Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 11

Kloppe für die Kunst: Nur über Onkel Willi sind sich alle einig

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Über die Jahrzehnte wurden sie zu einem Wahrzeichen der Stadt: Onkel Willi und Felix.

Lüdenscheid - Lüdenscheid will seinen neuen Rathausplatz mit zeitgemäßen Plastiken oder Skulpturen schmücken. Doch das geht gründlich in die Hose. Erst bei Onkel Willi und Felix auf dem Sternplatz haben sich wieder alle lieb.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. Folge 11 widmet sich dem „Lüdenscheider Kunststreit“ um die Skulpturen auf dem Rathausplatz und den Auswirkungen auf die spätere Gestaltung des Straßensterns. Beschmiert, vollgepinkelt, verbal und physisch verprügelt – selten mussten Kunstwerke in der Bergstadt so viel einstecken.

Um eine nicht mehr zeitgemäße Innenstadt zu beleben, bedarf es mehr als architektonischer Erneuerung und der Ausweitung der Einkaufsangebote. Erklärtes Ziel der Stadtväter war es daher auch infolge des groß angelegten Stadtumbaus in den 70er- und 80er-Jahren, den Kern Lüdenscheids zu einem modernen Ort der Begegnung werden zu lassen. Sie wollten eine Infrastruktur für Kommunikation und Miteinander und einen Raum für die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Kultur schaffen.

Für den späteren Sternplatz und den Rathausplatz sowie die Einfallstore der neuen Fußgängerbereiche ergaben sich aus diesem Vorhaben heraus gänzlich neue Problemstellungen. Ruheoasen, Freizeitangebote und Kunst im öffentlichen Raum sollten altersübergreifend für jeden Bürger, der das Lüdenscheid jener Tage repräsentierte, attraktiv sein.

Spielgeräte und Bänke reichen nicht mehr aus

Da musste also mehr kommen als bloß eine geschickt verteilte Ansammlung von Spielgeräten für Kinder und die obligatorischen Bänke, die großzügig über die neuen Plätze verteilt werden sollten. Kein Leichtes, wenn man bedenkt, dass der Prozess der Innenstadtsanierung auf politischer Ebene keinem starren Korsett unterworfen war, sondern von einer Vielzahl spontan notwendig gewordener Kurskorrekturen bestimmt wurde.

Mit besonderen Blick auf die kommunalen Finanzen mussten mehrfach bei Planung und Ausführung in Gestaltungsfragen Abstriche gemacht werden.

Auf der Boccia-Bahn wollte niemand Boccia spielen. Beliebt war sie als Hunde-Klo. 

Auf einer Fläche von rund 7000 Quadratmetern sollten – so sah es der Entwurf der verantwortlichen Freien Architektengemeinschaft Lüdenscheid vor – eine Gruppe von Pavillonbauten, eine unterirdische Toilettenanlage und zwei Flächen für „bürgerschaftliche Kommunikation“ entstehen. Für Letztere ließ man sich vom multikulturellen Leben Lüdenscheids inspirieren.

Dass sich Lüdenscheid bei allem Willen zum Wandel auch mit einer prekären Haushaltssituation arrangieren musste, war im Jahr 1975 kein Geheimnis mehr. Lüdenscheids stellvertretender Bürgermeister Dr. Walter Hostert machte klar, dass man in Zukunft den Gürtel enger schnallen müsse. Für 1976 prognostizierte man das Erreichen des „Punktes Null“, sofern nicht Bund und Land der Kommune zu Hilfe kämen. Der damalige UWG-Fraktionschef Bernd-Rüdiger Lührs sprach gar davon, dass Lüdenscheid die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller Städte zwischen 50 000 und 100 000 Einwohnern in ganz Nordrhein-Westfalen längst erreicht habe. Trotz trüber Aussichten hinsichtlich der Finanzen hielt die Politik an den Plänen für das Prestigeprojekt Rathausplatz fest.

Einmal Kunst für 200.000 Mark bitte!

Ein überdimensionales Schachspiel und eine Boccia-Bahn waren als Treffpunkte auf dem Platz angedacht. Das Spiel der Könige und das besonders in Italien beliebte „Rumkugeln“ hielt man für sehr gute Ideen. Anfang März 1975 – zeitgleich mit der Inbetriebnahme des Parkhauses am Gothaer-Haus – begann das große Buddeln und Bauen am Rathausplatz.

