„Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 14

Schlachthof-Schweinereien: Am Bräucken stinkt es ganz gewaltig

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Im Lüdenscheider Schlachthof ging längst nicht alles mit rechten Dingen zu. 

Lüdenscheid - Es stank bestialisch rund um den Schlachthof am Bräucken. Doch das war noch nicht das Schlimmste. Der Ober-Schlachter wurde zu einem international gesuchten Verbrecher.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 14 geht es um die späte Geschichte des Schlachthofs und einen der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Und darum, dass Lüdenscheid am Bräucken ein weiteres Shopping- und Freizeitcenter bekommen sollte.

Lüdenscheid im Herbst 1985: Weiterhin stehen große Flächen des City-Centers leer, das Knödler-Zentrum am Sternplatz ist innerhalb weniger Jahre zum Schandfleck verkommen. Und dem Sauerland-Center laufen die letzten Mieter weg. Im Rathaus liegt derweil eine Bauvoranfrage auf dem Tisch – am Bräucken wollen die Münchner Gemini-Vermietungsgesellschaft und die Afina-Baugesellschaft aus dem bayerischen Saulgau ein weiteres Freizeit- und Shoppingcenter errichten. Der Ex-Eigentümer des dafür angedachten Grundstücks wird zur selben Zeit mit einem internationalen Haftbefehl gesucht.

Ende der 1960er-Jahre sahen sich die 405 westdeutschen Städte, die kommunale Schlachthöfe betrieben, mit dem brisanten Inhalt zweier Gutachten konfrontiert, die im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums erstellt worden waren. Auch in Lüdenscheid beschäftigte die „Analyse der allgemeinen Situation der kommunalen Schlacht- und Viehhöfe im Bundesgebiet und in Westfalen/Lippe“ Rat und Verwaltung.

Die Stadt will kein Schlachthof-Besitzer mehr sein

Inhaltlich bestätigte das Gutachten das, was man in der Bergstadt schon länger aus Erfahrung wusste: Der Betrieb eines kommunalen Schlachthofs war mittlerweile ein defizitäres Geschäft geworden, dem keine ertragreiche Zukunft mehr beschieden sein würde. Durch große Handelsgesellschaften hatte der Export-Markt für Fleischwaren rasant zugelegt, immer mehr hiesige Metzgereien hatten ihren Vieh- und Schlachtbetrieb an andere Standorte verlagert.

Der damals noch städtische Schlachthof im Jahr 1948. 

Der Lüdenscheider Schlachthof, der seit 1883 am Bräuckenkreuz beheimatet war, hatte erst zwischen 1955 und 1962 einen umfangreichen Neu- und Umbau erfahren, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Seit der Erweiterung, für die die Architektengemeinschaft Nieß, Bleicker & Thome verantwortlich zeichnete, lief der Betrieb nicht mehr kostendeckend, belastete den Haushalt jährlich mit 500.000 D-Mark.

Das anhaltende Defizit sowie die düstere Zukunftsprognose gaben für die Stadt nun den Ausschlag, den Betrieb zu privatisieren. Anfang 1971 wurde der Schlachthof geschlossen und für 4,5 Millionen D-Mark an die Otto B. GmbH & Co KG aus Hagen veräußert, die den Betrieb zum 1. Juni des Jahres neu eröffnete.

Das Fleischwaren-Unternehmen B. hatte damalig einen monatlichen Frischfleischumschlag von 200 Tonnen und einen Warenumschlag von 120 Tonnen, 60 Tonnen davon waren Eigenprodukte. Sein Einkaufsraum umfasste den gesamten EWG-Raum, im Export gehörte Frankreich zum Frischfleisch-Verkaufsraum.

Ein trügerischer Glücksfall

Ein Glücksfall für die Stadt, so zügig ein wirtschaftlich so potentes Unternehmen vor Ort zu haben und zugleich den Schlachtbetrieb dort für ansässige Metzgereien wieder zu reaktivieren, ohne weiterhin den Haushalt zu belasten.

