„Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 16

Aus für das "Image" im City-Center: „Bübis Babys" gehen auf die Straße

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Für den Erhalt des Image gingen junge Lüdenscheider auf die Straße.

Lüdenscheid - Die 80er-Jahre sind das Jahrzehnt des Widerstandes und der Proteste – gegen Atomenergie oder sauren Regen. In den 90ern wird's dann ruhiger. Außer in Lüdenscheid. Dort demonstriert man weiter. Gegen die Schließung einer beliebten Diskothek.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In der 16. und letzten Folge der Serie geht es abwärts – in den Keller des alten City-Centers Lüdenscheid. Es geht dorthin, wo die Jugend der 1980er-Jahre die Nacht in einer ganz besonderen Disco regelmäßig zum Tag machte. Es ist die Geschichte des Image, das zuvor auch die Namen Life und easy trug.

Es sind Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die jetzt beschriftete Laken und Tafeln vor dem Rathaus ausbreiten, Schilder mit Forderungen hochhalten: hauptsächlich Anhänger der alternativen Jugendkulturen. Die Punks, New Waver, Indie-Rocker und Alternativen fordern den Erhalt ihrer Lieblingsdiskothek. Die Diskothek Image im City-Center (CCL) soll nämlich weichen, weil der neue Center-Besitzer Reinhold Zimmermann und die mit dem Center-Umbau betraute ECE aus Hamburg keine Diskotheken mehr im Haus wollen.

Der Laden brummt trotz großer Konkurrenz

Das Konzept für das Stern-Center, das aus dem maroden CCL entstehen soll, beinhaltet keine Disko- und Amüsierbetriebe mehr. Filialisten und eine kleine Anzahl lokaler Lebensmittelhändlern sollen ins Center. Da ist es egal, wie lange so ein Laden schon dort residiert.

Die Diskothek Easy des Unternehmers Gernot Sitzkarek aus Unna ist einer der ersten Gastronomiebetriebe im noch jungen City-Center Lüdenscheid. Am 20. September 1978 eröffnet der Club im von der Wilhelmstraße aus erreichbaren unterem Teil des Centers. Gespielt wird Rock, Pop und Soul, und schnell macht das Easy unter der Lüdenscheider Jugend mit zahlreichen Partynächten und Aktionen von sich Reden. Es gibt zum Beispiel Modenschauen in Zusammenarbeit mit anderen CCL-Händlern oder Events, bei denen der Friseursalon Bubert die neuen Haar-Trends der Saison vorstellt.

Der Laden brummt. Und das, obwohl es Ende der 1970er-Jahre eine satte Auswahl an Diskotheken und Jugendkneipen für jeden Geschmack in der Bergstadt gibt.

Sitzkarek hat keine Lust mehr

Das Geschäft läuft gut, doch Anfang der 80er will sich Sitzkarek von dem Lokal trennen. Es gibt im Handumdrehen Interessenten aus dem Märkischen Kreis, die die Diskothek übernehmen wollen. Das Trio Sascha Passalidis, Udo Lückmann und Horst „Bübi“ Kintzel greift zu. Im Frühjahr 1982 werden die Verträge unterzeichnet, und die neuen Betreiber des Gastronomiebetriebes beginnen mit einer Renovierung der Räume. Unter dem Namen Life eröffnet die Diskothek am 19. Mai 1982 neu.

Horst „Bübi“ Kintzel im Jahr 1976.

„Musikalisch war die Neue Deutsche Welle zu dieser Zeit extrem beliebt. Aufgelegt wurde außerdem Musik aus den Charts und Black Music“, erzählt Horst Kintzel. Das ist Anfang des Jahrzehnts die richtige Mischung, um die Massen anzuziehen, die mitunter über die Treppenabsätze bis zur Wilhelmstraße hoch anstehen, um Einlass in einen der beliebtesten Lüdenscheider Disko-Betriebe seiner Zeit zu erhaschen.

Die Jugend tanzt in den Katakomben des Centers, der Rubel rollt. Weil’s so richtig gut läuft mit dem Life, will das Betreiber-Trio seinen Erfolg weiter ausbauen, einen weiteren Laden etablieren. Als zweiten Disco-Club hat man 1984 das ehemalige Marqas im Knödler-Zentrum ausgeguckt. Es wird investiert, umgebaut und neueröffnet. Flair heißt das Lokal nun. Aber es bringt seinen Chefs nicht genug Umsatz, um es dauerhaft wirtschaftlich betreiben zu können.

Das erfolgreiche Trio zerbricht

Das Flair ist schnell wieder weg vom Fenster. Ein Misserfolg, der nicht folgenlos bleibt, denn das Betreiber-Trio zerbricht bis zum Ende des Jahres. „Im Oktober stieg Udo Kückmann aus, Sascha Passalidis einige Monate später“, erzählt Horst Kintzel. Stemmt der Mann, den sie alle nur bei seinem Spitznamen „Bübi“ rufen, eben die Chef-Arbeit alleine.

Und das bedeutet natürlich auch, weiterhin in den Bestand zu investieren. Anfang Juli 1986 schließt Kintzel das Life und baut wieder mal um und aus. Es soll die modernste Diskothek im Umkreis von 50 Kilometern werden. Dafür müssen neue Lautsprecher- und Boxensysteme her. Allein 30 000 Mark kostet es, beim Sound „up to date“ zu bleiben.

Am 25. Juli 1986 gehen die Türen des Clubs wieder auf. Über der Tür prangt nun der Namenszug Image. Und die gelbbraunen Handzettel, die verteilt werden, um das Image zu bewerben, ziert der kecke Spruch „Wem soll’n wir’s noch erzählen, daß Girls das Image wählen!“. Ergo: Männliche Teens und Twens, die nach einer schicken Partnerin suchen, kommen wohl um den Besuch von Bübis Lokalität nicht herum.

