Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 13

Globus-Center: Leerstand ist auch keine Lösung

+
Viele Jahre lang war das Globus-SB-Warenhaus sehr beliebt.

Lüdenscheid - Viele Jahre lang ein stark frequentiertes SB-Warenhaus, heute nur noch eine traurige Supermarkt-Ruine: Was aus dem ehemaligen Globus-Center an der Altenaer Straße wird, ist zurzeit völlig ungewiss. Nur eines ist sicher: Größe allein bringt's auch nicht!

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. Folge 13 ist dem derzeit größtem Leerstand an der Altenaer Straße gewidmet. Was zuletzt noch unter dem Namen Rewe-Center firmierte, wurde in den 1970er-Jahren als Globus Center vom Architekten des City-Centers Lüdenscheid entworfen.

Aus die Maus! Am 10. November 2018 gingen in dem großen Rewe-Warenhaus an der Altenaer Straße 72 die Lichter aus. Es war ein Ende mit Ansage, denn der Kundenstrom sei schon längere Zeit rückläufig gewesen, hieß es aus der Rewe-Zentrale. Das drohende Aus für den Markt, es war bereits im Februar 2018 thematisiert worden. Im Juli des selben Jahres dann wurde es konkret, dass alsbald 60 Mitarbeiter des Rewe-Centers zukünftig wohl vor Ort nicht mehr weiterbeschäftigt würden. Harte Zeiten für ein Haus, das als Globus-Center ursprünglich am 30. April 1975 als „größtes Einkaufs-Zentrum im Kreisgebiet“ eröffnet wurde.

Das Globus-Center war ein Kind der Unternehmensgruppe Kaiser + Kellermann aus Kirchhundem. Seit 1967 das erste Haus dieser Art eröffnet wurde, rollte die Sauerländer Warenhaus-Erfolgsgeschichte wie eine Lawine über Nordrhein-Westfalen hinweg. Überall wurden Globus-Warenhäuser in Windeseile hochgezogen. Sie machten nach außen nicht viel her, aber waren perfekt auf die Bedürfnisse einer neuen Konsumgesellschaft und ihrer zunehmend autofreundlich werdenden Städte abgestimmt.

Plettenberg als Vorreiter

Als im September 1973 das Globus-Center in Plettenberg auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Gebr. Wirth an der Ziegelstraße eröffnete, begannen just die Arbeiten am Bau eines solchen Warenhauses für die Lüdenscheider. Das Globus-Center der Bergstadt sollte die 14. Filiale werden. Als Standort für den Neubau kam ein Areal an der Altenaer Straße infrage, das bis in die 1960er-Jahre hauptsächlich als Rodelhang mit Ausgangspunkt am Tinsberger Kopf genutzt worden war.

Für den Entwurf des Globus-Centers zeichnete Architekt Horst W. Reckewell verantwortlich, der Recklinghäuser, der für Finanzier Hans Grothe und den Kaufhof-Konzern das City-Center Lüdenscheid geplant hatte.

Reckewells Globus-Haus lohnt einen genaueren Blick hinsichtlich seiner architektonischen Besonderheiten und des verkaufspsychologischen Effekts, der hier in besonderem Maße Anwendung fand. Das Haus vereint gleichsam Elemente klassischer Nachkriegswarenhäuser mit denen von Shopping-Centern. Die Architektur ist zweckmäßig und zurückgesetzt, nach außen hin dominiert der viel zitierte Bunker-Look die Optik. Klare Formen, keinerlei Pomp – und der vollkommene Verzicht auf Schaufensterfronten fallen auf. Untergeschoss und Dachbereich sind fast vollständig als Stellplatzflächen für Pkw vorgesehen (rund 500 Parkplätze), durch Treppenhaus und Aufzugsystem sowie einen ebenerdigen Eingangsbereich auf der Altenaer Straße ist der eigentliche, rund 6000 Quadratmeter große Verkaufsbereich erreichbar. Dieser ist als Rundgang angelegt.

Bei Betreten des Marktes ist der Kunde gleich mitten im Geschehen, der Weg zum Einkaufswagen geht vorbei an kleineren Lädchen, die klar vom Hauptverkaufsraum abgegrenzt sind. Es geht erst einmal vorbei an Blumenladen, Tabakhandel, Bäckerei, bevor der Kunde nach links einschlägt, die bunte Waren- und Lebenmittelwelt erkunden darf.

Der Weg des Kunden ist das Ziel

U-förmig ist der Weg, einzelne Abteilungen sind nicht voneinander abgegrenzt, sondern gehen fließend ineinander über. Die Route führt vom Frischemarkt zum Getränke-Depot, vom Brotregal zur Fleischtheke, zu den Haushaltsutensilien und über die große Spielzeug-Insel zu Elektrowaren, Unterhaltungselektronik und den Regalen mit Autozubehör. Erst dann dürfen die Waren aufs Einkaufsband der Kassen gelegt werden.

Das Globus-Center ist ein Warenhaus, das ähnlich wie ein klassisches Shopping-Center funktioniert: Wer reingeht, der wird „verschluckt“, läuft einen vorgegebenen Weg ab, um sich die Einkaufstaschen zu füllen und ist während des Besuchs von der Außenwelt und anderen (nicht vorgesehenen) Reizen komplett abgeschottet. Ein Konzept, das damals gut aufging.