Die Firma B. kaufte den Gebäudekomplex der Milchwerke Sauerland auf.

Doch es kam noch besser: Als 1978 die Milchwerke Sauerland mit der Wuppertaler Tuffi-Genossenschaft fusionierten und die benachbarte Molkerei gegenüber dem Schlachthof geschlossen wurde, war es letztlich auch die Firma B., die das leerstehende Gebäude kaufte und ab 1981 wieder mit Leben füllte.

Zudem stellte man dem eigentlich an der Königsberger Straße 15 ansässigen Fleischhandel von Heinrich Eckhardt Räume des Schlachthauskomplexes zur Verfügung. Hier wurden Knochen zum Trocknen und gegerbte Felle und Häute eingelagert sowie Fett weiter verarbeitet.

Hans-Jürgen B. im Jahr 1987.

Alles bestens am Bräucken. Oder vielleicht doch nicht? Nun, tatsächlich stank die ganze Sache zum Himmel. Und das sogar in mehrfacher Hinsicht. Für die Anwohner und andere Gewerbetreibende in direkter Nachbarschaft des Areals mit der Adresse Schlachthausstraße 9 war der Betrieb ein Graus. Der Hochbetrieb an den Verladerampen und die schrillen Schreie der Schweine in Todesangst sorgten für eine konstant hohe Lärmbelästigung. Auch kam es immer wieder einmal vor, dass Tiere entwischten und wieder eingefangen werden mussten.

Schier unerträglich war aber die Geruchsbelästigung durch den Viehhof, die draußen gelagerten Schlachtabfälle und die Anlagen der Heinrich Eckhardt GmbH.

Bestialisch stinkende Rauchschwaden zogen bei Ostwind in die angrenzenden Wohngebiete. Der Bäckerei Kropp am Bräuckenkreuz blieben jetzt vermehrt Kunden fern, im benachbarten Kaufpark klagten die Mitarbeiter über einen beißenden Geruch – am Krähennocken und der Schützenstraße vermieden es die Anwohner, in den Sommermonaten auf dem Balkon zu sitzen.

1984 wird zum Schicksalsjahr für B.

Im Juli 1982 war das Maß voll: Zahlreiche Beschwerden beim Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt in Hagen sorgten für eine Überprüfung des Brunke-Betriebs. Bei dieser Kontrolle wurden viele Mängel festgestellt. Der erste empfindliche Riss in der bis dato nach außen hin makellosen Fassade des Unternehmens – er markierte zugleich den Anfang vom Ende.

1984 wurde zum Schicksalsjahr für die Firma. Firmenchef Hans-Jürgen B. war nach der Rückkehr aus dem Familienurlaub im Sommer 84 direkt wieder weggefahren. Er habe noch etwas Geschäftliches in England zu erledigen, ließ er seine Frau wissen, dann war er weg. Untergetaucht! Was war geschehen?

Am Freitag, 24. August 1984, um 19 Uhr hatten Beamte des Zollfahndungsamtes Hamburg zugeschlagen. Sie kontrollierten drei Container, deren Inhalt als „wertvolles Rindfleisch“ deklariert worden war und die von Lüdenscheid aus auf den Weg nach Sierra Leone waren. Rindfleisch war nicht in der Fuhre, stattdessen Unmengen von Schlachtabfällen vom Schwein.

Ein ganz klarer Fall von Subventionsbetrug, denn einzig und allein für die Ausfuhr von hochwertigem Rindfleisch wird durch das Hauptzollamt der Bundesrepublik eine Erstattung an die Fleischhändler gezahlt, damit die Differenz zwischen den hohen Preisen des Marktes der Europäischen Gemeinschaft und den wesentlich niedrigeren Preisen des Weltmarktes ausgeglichen werden konnte.

