Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 12

Unfassbar: Kurt Knödler darf die City einmal mehr verschandeln

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Endlich wird alles gut: Die Kaufhalle liegt im Jahr 2009 in Trümmern.

Lüdenscheid - Als er abgerissen worden war, der alte Kaufhof am Sternplatz, trauerten die Lüdenscheider ihm dann doch hinterher. Denn der Bau der Kaufhalle, der an gleicher Stelle entstand, war noch viel hässlicher. Mittlerweile ist auch er verschwunden. Und das ist auch gut so.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 12 geht’s um die Kaufhof-Tochter Kaufhalle und wie eine Filiale nach Lüdenscheid kam und im Laufe der Zeit auch wieder verschwand.

Im Jahr 1955 schenkte die Kölner Westdeutsche Kaufhof AG den Lüdenscheidern ein ganz besonderes Spektakel: Das 1913 für Leopold Simon erbaute Warenhaus am Straßenstern, das 1926 in den Besitz des Kaufhof-Gründers Leonhard Tietz übergegangen war, wurde abgerissen. Innerhalb eines Jahres wurde der „neue“ Lüdenscheider Kaufhof auf dem Grundstück, das damals noch die Adresse Kölner Straße 1 trug, hochgezogen.

Der ungeliebte "Schandfleck"

Der Neubau präsentierte sich zeitgemäßer, größer und moderneres als sein Vorgänger, hielt ein noch umfangreicheres Sortiment an Waren parat. Trotzdem wollte sich bei den Lüdenscheidern so recht keine große Freude über ihr neues Warenhaus in der Innenstadt einstellen. Grund dafür war das als ungewöhnlich hässlich wahrgenommene Erscheinungsbild der Immobilie. Das Haus wurde als zu klobig, zu kühl und überdimensioniert empfunden – entsprach nicht dem Idealbild einer Gewerbeimmobilie, wie sie die Bergstädter gewohnt waren.

Dass dieser Kaufhof heftige Ablehnung erfuhr, gar als Schandfleck bezeichnet wurde, war der Tatsache geschuldet, dass er architektonisch dem Zeitgeist verpflichtet war. Auf Prunk und Pomp ihrer Vorgänger verzichtete die neue Art von Kaufhäuserbauten der Nachkriegszeit. Stattdessen dominierten Nüchternheit, zweckmäßige Fassadengestaltungen und schlichte Formensprache. Gerhard Ullmann beschrieb später die Nachkriegswarenhäuser in der Deutschen Bauzeitung als „durchrationalisierte Waren- und Verkaufsschachteln, abgeschlossen nach außen, Illusionsfabriken im Inneren“.

Die Störung des ästhetischen Empfindens eines Stadtbildes durch solch ein Haus war aber durchaus Resultat wirtschaftlicher Überlegungen der Warenhauskonzerne. Die äußere Wahrnehmung der Marke, die Erreichbarkeit mit dem Auto (und Parkplatzangebote) sowie Platz für mehr Waren stellten die Zielsetzung der Planer dar. Wie sich die neuen Häuser in die gewachsenen Stadtbilder einfügen würden, spielte eher eine untergeordnete Rolle.

Der Kaufhof verlagerte seinen Standort ins City-Center.

Da stand er nun, der Bau, den LN-Redakteur Jürgen Kramer als „provisorisch und hässlich“ beschrieb. Und auch wenn alle über die Architektur spotteten – so gingen die Lüdenscheider trotzdem gern in „ihren“ Kaufhof.

Die Geschäfte gingen gut. So gut, dass man in der Zentrale der Westdeutschen Kaufhof AG zu Beginn der 1970er-Jahre überlegte, die Kaufhof-Schwester Kaufhalle nach Lüdenscheid zu bringen. Diese Warenhaus-Kette verstand sich als Billig-Alternative zum Hauptunternehmen. 

