Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 10

Atari, C64 und Gameboy: Als die Lüdenscheider die Pixel lieben lernten

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Mit großformatigen Anzeigen warben die Kaufhäuser in den LN für Telespiel-Konsolen und Heimcomputer.

Lüdenscheid - Endlich können die Fernsehzuschauer das Geschehen auf dem Bildschirm aktiv beeinflussen und nicht nur passiv Videos gucken. Telespiele sind der große Renner der 80er-Jahre. Natürlich auch in Lüdenscheid.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. Folge 10 beleuchtet die Rolle von Unterhaltungselektronik in Lüdenscheid abseits des Video-Marktes. Tele-Spiel und Heimcomputer erobern Wohnstube und Kinderzimmer. Neue Medien, deren Zielgruppe den Gewerbetreibenden der Bergstadt anfangs nicht ganz klar erscheint.

Hysterie 1983: Das Katholische Bildungswerk an der Gartenstraße lädt zu einem Informationsnachmittag mit Titel „Schlachtfeld Wohnzimmer“ ein, Lüdenscheids Jugendamtsleiter Peter Zurmühl weist bei einer Veranstaltung des Hausfrauenbundes auf die Gefahren des bis dahin unregulierten Videokassetten-Marktes hin.

Derweil räumt man im „Video-Land“ an der Knapper Straße 59 und im Märker-Videofilm-Verleih an der Werdohler Straße 75 einige der in Verruf geratenen Filmkassetten zur Seite. Schafft Platz im Regal für Medien, die bisher weniger in den Fokus der Jugendschützer gerückt waren – sogenannte Atari Telespiel-Kassetten.

Atari erobert auch Lüdenscheid

Diese gereichten zu jener Zeit wohl nicht dazu, den medial herbeibeschworenen Untergang des Abendlandes zu besiegeln. Denn die kleinen schwarzen Elektronik-Steckmodule samt passendem Abspielgerät, namentlich dem Atari 2600 Video Computer System (VCS 2600), gab’s auch im Lüdenscheider Spielzeugfachhandel (etwa bei Spiel & Hobby Richter) und in den Spielzeugabteilungen von Globus und Kaufhof. Im Technikhaus von Quelle wurden sogar exklusive Spiel-Kassetten angeboten, die eigens für den Versandhaus-Riesen in Taiwan hergestellt waren.

Zu Beginn der 1980er-Jahre wurde der Name Atari mitunter synonym für alle Art von Videospiel-Konsolen gebraucht, die sich an den heimischen TV-Apparat anschließen ließen. Dabei war es ganz egal, ob es sich nun um Hard- und Software der Firmen Philips (Videopac G 7000), Mattel (Intellivision), CBS/Coleco (Colecovision) oder beispielsweise Interton (Video 3000) handelte, die kistenweise in die Regale der Händler wanderten.

Die Auswahl wurde bald unüberschaubar.

Zwar waren Telespiel-Apparate fürs Wohnzimmer bereits seit Anfang der 1970er-Jahre für den Endverbraucher im Handel zu haben, doch diese technischen Spielereien lagen zuvor wie Blei in den Verkaufsregalen. Plötzlich wollte fast jeder so eine Kiste haben, um grob gepixelte Klötzchenanordnungen über den Bildschirm zu steuern.

Was war passiert, dass Telespiele nun in aller Munde waren? Der Ursprung einer kurzzeitigen internationalen Popularität solcher Unterhaltungselektronik war ein Phänomen, das von der 1972 im US-amerikanischen Sunnyvale gegründeten Firma Atari ausging.

Weltgrößter Flipper im City-Center

Das Start-Up-Unternehmen hatte sich schnell weltweit einen Namen als Hersteller technisch hochgezüchteter Flippertische und Videospiel-Automaten gemacht. Neue Technik von Atari war damals nicht nur der Fachpresse jederzeit eine Berichterstattung wert. Und daher verwundert es auch kaum, dass Anfang 1980 in einem Artikel der LN über die City-Center-Spielothek „City-Spiel 2000“ der dort neu aufgestellte Atari-Flipper „Hercules“ besondere Erwähnung fand. Es war die weltgrößte Maschine ihrer Art.