Widerliche Details kommen ans Licht

Hans-Jürgen B. war aus gutem Grund abgetaucht, denn bis zum Ende des Jahres 1984 kamen fast täglich neue unglaubliche Details ans Licht. Salmonellenbelastetes Kängurufleisch war nach Holland verkauft worden. Tonnenweise Wurst aus Schlachtabfällen hatte B. nach Polen verschickt und 41 weitere Container mit Fleischresten nach Afrika exportiert. Auch die Dortmunder Rewe war um eine Million D-Mark betrogen worden, indem B. und der Chefeinkäufer der Genossenschaft über 13 Jahre lang Rechnungen gefälscht hatten.

Insgesamt waren 30 Millionen D-Mark ergaunert worden – Wirtschaftskriminalität in einem Ausmaß, das die Bundesrepublik erschütterte und weltweit in den Medien thematisiert wurde. Staatsanwaltschaften in Hamburg, Bochum und Mainz ermittelten und sprengten in der Folge ein Netzwerk von Mitwissern und -tätern. Udo von S., dem Mitinhaber einer Hamburger Im- und Exportfirma, dem französische Kaufmann Michel N. und Rewe-Einkäufer Paul J. wurde der Prozess gemacht. Sie wurden jeweils zu Freiheitsstrafen zwischen zwei und mehr als sieben Jahren verurteilt.

Hans-Jürgen B. war weiter flüchtig, wurde mit einem internationalen Haftbefehl und via TV-Fahndung gesucht. Sein Lüdenscheider Unternehmensstandort musste Konkurs anmelden und B. Mutter verkaufte das 20.000 Quadratmeter große Areal der Betriebsstätte für 5,8 Millionen D-Mark an die bayerische Gemini-Afina-Unternehmensgruppe.

Deren Pläne für einen Hotelbau mit Warenhaus an der Weststraße waren im Vorjahr gescheitert, jetzt sollten 30 Millionen DM in einen 12.000 Quadratmeter großen Center-Komplex am Bräucken investiert werden. Neben einem großen SB-Markt sollte das Einkaufszentrum noch weitere neue Gewerbeflächen sowie die schon seit den 1970er-Jahren immer wieder ins Gespräch gebrachte Eissporthalle für Lüdenscheid beinhalten.

Rat will nicht noch eine Center-Ruine

Doch die Ratsfraktionen waren sich durchweg einig: Noch eine weitere Investoren-Ruine wollte man nicht haben – und schon gar nicht ein weiteres „Nebenzentrum“ durchwinken. Schließlich bereute man es immer noch, das Globus-Center nicht seinerzeit in die Innenstadt geholt zu haben.

Die frustrierten Investoren machten von ihrem Rückgaberecht des Grundstücks Gebrauch und kehrten Lüdenscheid den Rücken.

Im Juli 1986 ging das Areal dann für vier Millionen DM an die Lüdenscheider Pentabau GmbH, einer Gesellschaft der Immobilienmakler Roland Rothmann und Jürgen Sager. Doch auch deren Pläne für ein Gartencenter, einen Baumarkt, Lebensmittel- und Getränkemarkt neben einem Radio- und TV-Großmarkt scheiterten. Im April 1987 gab die Pentabau das Grundstück wieder zurück.

Mittlerweile hatte Hans-Jürgen B. seine Flucht aufgegeben und sich gestellt. Im Juli 1989 wurde der Schlachthaus-Gebäudekomplex endgültig abgerissen. Die neuen Eigentümer waren der Lüdenscheider Makler Horst Hellerforth sowie das Immobilienunternehmen Schwarz & Born, die jetzt ihre Pläne verwirklichen konnten: Ein kleines Nahversorgungszentrum mit dem Elektromarkt Top Tec (heute Media Markt) entstand Anfang der 1990er-Jahre.

Der B.-Prozess endete im Sommer 1990. Die 8. Große Strafkammer in Hamburg verurteilte den ehemaligen Unternehmenschef zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung und Subventionsbetrug.

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