Derweil hatte sich der Kulturausschuss zusammen mit dem verantwortlichen Dezernenten Klaus Crummenerl in den Ateliers damals namhafter Künstler umgesehen, um eine Auswahl für die Kunstwerke zu treffen, die das Gesamtbild des neuen Platzes im Herzen der Stadt maßgeblich mitbestimmen würden. 200 000 D-Mark standen für die Rathausplatzkunst zur Verfügung.

Eigentlich sollten auch noch weitere 25 000 Mark, die die ehemalige Turn- und Musiklehrerin des Lyzeums am Sauerfeld, Käthe Liss, der Stadt zweckgebunden vermacht hatte, in die Kunst fließen. Nach der ersten öffentlichen Vorstellung der drei für den Platz ausgewählten Kunstwerke (ursprünglich waren sogar vier Werke vorgesehen gewesen), wurde aber davon Abstand genommen. Man entschied, die Summe lieber in die Ausstattung der Mediathek der Stadtbücherei zu investieren.

Der Grund war nachvollziehbar: Das, was da Skulpturales vors Rathaus gestellt werden sollte, war in seiner Ausprägung nämlich einen Ticken zu progressiv, als dass dessen Finanzierung im Sinne der edlen Spenderin hätte gewesen sein können.

Die Wasserspiele riefen viele Spötter auf den Plan.

"Schöpfer gehören in die Psychiatrie"

Dass das, was die Künstler Erich Hauser, Ansgar Nierhoff und Hansjerg Maier-Aichen für den Rathausplatz entworfen hatten, durchaus das Potenzial besaß, für einen öffentlichen Aufschrei der Ablehnung zu sorgen, war Kulturdezernent Klaus Crummenerl durchaus bewusst, wie er 2016 rückblickend in seinen Texten zum „Lüdenscheider Kunststreit“ für den Geschichts- und Heimatverein bekannte. Aber mit der geballten Wucht der Entrüstung hatte im Vorfeld kaum jemand gerechnet. Es war der 28. November 1975, der Tag, an dem die Rathausplatz-Kunst enthüllt wurde, an dem der Sturm losbrach.

Da war sie nun, die moderne Kunst: Maier-Aichens Wasserspiel, bei dem vier gewaltige Glasscheiben rundherum von aus dem Boden ragenden Pumpvorrichtungen mit kühlem Nass beschossen wurden; Hausers Edelstahlplastik; Nierhoffs dreiteiliges kubistisches Skulpturen-Ensemble.

Was bei der Premiere der Kunst noch als Spott und unsachgemäße Kritik an den zeitgenössischen Arbeiten durchging, nahm in der Folgewoche in Form von Leserbriefen in den Lüdenscheider Tageszeitungen richtig Fahrt auf. Bis Anfang 1976 erschienen mehr als 120 Leserbriefe in den Lüdenscheider Nachrichten. Deren Tenor war überwiegend negativ, was die neue Kunst anging. Da war zum Beispiel die Rede von „unsinniger Kunst“, „Plunder“, „Krempel“, „Sperrmüll“ oder „Entgleisungen gröbster Art“ und „Beleidigung menschlicher Würde“. Ein Lüdenscheider forderte gar: „Die Schöpfer müssten einer psychiatrischen Behandlung zugeführt werden“.

Fanden ihren endgültigen Platz schließlich im Kulturhauspark: Ansgar Nierhoffs "Blechdosen". 

Dr. Hueck fordert eine Volksentscheidung

Der Protest gebar immer neue Blüten. So initiierte der Unternehmer Dr. Walter Hueck gar eine vermeintliche „Volksentscheidung“ über eine in den LN geschaltete Anzeige mit Abstimmungs-Coupon. Hueck forderte die Bürger auf, einem Verkauf der Nierhoff-Plastiken zu befürworten.

Ansgar Nierhoffs Edelstahl-Trio erlangte als „Blechbüchsen“ zweifelhaften Ruhm, Hansjerg Maier-Aichens Wasserspiele wurden umgetauft in „Elefantenklo“ und „Antibrunnen“. City-Center-Finanzier Hans Grothe schlug gar der Politik vor, die Nierhoff-Plastik gegen „etwas Gleichwertiges“ austauschen zu wollen.

Am 13. Mai 1976 tagte der Kulturausschuss und musste sich mit drei Anträgen beschäftigen, die die Kunstwerke vom Rathausplatz betrafen. Die Abstimmung darüber, ob nun Plastiken verkauft oder abgebaut und an andere Stelle aufgebaut werden sollten, wurde final am 28. Juni 1976 entschieden. Und: Die Kunst sollte bleiben!

