„Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ (9. Teil)

Langsamer Niedergang: Spiel mir das Lied vom Videotheken-Tod

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Die letzte Lüdenscheider Videothek war bis Januar dieses Jahres an der Werdohler Straße zu finden. Mit dem Tod ihres Inhabers Alfred Rabsteinek wurde sie geschlossen. Unser Bild zeigt Rabsteinek, der das Geschäft seit 1998 betrieben hatte, mit seiner Mitarbeiterin. Stefanie Bichler.

Lüdenscheid - Was die Jugendschützer und Sittenwächter begannen, vollendete der technische Fortschritt: Lüdenscheids Videotheken ging die Puste aus.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu den anderen Folgen) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 9 muss sich die Video-Branche neu aufstellen. In der öffentlichen Debatte um Jugendschutz und Gewalt-Videos hat der Ruf der Verleiher stark gelitten. Das Geschäftsmodell bedarf einer dringenden Überarbeitung. Die kommt. Aber auch die Digitalisierung. Und mit ihr neue Medien, die schließlich zum Videothekensterben führen.

Die ausgeliehene Video-Kassette ist im Fach des Abspielgeräts versenkt worden, und der Knopf mit der Beschriftung „Play“ am Rekorder wurde gedrückt. Nach kurzem Bildrauschen auf dem TV-Schirm sollte eigentlich sofort der Film starten, aber etwas ist diesmal anders.

Das Bild wird schwarz, kurz darauf erscheint dort ein gelbes Quadrat in der Mitte mit der Information „Freigegeben ab 6 Jahren gemäß §7 des JÖSchG FSK“. Eine Laufschrift kriecht das Bild herauf, vorgelesen von einer sonoren Männerstimme, die aus den Lautsprechern des Fernsehers tönt: „Liebe Videofreunde, bevor Sie sich das Videoprogramm Ihrer Wahl anschauen, bitten wir Sie einen Moment um Ihre Aufmerksamkeit. Wie Kinofilme werden auch Video-Programme von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) daraufhin geprüft, für welches Alter sie geeignet sind...“

Irritation im Wohnzimmer

Irritation im Wohnzimmer. So lange jedenfalls, bis jemand aufsteht, um die Vorspultaste am Videogerät zu drücken.

Was war passiert an diesem Samstagnachmittag im Frühjahr 1985? Die Politik hatte auf den seit mehr als zwei Jahren anhaltenden Ruf der Jugendschützer nach einer Regulierung des Video-Sektors reagiert. Am 25. Februar 1985 war die Neufassung des Jugendschutzgesetzes in Kraft getreten – und damit auch zahlreiche Auflagen für die westdeutsche Filmindustrie und die Verleiher von Kassetten. Für die Vertreiber von Videos galt jetzt die Prüfungs- und Kennzeichnungspflicht ihrer Filme durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden. Und was deren Prüfern an Inhalten vorenthalten wurde oder missfiel, durfte von jetzt an weder beworben noch in Räumen ausgestellt sein, in denen Minderjährige Zutritt hatten. Letzteres galt auch für Streifen, bei denen die Prüfer eine Alterskennzeichnung „ab 18“ erteilt hatten.

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Was den „Wildwuchs an Schund“ in den Videothekenregalen eindämmen sollte, zerteilte zugleich das Verleihgeschäft. Jetzt gab es Familienvideotheken (Keine Filme oder nur extrem geringer Anteil von Kassetten „ab 18“ im Angebot, Eintritt für Minderjährige erlaubt), Kombi-Videotheken (abgeteilter Bereich für „ab 18“-Titel und nicht für Minderjährige einsehbar) und weiterhin klassische Läden der Branche, die ab sofort von Minderjährigen nicht mehr betreten werden durften.

Keine türkischsprachigen Kassetten mehr

City-Video (im City-Center) und das „VFL Depot“ der Märker KG (Werdohler Straße 75) hatten 1985 die Filialen in Lüdenscheid bereits dichtgemacht. Das Dortmunder Ehepaar Diemietroff konzentrierte sich auf sein Video-Center an der Werdohler Straße 42, und die Filiale am Worthnocken gab man auf. Video Yaman an der Kluser Straße gab’s nicht mehr.

