Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 4

Das bleibt nach dem großen Boom: Multiplex und Edel-Kino

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Der altehrwürdige Filmpalast.

Lüdenscheid - Eines der besten deutschen Kinos ist heute in Lüdenscheid zu finden – und das, obwohl es vor ein paar Jahrzehnten noch so aussah, als hätten Lichtspieltheater auch in der Bergstadt gegen Videokassetten keine Chance mehr. Doch wer spricht heute noch von Videokassetten?

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 4 erlebt das legendäre Capitol seine Wiederauferstehung – und sein unrühmliches Ende. Der Boom der Video-Kassette als neues Massenmedium verlangt von den Kinobetreibern zudem eine Neuausrichtung ihrer Säle.

Kannibalen, Serienmörder, Zombies, Handkantenakrobaten und blanke Busen auf der Leinwand zogen das Lüdenscheider Publikum zu Beginn der 1980er-Jahre noch in Scharen in die Kinos. Trivialer und zugleich höchst vergnüglicher Schund sollte schon bald aber nicht mehr länger auf 35-Milimeter-Filmrollen gebannt werden.

Von Godzillas Monster-Kloppereien bis hin zum italienischen Endzeit-Reißer wanderte die umsatzstarke Filmware nun direkt in die Wohnzimmer – auf Video-Kassette. Der starke Preisverfall bei den Abspielgeräten für die gute Stube und das Aufkommen der Videotheken mit ihren Miet-Kassetten markierte eine Zäsur der Kinobranche.

1980 die ersten Video-Verleihecken

Mit Wiederaufführungen von Publikumslieblingen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Roboter der Sterne“ konnten die Betreiber der Lichtspielhäuser keine Kasse mehr machen, wenn der Videoverleih wenige Häuser weiter dieselben Streifen in den Regalen stehen hatte.

1980 hatten erste Radio-und Fernsehtechniker in der Bergstadt damit begonnen, Verleihecken für Videos in ihren Läden einzurichten. Kurze Zeit später siedelten sich die ersten Geschäfte hier an, die ausnahmslos auf den Video-Vermietbetrieb ausgerichtet waren. Die Kinobetreiber stellten als Reaktion darauf nach und nach ihr Programm um. Aktuelle Hochglanz-Streifen aus Hollywood und neue deutsche Produktionen standen wieder vorrangig auf den Spielplänen.

Der hochmoderne Filmpalast heute.

Die Filmverleiher kamen der Kinobranche nämlich soweit entgegen, dass je nach Anbieter ein sogenanntes Verleihfenster eingerichtet wurde. Das bedeutete, dass nach Kinostart eines Filmes zwischen drei und neun Monate vergehen mussten, bevor dieser für den Videomarkt ausgewertet würde.

Trotzdem zogen sich bisherige Macher der Lüdenscheider Kino-Szene zurück, neue Gesichter folgten ihnen. Günther und Marianne Müller entschlossen sich, den Filmpalast zu verkaufen. Am 1. Februar 1980 übernahmen der Gelsenkirchener Betriebswirt Hans-Joachim Lubba und seine Frau Renate das Haus. Und 1981 pachtete Helga Hoffmann den neuen Stern, im Jahr darauf dann das Zentral im Sauerland-Center.

Im Laufe des Jahres 1982 beeinflussten mehrere Entwicklungen im Innenstadtbereich die Zukunft des Kinos in Lüdenscheid. Im Zuge der Wellenbad-Eröffnung und der Sanierung des Freizeitbades am Nattenberg waren das Schillerbad und das Parkbad geschlossen worden. Da mit dem 1981 eröffneten Kulturhaus die Stadt Lüdenscheid nun eine eigene Theaterbühne hatte, war ebenfalls die Mitnutzung des Parktheaters für Kulturveranstaltungen nicht länger erforderlich. Dies bedeutete gleichfalls das Ende für das Militärkino des Hauses.

Weitere Leerstände generierte der wirtschaftliche Zusammenbruch des Warenhauses Deka. Dessen ehemaliges Ladenlokal an der Hochstraße 4/Wilhelmstraße 64 wurde im Sinne einer Neuvermietung nun geteilt – die Räume an der Hochstraße für einen Betrieb als Gastronomie-Standort umgebaut, die abgeteilte Fläche an der Wilhelmstraße für den Einzug des Discounters Plus hergerichtet.

Ohne Parkplätze kein Rock-Café

Nur für das ehemalige Deka-Lager im früheren Capitol an der Wilhelmstraße 56 fand sich vorerst kein geeigneter Nachmieter. Und das, obwohl es in den Folgejahren immer wieder Interessenten gab. Mal sollte hier ein spanisches Restaurant einziehen, dann wieder ging die Überlegung dahin, aus dem alten Kinosaal eine Moschee zu machen.

Mit der Aussicht, hier ein Nostalgie-Kino für Stummfilm-Vorstellungen mit Klavierbegleitung zu eröffnen, wurde der Saal später zwar renoviert, aber die Pläne für eine Neueröffnung dann verworfen. 1984 wollten Susi Schmelzer und ihr Lebensgefährte Francesco Castiglia den Saal übernehmen. Sie planten ein Rockcafé mit Bistro und einem abgeteilten Video-Kino-Bereich. Große Pläne, die kurz vor der Realisierung von der Stadt durchkreuzt wurden. Denn diese forderte den Nachweis über 28 Parkplätze in der Oberstadt von den Pächtern.