Das Image im Jahr 1986.

Juso-Chef wird zu "Disco-Dieter"

Ende der 1980er-Jahre muss Kintzel erneut etwas ändern. Soul- und Charts-Sounds sind nun weniger angesagt, das Image wird jetzt mit alternativen Klängen, Indie-Rock, Punk, Hardcore und Crossover beschallt. Für acht Mark Eintritt inklusive Garderobe und einem Freigetränk geht’s ab auf die Tanzfläche, wo jetzt weniger kuschelig geschwoft wird, sondern harter Pogo-Tanz und Headbangen angesagt sind.

Hinter den Reglern und Plattentellern steht jetzt Dirk Heuel als DJ. „Der Dirk hatte immer viele gute Ideen eingebracht, die den Laden weiter vorwärts brachten“, sagt Horst Kintzel rückblickend. „Deine Nächte gehören uns!“ steht auf den Werbeflyern des neuen Image – und das stimmt! Der Club ist an den Wochenenden proppevoll.

Doch als die Party ihren Zenit erreicht, ziehen dunkle Wolken über dem Club auf. Reinhold Zimmermann hat das CCL gekauft. Seine Geschäftspartner, die Hamburger Center-Entwickler der ECE, wollen keine Diskotheken und kein Nachtleben mehr. Das passt nicht in die Umbaupläne für das alte Einkaufszentrum, das zukünftig als porentief reiner Shopping-Tempel namens Stern-Center seine Wiedereröffnung feiern soll.Bübi wird der Mietvertrag gekündigt. Am 31. März 1991 soll die letzte Party im Image stattfinden. Als das bekannt wird, gehen „Bübis Babys“ auf die Straße! Die Jugend protestiert, sodass die Causa Image zum Politikum wird. Die Lüdenscheider Jusos unter Führung von Dieter Dzewas versprechen Hilfe bei der Suche nach neuen Räumen und wollen das Thema in den Rat befördern.

Die letzte Party im Image

Familienleben statt Nachtleben

Erst einmal hilft alles nichts – das Image im CCL wird dichtgemacht. „Zwischenzeitlich hatte ich überlegt, die alte Firma der Gebrüder Geck zu übernehmen, dort eine Großraum-Disco reinzubauen. So etwas, wie es damals in Bochum und Dortmund überall eröffnet wurde. Zum Glück habe ich es dann sein gelassen. Das hätte in Lüdenscheid einfach nicht mehr funktioniert. Die Zeiten waren vorbei“, resümiert Horst Kintzel.

Letztlich werden neue Räume gefunden. Das neue Image eröffnet Mitte Dezember 1991 in den ehemaligen Räumen des Zentral-Kinos im Sauerland-Center. In der Eröffnungswoche gibt’s Musik aus der Konserve von DJ Dirk sowie einen Live-Auftritt der lokalen Crossover-Band Virgin Traffic Lights. In den 1990er-Jahren wird Techno als neue Musik der Jugend ausgerufen. Bübi mag den Sound gern und versucht, das mittlerweile etwas weniger gut als früher besuchte Image umzukrempeln. Aus Image wird 1995 Alptraum – ein Club für Techno- und Elektro-Fans. Das Abenteuer mit dem neuen Club geht nur wenige Monate gut, denn die Gäste bleiben leider aus.

Horst Kintzel zieht sich aus dem Gastro-Geschäft zurück, genießt das Familienleben. Nur die Leidenschaft für die Musik und die bei ihm entfachte Begeisterung für den Techno-Sound lassen ihn nicht los. Sein Hobby wird das Mixen eigener Electro- und House-Tracks.

Währenddessen versuchten die ehemaligen Weggefährten von Bübi über die Jahre immer wieder, den Charme und die Magie des späten Image erneut freizusetzen. Dirk Heuel setzt Mitte der 1990er-Jahre seine Vision eines Nachfolge-Clubs mit dem Nachtwerk an der Altenaer Straße um. Die Disko, in der regelmäßig Live-Konzerte stattfinden, ist zwar beliebt, aber kann sich nicht lange halten. Besser funktioniert die alte Magie und Image-Attitüde dann ab Herbst 2003 im durch Oliver Straub umgebauten und neu eröffneten Stock an der Knapper Straße. Mit Dirk Heuel als Geschäftsführer mausert sich die ehemalige Kult-Kneipe zum Mekka der Indie-Rock-Fans.

"Bübi" ist zurück an den Reglern

Neben Disko-Nächten und regelmäßigen Bingo-Abenden gehören monatliche Konzerte mit nationalen und internationalen Bands zum Programm. Szene-Stars wie Klaus Grabke, Dog Eat Dog, Karpatenhund, Montreal oder Jaya the Cat auf der Bühne, lockt der Stock Freunde der alternativen Rockszene aus ganz Deutschland an.

Um 2010 trennen sich Straub und Heuel als Geschäftspartner. Heute ist Dirk Heuel regelmäßig im Panoptikum als DJ aktiv, spielt für die Generation 40-plus die großen Hits der Image-Zeiten. Bübi ist auch zurück an den Reglern, der mittlerweile 72-Jährige präsentiert seine Tracks hin und wieder live mit DJ-Sets in Clubs wie dem Mendener Franz von Hahn. Unter dem Namen „Kintzie“ veröffentlicht der Disko-Veteran auf der Internet-Plattform Soundcloud regelmäßig selbst produzierte Techno-Alben.

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