Im Übrigen bedeutete die Novellierung des Jugendschutzgesetzes das Aus für den Verleih türkischsprachiger Video-Kassetten, denn da es sich um importierte Ware handelte, besaßen die Filme keine FSK-Kennzeichnungen. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass sie juristisch gesehen automatisch wie Kassetten mit totalen Jugendverbot behandelt werden mussten. Da war es völlig unerheblich, ob es sich bei dem Video nun um eine türkischsprachige Variante von Mickey-Maus-Abenteuern oder doch um bedenkliche Gewalt-Exzesse mit dem türkischen Superstar Cüneyt Arkin handelte.

Bedingt durch den mittlerweile schlechten Ruf, den die Debatte um den Jugendschutz den Videotheken beschert hatte, räumte ein großer Teil der Lüdenscheider Radiofachhändler die bisher rentablen Verleihecken aus. Bei Radio Beier an der Hochstraße wurde der Verleih aber in Form einer Ecke mit Familienvideotheken-Flair fortgesetzt.

Fachmagazine brachten Licht in den Video-Dschungel.

Vor dem Ende noch einmal Expansion

Bis Ende des Jahrzehnts expandierte die Video-Branche in der Bergstadt allen Unkenrufen zum Trotz nochmals erheblich. Der Edeka-Markt Im Olpendahl 4 richtete einen Bereich für eine Familienvideothek ein. Olma’s Video-Farm bezog neue Räume in der Heedfelder Straße 11 (1989 von Marlies Olma an Thomas Bittner übergeben), und die Familie Plate eröffnete den Video-Treff Media-X an der Glatzer Straße 11 (später an Erika Schulte übergeben). Am Bräuckenkreuz gab’s zudem eine Neueröffnung einer Videothek.

Dass das Geschäftsmodell um die Video-Kassetten wieder attraktiv wurde, war zwei wesentlichen Faktoren zu verdanken, die finanziell weniger große Aufwendungen bei Neugründungen ermöglichten. Zum einen mussten die Videothekare nicht mehr jeden Film für drei verschiedene Video-Systeme einkaufen. 1985 hatte sich das VHS-Format durchgesetzt, Kassetten für die Systeme Betamax oder Video 2000 waren gänzlich vom Markt verschwunden. Andererseits kam die Verleih-Industrie den Händlern jetzt mit verschiedenen Leasing-Modellen für die Kassetten mit Vermietrecht entgegen. Um die teuren VHS-Kassetten kostengünstiger anzuschaffen, schlossen sich verschiedene Händler nun sogar Einkaufsgemeinschaften an. Die größte war der „Deutsche Video Ring“ (DVR) mit Geschäftssitz in Limburg an der Lahn.

Dem DVR-Videothekennetz schloss sich 1991 die kurz zuvor neu eröffnete Lüdenscheider Videothek „Video Aktuell“ (Knapper Straße 38) von Jörg Ostermann an. Bis Mitte der 1990er-Jahre umfasste der bundesweite Bestand der DVR-Videotheken mehr als 650 Filialen.

Ein Ganove als Ober-Videothekar

Allerdings repräsentierte der DVR die wohl hässlichste Seite der Branche. Hauptgesellschafter Wolfgang Klenk führte ein Schreckensregiment, dem mafiaähnliche Strukturen nachgesagt wurden. Und was da hinter vorgehaltener Hand an Gerüchten kursierte, entsprach leider der Realität.

Klenk, damalig eine halbe Million Mark schwer, und Teile der Unternehmensführung bildeten eine kriminelle Vereinigung, zu deren Steckenpferden Geldwäsche, Betrug oder Rauschgifthandel gehörten. Wer nicht spurte, gar aus dem DVR aussteigen wollte oder die dubiosen Geschäftspraktiken publik machte, riskierte mitunter sein Leben. Beauftragte Schlägertrupps setzten im Auftrag des DVR brutale Bestrafungen um.