Im selben Jahr kam dann das VCS 2600 auf den westdeutschen Markt, die Atari-Spielkonsole, die Spielhallen-Action und austauschbare Spielkassetten fürs Wohnzimmer versprach. Ein Bestseller, der sich ungeachtet seiner tatsächlichen Qualität – das technische Innenleben war bereits 1977 entwickelt worden und längst überholt – wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln verkaufte.

Auf dem Höhepunkt des Telespiel-Booms, um 1981, siedelten sich zahlreiche westdeutsche Atari-Niederlassungen an. Der regionale Vertrieb für Nordrhein-Westfalen wurde über ein Büro in Wuppertal abgewickelt. Im Vorfeld des großen Booms hatte es aber der Mutterkonzern in den USA verpasst, die Technik des VCS 2600 patentrechtlich schützen zu lassen. Auch vergab man keine Lizenzen für die Spiele-Entwicklung, was dazu führte, dass jeder Fremdhersteller die Spielekonsole kopieren und Software auf den Markt werfen konnte.

Unübersichtlicher Markt bricht ein

Ein mittlerweile vollkommen unübersichtlicher Markt an Mitbewerbern, rechtlich nicht verfolgbare Produktpiraterie und eine unüberschaubare Masse qualitativ mieser Spielekassetten führte 1983 zum vorläufigen Zusammenbruch der gesamten Telespiel-Industrie. Zudem wurde eine neue Sparte Unterhaltungselektronik auf den europäischen Markt gespült, die der schon betagten Spielkonsolengeneration haushoch überlegen war – die Heimcomputer.

VC-20, C 64, C 128, Schneider CPC, ZX Spectrum, Dragon 32, Amstrat CPC 464, TI 99/4A und andere Computer-Modelle brachten einen Bruchteil des Flairs der sündhaft teuren Apple- und IBM-Personalcomputer in die Privathaushalte. Für Preise zwischen 250 bis 1000 D-Mark pro Stück Hardware kamen die „Kleinen“ in die gute Stube.

Ein faires Angebot für einen Rechner, mit dem sich spielen, lernen und selbst programmieren ließ? Nicht ganz, wie im Jahr 1984 bei den Verbraucher-Tipps in den LN nachzulesen war: „Die werbewirksam herausgestellten Preise beziehen sich oftmals nur auf den Rechner mit der Tastatur. Die Kosten des Zubehörs werden hingegen meist unterschätzt.“

Zu teuer? Völlig egal!

So war es auch, denn neben dem Computer selbst mussten Monitor, Disketten als Speichermedien, Drucker, Speichererweiterungen, Festplatten, Laufwerke, Joysticks und andere Eingabegeräte oder Anwendungs- und Spielesoftware angeschafft werden. Angesichts der Folgekosten kam die Stiftung Warentest damalig zum Urteil: „Wer auf die elektronische Aufrüstung seines Heimes verzichtet, der büßt keine Lebensqualität ein!“

Dieses vernichtende Fazit kümmerte die Endverbraucher offenbar herzlich wenig, denn bis Ende 1984 setzte der Handel mehr als 750.000 Heimcomputer um. Ab Mitte des Jahrzehntes kamen mit den ST-Modellen von Atari und der Amiga-Baureihe des britischen Herstellers Commodore noch leistungsfähigere Computer in den Handel. Die neuen Rechner waren Verkaufsschlager bei Foto Porst (Wilhelmstraße 20), Computer-Center Sieling (Werdohler Straße 32-38), Quelle und Kaufhof (beide im City-Center), Elektronik Michael Hampf (Hochstraße 1) und Radio/Elektro Peter Meyer (Ecke Knapper Straße /Lessingstraße 1).