Mittlerweile war die Familie Lubba mit dem Filmpalast erfolgreich, 1983 hatte man das Zentral und den Stern hinzugepachtet. Letzteres Haus lief aber nicht mehr so gut wie erwartet, sodass der Stern 1985 geschlossen wurde. An der oberen Altenaer Straße sollte nie mehr ein Kino eröffnen.

Die Lubbas als Monopolisten

Obwohl (vorrangig in den Sommerferien) jetzt sowohl das Kulturhaus als auch das zum Jugendzentrum umgerüstete Schillerbad zu „Kino-Vorstellungen“ einluden, hatten Lubbas das Lichtspielhaus-Monopol in Lüdenscheid. Das Lux-Nonstop war nicht länger Konkurrenz, denn das dortige Programm wurde 1985 durchweg auf Hardcore-Pornofilme umgestellt.

Hans-Joachim und Renate Lubba liebäugelten mit dem Capitol, und mit der Zahlung einer Ablösesumme an die Stadt räumten sie die Stellplatzfrage aus dem Weg. Am 16. Dezember 1988 eröffnete das Neue Capitol mit der Vorstellung von „Anna – Der Film“, der Kinofortsetzung einer TV-Weihnachtsserie.

André Lubba, einer der Söhne des Eigentümer-Ehepaares, übernahm den Filmpalast im Jahr 2001.

Der weiter anhaltende Expansionskurs der Videothekenbranche beendete die Ära der Schachtelkinos in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre endgültig. Am 1. Juni 1990 schloss das Zentral, am 25. August 1994 das Lux. Das Ehepaar Lubba zog sich allmählich aus dem Kinogeschäft zurück, der Iserlohner Kinokaufmann Robert Schütte übernahm den Filmpalast. Schütte war damalig schon ein „alter Hase“ im Kinogeschäft. Ehemals als Cutter beim WDR-Fernsehen beschäftigt, hatte er sich 1986 in der Kinobranche selbstständig gemacht, führte Lichtspielhäuser in Dortmund und Meschede.

Der große Plan des Robert Schütte

Für Lüdenscheid hatte Robert Schütte einen Plan – einen wirklich großen Plan. Die Stadt sollte ein Multiplex bekommen, ein Kinocenter mit mehreren Sälen. Dafür investierte Schütte in den Umbau des alten Parkbads. In wahnsinniger Geschwindigkeit nahm das Projekt Gestalt an, Mitte September 1996 war es vollbracht: Die ersten Säle im Park-Theater wurden geöffnet. In kurzer Zeit „wuchs“ das Kinocenter auf sieben Säle an.

Das Erfolgsprojekt hatte jedoch auch eine Kehrseite: Filmpalast und Capitol ließen sich nicht mehr wirtschaftlich so gut wie vorher betreiben. Schütte gab den Filmpalast auf. Er wurde im Januar 1999 geschlossen. Im Capitol übernahm Michael Willmann, ein langjähriger Mitarbeiter der Familie Lubba, nun die Regie.

Willmann hatte Großes vor: Das Capitol sollte zum Programmkino werden, ausschließlich auf Filmkunst abonniert sein, die sonst nicht in großen Sälen lief. Und Willmann wollte mehr Säle für sein Kino haben – zwei weitere im Haus Wilhelmstraße 56 und einen zusätzlichen in der Hochstraße 4. Im September 1999 stellte Michael Willmann die Pläne der Öffentlichkeit vor.

Das "Aus" für das Capitol

Dann blieben aber die Lichter im Capitol aus, die Türen zu. Was war passiert? Willmann hatte Verträge gemacht, Einrichtung bestellt und Unternehmen für Planung und Bau engagiert, ohne dass notwendige Kapital in der Hinterhand zu haben. Kredite waren abgelehnt worden, die Finanzierung war geplatzt. Seine Gläubiger im Rücken, tauchte Willmann Anfang 2000 ab. Ab 2002 machten neue Pächter das Capitol zur Diskothek. 2014 wurde das Haus dann als Kochschule neu eröffnet.

Dem Neuen Capitol an der oberen Wilhelmstraße war kein langes Leben beschieden.

Um das Schicksal des Filmpalasts sollte es besser bestellt sein, obwohl sich kein neuer Pächter für das Traditionskino fand. 2001 entschied sich André Lubba, einer der Söhne des Eigentümer-Ehepaares, den Betrieb eigenverantwortlich aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Seit der Neueröffnung am 11. Oktober 2001 investierte Lubba regelmäßig in Umbauten und technische Neuerungen des altehrwürdigen Lichtspielhauses. Mit dem Atelier wurde ein zweiter, kleiner Saal im Haus geschaffen. Der große Saal verwandelte sich im Laufe der Jahre in ein hochmodernes Kino mit luxuriösem Ambiente.

Neue Kinosäle mit alten Namen

André Lubbas Engagement machte den Filmpalast über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, sodass dieser mittlerweile überregional als eines der besten deutschen Kinos von sich reden macht. Im November 2018 begannen die Bauarbeiten für eine Erweiterung des Kinos. 2,5 Millionen Euro investiert der Eigentümer, um nach Plänen des Architekten-Duos Kerstin Rinsdorf und Thomas Wagner anzubauen. Insgesamt 300 weitere Plätze sollen die beiden neuen Säle bieten, die aktuell entstehen. Sie werden künftig die Namen historischer Lüdenscheider Kinos tragen.

In einer ersten Version hieß es im obigen Text, dass der Iserlohner Kinokaufmann Robert Schütte das Capitol und den Filmpalast übernommen und später beide Häuser geschlossen habe. Dies war nicht korrekt (Änderung am 30. April).

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