Höhepunkt des Grauens war der Fall eines Videothekars, dem auf Geheiß Klenks beide Ohren abgeschnitten wurden. 1997 verurteilte das Landgericht Limburg Wolfgang Klenk und weitere Beteiligte zu hohen mehrjährigen Haftstrafen.

Nach Klenks Haftentlassung machte dessen DVR nur noch als Firma hinter windigen Geschäften von Drückerkolonnen von sich Reden. Die früheren Mitglieder des Einkaufsverbunds hatten sich mittlerweile dem Filialennetzwerk der „World of Video“-Kette angeschlossen. So auch die vorherige Lüdenscheider DVR-Videothek.

Kaufkassetten werden billiger

Bis zum Ende des Jahrzehnts hatte sich die Videotheken-Szene Lüdenscheids nochmals stark verändert. Der Film-Basar an der Kluser Straße hatte sein Verleihprogramm weitgehend auf Pornofilme umgestellt, das Video-Center an der Werdohler Straße übernahm Alfred Rabsteinek.

Neben Media-X an der Glatzer Straße konkurrierten noch „World of Video“ am Knapp sowie eine neu eröffnete Videothek an der Kölner Straße 82 um Kunden. Alle anderen Verleiher der Bergstadt waren nun weg. Ursächlich für die Flurbereinigung war unter anderem der seit 1985 fortwährend größer gewordene Markt mit VHS-Kaufkassetten. Filme gab es schon ab fünf Mark auf Wühltischen in der Kaufhalle, in den Regalen von Kaufhof, Saturn und Quelle.

Die Vermietbetriebe zogen nach, boten Neuware und aussortierte Titel aus dem Verleih den Endverbrauchern für kleines Geld an.

Der nächste Tiefschlag

Zur Jahrtausendwende erfuhr die Videotheken-Branche den nächsten Tiefschlag. Die DVD als digitales Medium löste die analogen VHS-Bänder ab. Ein finanziell schwieriges Unterfangen für die kleineren Verleiher, ihr Gesamtangebot auszutauschen, war die Folge. 2002 begann dann der Aufstieg der illegalen Streaming- und Download-Plattformen im Internet, der den noch verbliebenen Videotheken massive Umsatzeinbußen bescherte.

Als einige Zeit später Blu-Ray und HD-DVD als qualitativ bessere digitale Nachfolger der DVD auf den Massenmarkt drangen, mussten die allmählich umsatzschwach gewordenen Videotheken abermals in neue Medien investieren. Die Welle von Videotheken-Schließungen und der Niedergang der großen Verleih-Ketten nahmen Fahrt auf.

Die Branche trotzte dem Ladensterben mit einem neuen Modell – der Automatenvideothek. Doch das Geschäft mit den Selbstbedienungs-Verleihcomputern für die Kunden zündete nicht. Die Automatenvideothek, die um 2010 in den Räumen der Friedrichstraße 4 eingezogen war, verschwand so schnell und plötzlich wieder, wie sie aufgetaucht war.

Bis 2017 verlor Lüdenscheid alle Videotheken. Alle, bis auf eine – das Video-Center an der Werdohler Straße. Der Tod des Betreibers Alfred Rabsteinek im März 2019 beendete dann die Geschichte der Lüdenscheider Videotheken.

Hier geht es zu den anderen Folgen:

Folge 1: Unvergessene Lichtspielsäle: Rückblick auf die Kinos in Lüdenscheid

Folge 2: Kinos in Lüdenscheid: Der Gigant mitten in der Stadt

Folge 3: Kinos in Lüdenscheid: Im Filmpalast wird‘s allzu feurig

Folge 4: Das bleibt nach dem großen Boom: Multiplex und Edel-Boom

Folge 5: Regisseure: Die Kino-Zulieferer

Folge 6: Wilde Zeiten in der Sex-Hauptstadt Sündenscheid

Folge 7: Lüdenscheider Videotheken: Von Pumuckl bis Porno

Folge 8: Videotheken im Visier der Sittenwächter: Kirche fürchtet Zombies, Raubmörder und Sex-Bestien 

Folge 10: Vom Video zum Telespiel: Lüdenscheider sind süchtig nach Klötzchen

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