Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 5

Regisseure: Die Kino-Zulieferer

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Marc Schaumburg (Bild) drehte in Lüdenscheid die „Kleinstadt-Helden“.

Lüdenscheid - Der bekannteste Lüdenscheider aus dem Bereich Film und Fernsehen ist eine Zeichentrickfigur, die sich auch noch „falsch“ schreibt – Herr Müller-Lüdenscheidt aus dem Sketch von Loriot. Doch es gibt durchaus Filmschaffende aus der Bergstadt, die sich einen Namen gemacht haben.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. Im Mittelpunkt von Folge 5 stehen jene Lüdenscheider, deren filmische Sozialisation in den Lichtspielhäusern vor Ort dafür sorgte, sich selbst hinter die Kamera zu stellen, um Kintopp zu produzieren. Ihre Heimat spielte für sie alle immer mal wieder eine besondere Rolle.

Der 1909 in Lüdenscheid geborene Regisseur Hans Müller schrieb einmal über die Kinos seiner Stadt: „Ich erinnere mich gut an die lebenden Bilder, die in Lüdenscheid zu sehen waren. Im Central-Theater und im Lichtspielhaus an der oberen Wilhelmstraße flimmerten sie über die Leinwand und waren eine echte Sensation. Die Vorführungen übten eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Ich versäumte kaum einen Film, musste aber sehr vorsichtig sein, um nicht von einem Lehrer, der die Jugendkontrolle in den beiden Filmtheatern zur privaten Aufgabe gemacht hatte, erwischt zu werden. Schließlich gab es seinerzeit schon Filme, die nicht jugendfrei waren, die man aber gesehen haben musste.“

Herr Müller auf dem Schützenfest

Müller wollte herausbekommen, wie das funktionierte, was er in den Kinos sah. So kam es, dass er bereits in jungen Jahren den Berufswunsch Regisseur als Selbstverständlichkeit für sich ansah. Der Grundstein für die Leidenschaft Film war gelegt, Zugang zu Material und Technik der Fotografie erhielt Hans Müller dann durch seinen Vater, der eine Fotoabteilung an seine Drogerie angegliedert hatte.

Hans Müller.

Nach dem Studium am Berliner Lettehaus für Optik, Film- und Fototechnik begann Müller die Lebenswelt seiner Heimatstadt auf Zelluloid einzufangen. Es entstanden drei Auftragsarbeiten: ein Film zum 425-jährigen Jubiläum der Lüdenscheider Schützengesellschaft, im Auftrag des damaligen Magistrats Zuncke, ein Imagefilm für die Stadt und ein Streifen über das Leben und Treiben in der Bergstadt von früh bis spät. Allesamt Werke, die den Bürgern vor Ort von Franz Bruckmann im Central-Theater auf der Leinwand präsentiert wurden.

Mitte der 1930er-Jahre begann die Karriere Hans Müllers auf dem großen Parkett als Regieassistent. Müller drehte jetzt unter anderem mit Marika Rökk und Lotte Koch, den großen Stars des deutschen Films. Unter seiner Regie entstanden in den 50ern kommerziell erfolgreiche Streifen wie „1-2-3 Corona“, „Gift im Zoo“, „Zar und Zimmermann“ oder „Hafenmelodie“.

Das Heinz-Erhardt-Lustspiel „Drillinge an Bord“ markierte 1959 Müllers Wechsel von der großen Leinwand zu TV-Produktionen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1977 sollte der Regisseur dem Fernsehen als kreativen Betätigungsfeld sowie auch seiner Heimatstadt als Lebensmittelpunkt treu bleiben.

Für den deutschen Film in den 1950er-Jahren mag Hans Müllers kreatives Schaffen heute für Publikum, Kritik und Filmwissenschaft eine herausragende Stellung einnehmen, doch das Etikett des Lüdenscheider Heimatfilmers haftet bis heute einem anderen Bergstädter an. Wolfgang Büld, Sohn eines Schreiners, erblickte am 4. September 1952 in Lüdenscheid das Licht der Welt. Aufgewachsen am Ramsberg besuchte Büld die Schule an der Kluse, bevor er dann am Aufbaugymnasium in Halver sein Abitur machte.

Wolfgang Büld.

Protest gegen "grüne Teufel"

Die Kindheit zur Wirtschaftswunderzeit, eine Jugend in den wilden, vom Aufbrechen gesellschaftlicher Konventionen geprägten 1960er-Jahren, bestimmten die Lüdenscheider Zeit des späteren Regisseurs und seiner folgenden Arbeiten maßgeblich.

Öffentlich aufmerksam wurde man auf den jungen Büld erstmals durch sein Engagement bei dem Lüdenscheider Ableger der Außerparlamentarischen Opposition (Apo). Deren Protest richtete sich am 18. April 1969 gegen Karl-Heinz Kohns’ Entscheidung, den John-Wayne-Film „Die grünen Teufel“ in das Programm des Stern-Theaters aufzunehmen. Wayne, der zugleich Regie und Hauptrolle des Streifens übernommen hatte, machte keinen Hehl daraus, dass jenes Werk ein Propagandavehikel war, das den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg legitimieren und glorifizieren sollte.