Hier finden Sie mehr über Leonhard Tietz

1927 als Ehape Einheitpreis-Handelsgesellschaft von Leonhard Tietz gegründet und 1937 in Rheinische Kaufhalle AG umbenannt, gab es in den (zumeist kleineren) Filialen eine überwiegende Menge von Produkten günstiger Hausmarken. Vornehmlich in den Bereichen Textilien und Elektrogeräte konnten die Kunden in den Kaufhallen ordentlich sparen.

Kirchheim: Das war wohl nichts!

Für die Neuansiedlung einer Lüdenscheider Filiale hatte das Unternehmen 1972 das Kirchheim-Areal an der Martin-Niemöller-Straße als Baugrundstück ins Auge gefasst. Da allerdings seitens der Lüdenscheider Politik grünes Licht für den Bau des Hochhauses Rathausplatz 25 der Gothaer Versicherungen gegeben worden war, wurde von den Kaufhallenplänen abgesehen. Denn das Gothaer-Haus hätte die Sicht auf die Kaufhalle aus Richtung Rathausplatz verdeckt. Auch ein von der Politik unterbreitete Kompromiss (Teilanmietung des Gothaer-Hauses durch die Kaufhalle) war schnell wieder vom Tisch.

Anfang 1977 wurden die Pläne für eine Lüdenscheider Kaufhalle nun wieder aus der Schublade geholt. Ursächlich dafür war der Umzug des Kaufhofs vom Straßenstern in das City-Center an der Altenaer Straße. Auf der Suche nach einer Nachnutzungsmöglichkeit des bald leer gezogenen Warenhauses stand nun der Einzug einer Kaufhallen-Filiale zur Diskussion. Bauliche Mängel und nicht mehr zeitgemäße Architektur des alten Kaufhof-Hauses gaben jedoch schnell den Ausschlag dafür, hier abzureißen und einen Neubau für die Kaufhalle zu schaffen.

Der Wurmfortsatz des Forums

Der Konzern beauftragte den Fellbacher Bauunternehmer Kurt Knödler mit der Umsetzung dieser Idee. Knödler, der zur selben Zeit mit der Stadt Lüdenscheid in den letzten Zügen für den Bau des Spiel- und Freizeitzentrums Innenstadt (heute Forum am Sternplatz) lag, zog das Center-Architekten-Trio Back, Grimm und Jakob aus Stuttgart auch für den Kaufhallen-Entwurf heran.

Das Ergebnis der Vorplanung war eine Immobilie, die nicht etwa dem klassischen Stadtbild verpflichtet, sondern eine Erweiterung des bald entstehenden Center-Baus war. Nur, dass sich unter dem Aluminium-Dach des dreigeschossigen Warenhauses mit Cafeteria und Supermarkt keine Kegelbahnen, sondern eine Indoor-Tennis- und Squash-Halle befinden sollte.

Schon der Entwurf ließ keine Zweifel an der Optik des Gebäudes.

So wie es auf dem Papier dargestellt war, wurde das Projekt auch final umgesetzt. Im Mai 1977 begann der Abriss des alten Kaufhofs, im September 1978 war die Kaufhalle fertig. Und deren architektonische Gestaltung war durchaus dazu geeignet, dass sich die Verächter des klobigen 1955er-Kaufhofs den verschachtelten Klotz plötzlich zurückwünschten. Ebenso wie Knödlers Spiel-und Freizeitzentrum machte die Kaufhalle zudem mit Beginn der 1980er-Jahre fortwährend Negativ-Schlagzeilen.

Die diebische Kassiererin...

Da war zum Beispiel die Kassiererin Maria Pia M., die an ihrem Arbeitsplatz lange Finger machte. Blusen, Kostüme und Halstücher, die in ihrer Tasche verschwanden, wurden im Bekanntenkreis „verbilligt“ von ihr weiterverkauft. Wegen Veruntreuung und Diebstahls mit einem Schaden von 198,20 D-Mark wurde die junge Frau 1980 zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt.