Obwohl die Lüdenscheider Computer-Freaks schon ganz gut mit Fachhändlern ausgestattet waren, ließ der Markt vor Ort noch genügend Raum für weitere Mitbewerber. So kam es, dass Siegfried Gebauer kurzum Räume im Erdgeschoss des Hauses Parkstraße 7a zur Ausstellungsfläche für Computerspiele umfunktionierte. „Siggi’s Software-Shop“ war nicht nur ein Ladenlokal, sondern zudem Stützpunkt eines hauseigenen „Mailorder“-Versands. Das heißt, dass Gebauer in allen großen Fachzeitschriften inserierte und seine Spiele bundesweit an Kundschaft verschickte. Und wie ehemalige Kunden berichten, kam es hin und wieder vor, dass sich ältere Damen in den Laden verirrten, die hinter dem ihnen eigenartig klingenden Namen des Geschäfts eine Näh- und Stoffboutique vermuteten.

Vom Staberg in die Daddel-Abteilung

Ende der 1980er-Jahre hatte sich die zuvor als „Telespiel-Industrie“ bezeichnete Branche vom Kollaps wieder erholt. Spielekonsolen der Firmen Nintendo, Sega und Atari standen ab 1990 wieder hoch im Kurs. Den portablen Geräten wie Game Boy, Game Gear oder Lynx und ihren stationären Geschwistern Super NES und Mega Drive wurden aber keine Ecken in den Computer-Abteilungen freigeräumt. Große Präsentationswände zum Probespielen wurden vornehmlich in den Fachgeschäften des Spielzeughandels sowie in der jeweiligen Abteilung des Kaufhofs aufgebaut. Die Folge war, dass so mancher Pennäler vom Staberg die Freistunden zum Daddeln nutzte. Wer im Kaufhof nicht bei einer Runde „Super Mario World“ oder „Altered Beast“ zum Zuge kam, der versuchte sein Glück eben im Spielzeug-Paradies von Bernd Bartkowiak im Forum am Sternplatz.

Im frisch renovierten Einkaufscenter gab’s im Oktober 1991 zudem eine Neueröffnung zu verzeichnen, die bei Lüdenscheids Zocker-Jugend für Aufregung sorgte – den Computerspiel-Verleih „Soft & Sound“. Nach Modell der Club-Videotheken wurden hier tageweise Software für Amiga-, Atari-, C 64-Heimcomputer, Sega-Spielkonsolen und IBM-Personal Computer vermietet.

Michael Hampf (links) bot an der Hochstraße Telespiele an.

Bei „Soft & Sound“ handelte es sich um ein Franchise-Unternehmen aus Düsseldorf, das bis 1993 bundesweit 40 Niederlassungen zählte. Die Lüdenscheider Franchisenehmer waren Ralf Bodo Mauk und Stefan Zimmermann. Deren Geschäft lief so gut, dass sie alsbald mit dem Laden in größere Räume an der Schützenstraße 1 umzogen. Da es aber rechtliche Querelen um die Vermietung von Software-Titeln gab, endete das Franchise-System „Soft & Sound“ so schnell wieder, wie es gekommen war. Die Lüdenscheider Unternehmer machten aber noch etwas weiter, aus dem Club-Modell wurde ein Verein, um den Spieleverleih aufrecht zu erhalten. Einige Zeit nach einem Umzug des Ladens in die Hochstraße 1 wurde das Geschäft an Hartmut Klawitter abgegeben, der die Vermiet-Aktivitäten einstellte und unter dem neuen Namen „Playline“ seit 1997 Dienstleistungen im Bereich IT-Technik anbietet.

Spiele nun auch in Videotheken

1997 endete auch die Zugehörigkeit im Einkaufsverbund Deutscher Video Ring der Videothek an der Knapper Straße 38. Im Zug der Übernahme durch die Kette „World of Video“ kamen hier jetzt ebenfalls Video- und Computerspiele sowie Musik-CDs in das Verleihangebot. Die Videotheken Media-X an der Glatzer Straße und das Video-Center an der Werdohler Straße zogen nach, nahmen Videospiele für längere Zeit ins Programm auf. Eine Sonderstellung in den 1990er-Jahren nahmen außerdem die Unternehmen von Manfred Keller ein. Ursprünglich Händler von Satelliten-Empfangsantennen, erweiterte er sein Geschäftsmodell um den An- und Verkauf von Videospielen und -geräten. Sein Laden war der erste dieser Art an der Knapper Straße.

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