Zum Filmstart der deutschen Fassung kam es bundesweit zu Protesten und Ausschreitungen – und auch Lüdenscheid bekam sein „Sensatiönchen“. Die jungen Aktivisten hatten das Stern-Theater mit Farbe beschmiert, rund 80 von ihnen – darunter auch Wolfgang Büld – blockierten den Eingang zum Kino, um die Absetzung des Kriegsfilms zu erzwingen. Als die Polizei einschritt, setzte es für die Demonstranten Prügel mit Gummiknüppeln.

John Wayne, der war für diese Generation eh nur noch der alternde Leinwand-Cowboy gewesen, dessen Eskapaden das Kino der Eltern repräsentierten. Ein Kino von dem sich die neue Generation von Filmemachern abgrenzen wollte. Wolfgang Büld bewunderte andere Filmemacher und seit er Klaus Lemkes „48 Stunden bis Acapulco“ gesehen hatte, war sie da, diese Sehnsucht danach, diesen jungen Wilden des Kinos anzugehören.

"Sehnsucht“ heißt ein Film, den Wolfgang Büld in Lüdenscheid drehte. Unser Bild zeigt einen Screenshot.

1971 verließ Büld Lüdenscheid, jobbte in Berlin und München als Gelegenheitsarbeiter und schaffte schließlich die Aufnahme an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) München. 1975 kehrte er zurück – im Gefolge ein ganzes Filmteam, um den Kurzfilm „Nur die Sehnsucht bleibt“ zu drehen. Eine Gangster-Liebes-Ballade, um Typen, die immer wieder versuchen, Lüdenscheid zu entfliehen, aber letztlich doch wiederkommen, um die mitzunehmen, die zurückgeblieben waren, und daran haushoch scheitern.

Von Avantgarde bis "Manta, Manta"

Der deutsche Star-Regisseur Dominik Graf beschreibt Bülds ersten Film in einem Essay als eine stilisierte Gangster-Liebes-Ballade mit langen Autofahrten im Wim-Wenders-Stil, durch die Fußgängerzonen Lüdenscheids, lobt „wundervolle Schwarz-Weiß-Bilder, Claude-Debussy-Musik und eine existentialistische Erzählerstimme“. Die „endlos und geradezu poetisch gekrümmte“ Beton-Staudammbrücke an der Versetalsperre sei ein großartiges Setting für den tödlichen Showdown am Ende.

Im Sommer 1978 inszenierte Wolfgang Büld abermals große Teile eines Films in Lüdenscheid. Auch „Brennende Langeweile – Bored Teenagers“, der für die ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ entstand, ist ein Coming-of-Age-Drama, in dem junge Erwachsene versuchen, Lüdenscheid zu entfliehen. Die Motive von Flucht und Konfrontation bei der Rückkehr in feste Alltagsstrukturen tauchen auch immer wieder in den großen Zeitgeistfilmen wie „Gib Gas – ich will Spaß“ oder „Manta, Manta“ auf, die Büld später inszenierte.

Eine ähnliche Funktion wie in Wolfgang Bülds Frühwerken nimmt die Bergstadt in Marc Schaumburgs 2009 gedrehten Kinofilm „Kleinstadthelden“ ein. Der alte Bahnhof, der Film-Palast oder das Ehrenmal an der Parkstraße bilden zum Beispiel den Rahmen für die Protagonisten, die in dem episodenhaft erzählten Film wieder in die Heimat finden, um mit Lebenslügen aufzuräumen und reinen Tisch mit Menschen zu machen, die sie damalig verlassen hatten.

Theo Jaschinski ist entgeistert

Regisseur und Autor Schaumburg, 1977 in Lüdenscheid geboren, ließ unübersehbar autobiografische Eindrücke einfließen, die eine Kindheit im Lüdenscheid der 1980er- sowie die Jugend in den 1990er-Jahren spiegeln. „Kleinstadthelden“, unter den Arbeitstiteln „Comeback“ oder auch „Coming Home“ entstanden, lässt sich klar als Werk eines Regisseurs lesen, dessen Erwachsenwerden zwischen Bandproberäumen im CVJM-Jugendzentrum Audrey’s im Olpendahl, Wochenenden im Wirtshaus „Im Stock“ und Konzerten im Jazz-Keller der Musikschule maßgeblich geprägt wurde.

Hajo Gies.

Nicht nach Lüdenscheid, sondern ins Duisburg der 1980er-Jahre verlegten die gebürtigen Bergstädter Hajo und Martin Gies die Abenteuer ihrer mit Bernd Schwamm entwickelten Figur „Horst Schimanski“.

Der von Götz George unvergleichlich dargestellte „Tatort“-TV-Kommissar erlebte mit „Zahn um Zahn“ (1985) und „Zabou“ (1987) zwei große Leinwandabenteuer, doch gerade die ersten TV-Einsätze wurden in der Heimat der Schimanski-Schöpfer mehr als nur ablehnend aufgenommen.

„Wie der letzte Penner schlich Götz George herum“, empörte sich etwa Hauptkommissar Theo Jaschinski, der Leiter des Kommissariats Lüdenscheid I, 1981 über die Ausstrahlung des „Tatort: Duisburg Ruhrort“. Gegenüber LN-Redakteur Jürgen Kramer sprach Jaschinski über „eine Diffamierung des gesamten Berufsstandes“: „Wir müssten uns eigentlich mal bei unserem Berufsverband beschweren. Denn sonst entsteht in der Bevölkerung wirklich noch der Eindruck, bei der Kripo liefen solche Typen wie Schimanski herum!“ Nun, Schimanski ermittelte noch bis 2013.

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