...und die tote Disco-Besucherin

Weitaus tragischer endete der Besuch der Diskothek „Marqas“ für eine 27-jährige Lüdenscheiderin in der Nacht auf den 27. Dezember 1980. Ein alkoholisierter Bekannter hielt die Frau mit ausgestreckten Armen über das Geländer der Brüstung zwischen Center und Kaufhalle am Sauerfeld. Sie stürzte 4,50 Meter in die Tiefe und war sofort tot, als sie vor der Einfahrt zur Kaufhallen-Tiefgarage auf dem Boden aufschlug.

Auch ein Bericht der Lüdenscheider Nachrichten, dass ein Heroinabhängiger auf der Kundentoilette des Warenhauses gestorben war, war für das eh schon angekratzte Image des Hauses nicht von Vorteil.

Erschwerend kam in den 80ern noch ein völlig verändertes Markenbewusstsein bei den Konsumenten hinzu. Statt einer „Geiz-ist-geil“-Mentalität dominierte bei vielen Kunden der Wunsch nach Qualität, die durchaus ihren Preis haben durfte. Die Kaufhalle wurde immer mehr als Resterampe des Kaufhofs wahrgenommen – und zog als solche auch weniger gern gesehene Stammgäste an.

Ein gar nicht originelles Original

Zu diesen gehörte ebenfalls ein Lüdenscheider Original, das den Haupteingang der Kaufhalle über Tage zu seinem Revier auserkoren hatte. Der alkoholabhängige Hans B. stand, saß oder lag regelmäßig über Jahre vor dem Warenhaus, fluchte und schrie lautstark Drohungen und obszöne Botschaften in Richtung der damaligen Hauptstadt Bonn. Sein Groll richtete sich gegen Bundeskanzler Helmut Kohl, seine durchweg derb formulierten sexuellen Wünsche an die Kanzlergattin Hannelore. Für die Lüdenscheider Jugend, die sich immer gegenüber am Briefkasten vor Leffers, dem sogenannten „Gelben“, traf, war das eine Mordsgaudi – für Eltern mit Kindern hingegen, die einkaufen wollten, nicht gerade einladend.

Die Betreiber der Tennis- und Squash-Halle gaben im Laufe der Zeit auf, doch aufgrund des City-Center-Umbaus zum Stern-Center zog das Schuhgeschäft Reno Anfang 1991 mit in die Kaufhalle.

Eine Hochzeit mit fatalen Folgen

Mitte des Jahrzehnts kündigte sich auf dem großen Wirtschaftsparkett eine Hochzeit an, die für die Kaufhalle fatale Folgen haben sollte: die Fusion der Kaufhof Holding mit der Metro Cash & Carry International. Der so entstandene Konzern wusste um das angeknackste Image der Kaufhalle und hatte aufgrund mittlerweile defizitärer Umsätze Umstrukturierungsmaßnahmen auf den Weg gebracht. Die Kaufhallen AG wurde im September 2000 an die italienische Modekette Oviesse verkauft, die Immobilien hielt nunmehr die britische Dawnay Day Gruppe.

Oviesse versuchte, die ramponierte Marke wiederzubeleben, aus den bundesweit 98 Filialen der mit schlechtem Image behafteten Kaufhalle wurde in vielen Städten und auch in Lüdenscheid jetzt „M. mulitistore“. Neuer Name, neue Warensortimente und renovierte Häuser halfen aber nicht dauerhaft, die krisengeschüttelten Häuser wieder auf sichere Beine zu stellen. Bis 2007 verschwanden alle Kaufhallen. In Lüdenscheid war bereits 2004 Schluss.

Allen ist besser als Leerstand

Als Nachmieter des Hauses am Sternplatz zog „radikalkauf“ ein, eine Textilwarenkette des Neckermann-Konzerns, in dem Zweite-Wahl-Artikel oder ausgemusterte Kleidung der vergangenen Saison billig verkauft wurde. Als der irische Fleischfabrikant Samuel Bertram Allen dann das alte Warenhaus im September 2008 von der Dawnay Day Gruppe kaufte, hatte bereits seit knapp einem Jahr ein totaler Leerstand geherrscht. 2009 wurde das Gebäude abgerissen, auf dem Grundgerüst des früheren Baus entstand bis 2011 das Ärztehaus mit der Adresse Sternplatz 1.

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