Nur mit dem flotten Bau des neuen „Konsum-Bunkers“ an der Altenaer Straße 72 lief es dann nicht ganz so wie geplant. Ein Teil des Neubaus musste während der Bauzeit sogar zweimal aufgebaut werden. Ursache dafür war ein Unfall auf der Baustelle. Ein schwerer hydraulischer Hebekran, der ein Fertigbeton-Bauteil auf das Dach aufsetzen sollte, geriet auf dem lehmigen Boden des Baugrundstücks aus dem Gleichgewicht und stürzte auf das Haus. Der Kranführer konnte sich allerdings mit einem beherzten Sprung aus dem Führerhäuschen in Sicherheit bringen. Das Offenbacher Bauunternehmen, dessen Vehikel zu Schaden gekommen war, schickte gleich einen weiteren Kran nach Lüdenscheid, um das zerstörte Vehikel zu bergen.

Der Schaden war aber wenige Monate später, zur Eröffnung des Lüdenscheider Globus-Centers, schon wieder vergessen. Geradezu Sensationelles verkündete man in einer großen Anzeigen-Kampagne in den Tageszeitungen über den Erstverkaufstag des neuen Hauses: Es hieß, dass 9,5 Tonnen Frischfleisch, 6,1 Tonnen Obst und Gemüse, circa 90 Tonnen weiterer Lebensmittel, tausende von Kleidungsstücken sowie Elektroartikel und Hausrat in Riesenmengen verkauft worden waren.

Heino zwischen Käse und Wurst

Die Erfolgs-Story der Globus-Center setzte sich fort – bis Ende der 1980er-Jahre umfasste das Filial-Netz 38 Märkte. 1983 war auch die Rewe-Gruppe als Gesellschafterin bei Kaiser + Kellermanns Warenhaus-Sparte eingestiegen. Zur Popularität der Filialen bei den Kunden trugen damals auch zahlreiche Veranstaltungen und Star-Gäste bei, die den Einheitsbrei aus Kommen und Konsumieren auflockerten. Stars aus Sport, TV und Showgeschäft zeigten sich im Globus oftmals für Autogrammstunden und gemeinsame Fotos mit den Kunden. 1988 sorgte so zum Beispiel Schlagerbarde Heino für den angenehmen Ausnahmezustand im Warenhaus.

Auch Heino war zu Gast im Globus.

So sehr aber in Events in den Märkten investiert wurde, so wenig Geld nahm man in die Hand, um die Häuser zukunftsorientiert um- und auszubauen. Das Lüdenscheider Center bekam im Nachhinein noch eine zusätzliche Überdachung für den Dachparkplatz spendiert, doch ansonsten dominierte der Investitionsstau.

1989 stieg die Beteiligung von Rewe am Gesellschaftskapital der Unternehmensgruppe Kaiser + Kellermann auf 75 Prozent an. Im Januar 2005 übernahm die Rewe-Gruppe die Handelsgesellschaft Kaiser + Kellermann OHG, Kirchhundem/Welschen Ennest dann zu 100 Prozent. In einer Pressemitteilung von Rewe hieß es dazu: „Durch die weitere Integration von Kaiser + Kellermann in die Vertriebslinien der Rewe-Gruppe sollen die strategische und operative Zusammenarbeit intensiviert, die Kostenstrukturen optimiert und damit die Zukunft der Märkte und ihrer Beschäftigten gesichert werden“.

Die Restrukturierungsmaßnahmen begannen: 29 Globus-SB-Warenhäuser wurden bis Ende 2007 mehrheitlich zu Märkten der Vertriebslinie Toom umgewandelt, weitere Filialen geschlossen oder verkauft.

Rewe verstößt Toom

Anfang 2014 trennte sich die Rewe-Gruppe von der Marke Toom im Bereich der Lebensmittelmärkte. Einzig die unter selben Markennamen geführten Baumärkte in Deutschland blieben bestehen. Flächendeckend wurden die Toom-SB-Märkte zu „Rewe-Centern“ umgestaltet und umgeflaggt– so auch das Lüdenscheider Haus.

Wie es nun für dieses weitergehen wird, ist derzeit noch unklar. Die Suche der heutigen Eigentümerin, einer Düsseldorfer Immobiliengesellschaft, nach potenziellen Nachmietern für die Gewerbeimmobilie scheiterte bisher. Zwar gibt es Interesse am Standort seitens verschiedener Handelsketten, doch Ansiedlungen wären an den Abriss des alten Centers und einer Neubebauung gebunden. Die Entscheidung, ob und wann abgerissen werden wird, steht noch aus.

Mehrfach machte das Gerücht die Runde, dass Kaufland (SB-Warenhaus der Unternehmensgruppe Schwarz) an dem gut 11 000 Quadratmeter großem Areal Interesse habe. Der Lüdenscheider VW-Händler Dr. Michael Piepenstock unterbreitete derweil der Politik und dem zuständigen Feuerwehrdezernenten Thomas Ruschin schriftlich, dass er den Standort auch als prädestiniert für den Neubau der Feuer- und Rettungswache ansehe.

Zwar steht das alte Gebäude aktuell komplett leer, aber ist noch in Funktion. So geschah es auch, dass Ende Januar 2019 noch die Feuerwehr ausrücken musste, weil die Brandmeldeanlage des Hauses ausgelöst hatte. Die Einsatzkräfte konnten zwar Rauch ausmachen, der aus einem Abluftrohr des Marktes aufstieg, aber keinen Brandherd finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare