deine Frau, das unbekannte Wesen“ (1969) drehten die Filmstudios in der BRD nun wie am Fließband immer weitere Produktionen, die unter dem Deckmantel der Aufklärung Fleischbeschau für das Massenpublikum boten.

„Der Schulmädchen-Report“ (1970) erreichte schließlich sechs Millionen Zuschauer und trat eine „Sex-Welle“ los. Eine Masse an „Report“-Filmen mit pseudo-aufklärerischem Charakter wurde heruntergekurbelt und ließ die Kinokassen klingeln – auch in Lüdenscheider Lichtspielhäusern. Publikumserfolge wie „Krankenschwestern-Report“ (1972) sorgten aber nicht nur bei den Zensoren für Sorgenfalten, sondern brachten gleich noch öffentliche Proteste von Berufsverbänden mit sich.

Filmpalast-Chef Hermann Müller zeigte sich gegenüber den LN trotzdem überrascht, als im Mai 1972 die Kripo auf der Matte stand, um die Filmrolle des „Krankenschwestern-Report“ einzukassieren: „Ich habe da schon ganz andere Streifen gesehen, die weit mehr an Pornographie grenzten. Und die wurden nicht verboten.“

Harte Pornos auch im Filmpalast

Der Zensur zum Trotz war die Enttabuisierung des Sex in der Gesellschaft im vollen Gange. 1975 kam es zu einer Novellierung des Pornographie-Paragraphen. In Hermann Müllers Filmpalast liefen von da an auch harte Pornos, wie zum Beispiel die „Tam-Tam“-Filmprogramme. Im 1976 neu eröffneten Kino „Lux“ im Gothaer-Haus beinhaltete die Programmausrichtung sowohl Familienfilme wie auch harte Action und Porno.

Das lohnende Geschäft mit der Lust führte in der Bergstadt in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre zu mehreren Neueröffnungen von Sex-Shops. An der Knapper Straße 20 zog solch ein Laden ein, an der Friedrichstraße 37 (mit Non-Stop-Filmkabinen „mit guten und rasanten Filmen“) auch – und die Kluser Straße 8 bekam ihre „Boutique D’Amour“. Zudem schossen Nackt-Bars, Bordelle und weitere Amüsierbetriebe wie Pilze aus dem Boden.

Wer sich über das Liebesangebot der Provinz informieren wollte, konnte damals an den bundesdeutschen Bahnhofsbuchhandlungen das Magazin „Die Nummer – Sex-Informationen für Männer“ für zehn Mark erwerben. In „Stiftung Warentest“-Manier wurden die Sauerländer Etablissements vorgestellt, in denen „die Post abging“.

Lüdenscheids „Top-Adressen“ waren die Bar „Lady M“ („Lady M.’s Miezen machen müde Männer munter“) im Sauerland-Center, das Separée-Lokal „Le Pirat“ (später in „Mona-Lisa-Bar“ umbenannter „Treffpunkt für Männer, die das Besondere lieben“) an der Volmestraße 55, der Filmclub „Erotica“ an der Luisenstraße 21 („Ein spitzen Filmprogramm“), die „Lido-Bar“ an der Schiefen Ahelle, die Striptease-Bar „Boulevard 2000“ an der Altenaer Straße 187 und das „Trocadero“ an der Schützenstraße.

Sex-Shops und Bordellbetriebe

Letzterem Edelbordell haftete schon damals ein legendärer Ruf an, wie auch der gebürtige Lüdenscheider und Filmregisseur Wolfgang Büld rückblickend erzählt: „Das Trocadero war das Sündenbabel des Sauerlands. Es wurden Geschichten erzählt, dass dort eine Tänzerin nackt auf der Bühne sitzt mit einer Kerze im Schritt, und die Raucher können sich bei ihr Feuer holen. Ich habe mich da nicht rein getraut – und war sowieso Nichtraucher zu der Zeit“, erzählt Büld.

Und Gerhard Geisel, Mitautor des Buchs „Unterwegs in Lüdenscheid“, versicherte vor wenigen Jahren noch, dass es vom „Trocadero“ keine Innenaufnahmen gebe, da hier „nie ein Lüdenscheider reinging“. Diese Behauptung kann mittlerweile widerlegt werden, denn jüngst fand sich im Nachlass eines bekannten Lüdenscheider Fotografen ein alter Werbe-Flyer des „Trocadero“, der neben Preisen (200 Mark kostete das Vergnügen pro Stunde mit einer Dame im Schwimmbad des Hauses) auch Farbfotos aus dem Inneren des Amüsierbetriebs zeigt. Zu sehen ist darauf unter anderem der Badebereich: Vor einer Wand mit knallbunter 70er-Mustertapete rekeln sich barbusige Damen.

Das Angebot an käuflicher Liebe wahrzunehmen war für die Kunden aber nicht immer ganz ungefährlich. Die Lüdenscheider Kriminalpolizei warnte eindrücklich vor sogenannten „Zechanschlussrauben“: „Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, wenn sich in einem Nachtlokal eine Dame dem Besucher auf den Schoß setzt. Es ist nur der Blick auf die Brieftasche des Besuchers, der hier einmal etwas erleben möchte. Oft genug erlebt er mehr, als ihm lieb ist.“ Wer sich leichtgläubig Verlockungen und Versprechungen hingebe, der laufe Gefahr, hinter der nächsten Ecke Geld und Zähne einzubüßen.

Blaue Flecken und blanke Haut gegen ein saftiges Eintrittsgeld wurden am 1. September 1977 in der Schützenhalle präsentiert. Das fragwürdige Spektakel unter dem Titel „Zarte Fäuste und klatschende Brüste“, ein Frauen-Nacktboxkampf eines süddeutschen Ausrichters, war hauptsächlich ein Aufregerthema, weil die Stadtväter gegen den Veranstalter prozessierten, um eine eingeforderte Vergnügungssteuer über 3750 D-Mark durchzusetzen. Die Stadt unterlag jedoch vor dem Kadi.

Bis Mitte der 1980er-Jahre ebbte die Sex- und Porno-Welle nach und nach ab, Lüdenscheid verlor langsam seinen Ruf als „Sauerländer Hauptstadt der Sünde“, und in den berühmt-berüchtigten Clubs und Bars gingen die Lichter aus. Das Geschäft mit dem Sex sorgte vor Ort trotzdem noch einmal kurzzeitig für Proteste und Empörung. Als nämlich im Juni 1980 die „Boutique Top-Sex“ ins City-Center einziehen und dafür der Jugendtreff weichen sollte. Die Politik vermittelte zwischen dem Center-Management und der Jugend und letztlich zog der Treff in dreifach so große Räume innerhalb des Hauses um.

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