Rechtlich war die Kuh vom Eis, doch die „unendliche Geschichte“ um die Rathausplatz-Kunst sollte die Bergstadt noch viele Jahre in Atem halten – selbst über den Abbau der Skulpturen im Jahr 2002 hinaus. Für Furore sorgte im Sommer 1976 so auch ein betrunkenes Lüdenscheider Original, das Nierhoffs Kuben mit Schlägen und Tritten malträtierte und dabei von einer johlenden Menge angefeuert wurde, bevor Polizei und Ordnungsamt das Schauspiel beendeten.

In den folgenden Jahren wurden die drei Kunstwerke immer wieder Opfer von Vandalismus. Beschmiert, angepinkelt, mit Aufklebern und Parolen „verschönert“ oder mit Hämmern verdroschen. Im Chaos um die Kunst ging auch völlig unter, dass der neugestaltete Rathausplatz zwei weitere, nicht gerade unwesentliche, Defizite in der Ausgestaltung aufwies.

Beliebt und unumstritten: der Neumann-brunnen auf dem Sternplatz.

Für Schachfiguren reicht das Geld nicht mehr aus

Zwar hatte man das angedachte Schachfeld auf dem Platz umgesetzt, aber für die großen Spielfiguren war kein Geld mehr da gewesen. Auch die Boccia-Bahn erwies sich als Flop. Hier spielte nie jemand mit Kugeln, allenfalls setzten Hunde ihre Häufchen darauf. Das „Hundeklo“ neben dem „Elefantenklo“ war dann auf Dauer doch zu ekelhaft, sodass hier alsbald schickes Grün gepflanzt wurde, um die Schnapsidee vergessen zu machen.

Die Wut und Verachtung, die die Lüdenscheider der Kunst auf dem Rathausplatz entgegenbrachten, wirkten sich auch auf die Neugestaltung des Straßensterns aus. Als dieser nun einen Brunnen bekommen sollte, regte sich sofortiger Widerstand auf Seite der Bürger.

Die Künstler Waldemar Wien, Kurt Toni Neumann und Kurt Kornmann hatten jeweils ihre eigenen individuellen Entwürfe für den Stern-Brunnen erarbeitet und vorgestellt. Um einen Eklat wie bei der Rathausplatz-Kunst von vornherein zu vermeiden, entschied man sich für eine Stimmzettelaktion, die eine Entscheidungshilfe für die Ratsmitglieder darstellen sollte, die letztlich über den künftigen Brunnen abzustimmen hatten.

Lüdenscheids neues Wahrzeichen kommt aus Kierspe

Von den 2152 Lüdenscheidern, die an der Abstimmung teilnahmen, entschieden sich 1497 für Neumanns Entwurf. Die Mehrheit der Ratsmitglieder votierte ebenfalls für das Wasserspiel-Kunstwerk aus Kupfer und Bronze. Rund 136 000 D-Mark kostete der Brunnen, der im Mai 1977 in Betrieb genommen wurde.

Waldemar Wien sollte sich trotzdem noch mit einem Werk auf dem Sternplatz verewigen. Im Juni 1978 stellte der Kiersper Künstler der städtischen Ankaufskommission den Entwurf einer lebensgroßen Plastik vor. Der geplante Bronzeguss hörte auf den Namen „Onkel Willi mit Hund Felix“ und erntete durchweg großes Lob. Dr. Ernst Hesse (SPD) sagte, ihm gefalle Wiens Werk „ausgesprochen gut“, Rolf Vahlefeld (FDP) war „begeistert“ und Bernd Schulte und Reinhold Voos (CDU) schwärmten von einer „schönen Sache“. Bei der CDU-Ratsfraktion konnte man sich nicht ganz den Spott in Richtung Klaus Crummenerls verkneifen. „Von Elefantenklos und Blechbüchsen scheint der Kulturdezernent kuriert...“, hieß es.

Und tatsächlich war der „Onkel Willi“ alles andere als progressiv oder abstrakt. Einfach nur der Prototyp eines glücklichen Rentners, immer eine Zigarre in der einen Hand und die andere in der Manteltasche vergraben. Immer an seiner Seite der kleine Hund Felix, der sich seines Lebens ebenso freut wie sein Herrchen. Waldemar Wiens „Poahlbürger“ gefiel allen gut. 45 000 Mark sollten die Fertigung sowie die Aufstellung der Plastik kosten. Je 15 000 Mark dafür spendeten der Immobilienkaufmann Roland Rothmann und die Stadtwerke Lüdenscheid. Der Rest der Kosten kam aus dem städtischen Haushalt. Am 3. April 1981 wurde das fertige Kunstwerk vor der Gaststätte Hulda am Markt aufgestellt.

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