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Jubiläum ohne große Feier: 40 Jahre Kulturhaus

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Von: Jutta Rudewig

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40 Jahre Kulturhaus Lüdenscheid
Ein gern gesehens Schild an der Theaterkasse des Kulturhauses: 40 Jahre alt wird Lüdenscheids gute Stube an diesem Wochenende. © Rudewig

So richtig groß gefeiert wird nicht. Zumindest jetzt nicht. Abstand im großen Saal, die Maskenpflicht fiel erst vor wenigen Tagen, Einlasskontrollen – 3 G(ründe) dafür, eine fröhliche, unbeschwerte Geburtstagsfeier „40 Jahre Kulturhaus Lüdenscheid“ mit Menschenmassen drinnen wie draußen ins Reich der sommerlichen 2022-Fantasie zu verschieben.

Lüdenscheid – So ein bisschen Festtagsstimmung soll rund um dieses Wochenende aber doch aufkommen, wenn man in Lüdenscheids guter Stube auf ein 40-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Am 6. November 1981 wurde das Kulturhaus Lüdenscheid eingeweiht. 40 Jahre später gibt sich die Kabarettistin Mirja Boes die Ehre, die Tanzgeschichten, die durch die Corona-Restriktionen lange brach lagen, waren zum Geburtstag des Kulturhauses zu sehen, das erste Folkkonzert der Spielzeit findet in bewährter Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Kalle statt.

„Das ist ja schon fast so etwas wie ein Geburtstagsprogramm“, sagt Thomas Biedebach, seit Jahrzehnten technischer Leiter, manchmal auch amüsanter Moderator, auf jeden Fall aber die gute Seele des Kulturhauses.

Drei Leiter gab’s und gibt es in den vergangenen vier Jahrzehnten. Rudolf Sparing hatte die Kulturhausleitung 1979 übernommen, um mit seinen Erfahrungen als Regisseur und Dramaturg schon während der Planungs- und Bauphase hilfreich eingreifen zu können. Mit seinen unterschiedlichen Ensembles entwickelte er Programme – 1993 seine bis heute unvergessene stadtgeschichtliche Revue „Lünsche paletti – woll?“, die fünfmaligen Lüdenscheider Bachtage, die Lüdenscheider Kleinkunsttage. Auch sie bestehen in abgewandelter Form noch heute.

40 Jahre Kulturhaus Lüdenscheid
Zum 30. Geburtstag brachte Rudolf Sparing ein Märchen mit zur Feier im Theatersaal. © Rudewig

Stefan Weippert übernahm die Kulturhausleitung 2002, ein studierter Betriebswirt, andererseits aber auch ein ausgebildeter Musiker. Sein „Adonis Salonorchester“ setzte immer wieder Akzente, vor allem rund um das Weihnachtsfest eines jeden Jahres. Die Waldbühne im Stadtpark und ihre Reaktivierung war ihm eine Herzensangelegenheit, auch wenn der Lüdenscheider Regen so manches Mal die Schauspieler unter das schützende Kulturhaus-Dach zwang. 2016 ging er auf eigenen Wunsch in den Süden der Republik. Heute hat er die Geschäftsführung im Augsburger Kurhaustheater inne.

Als Kulturhausleiterin folgte Rebecca Egeling, Dramaturgin, Produktionsleiterin und Regisseurin und seit 2017 die erste Frau an der Spitze des Kulturhauses. Einer ihrer Schwerpunkte liegt auf der Teilhabe, der Party-Cipation, auf den Vor- und Nachgesprächen, ein anderer auf dem Kinder- und Jugendtheater und der damit verbundenen erfolgreichen Kooperationen mit Lüdenscheider Schulen.

Eine Uraufführung zur Schlüsselübergabe

Eine Sonderausgabe der Lüdenscheider Nachrichten vom 6. November 1981 erzählt die Geschichte des Hauses. Die Uraufführung der Auftragskomposition von Giselher Klebe wurde zur Schlüsselübergabe gespielt vom Westfälischen Sinfonieorchester. Eine Woche lang feierte die Stadt ihr neues Kulturhaus – mit Kinderveranstaltungen, Schauspielen wie „Der Weltverbesserer“, mit Bachsolisten, der Chris-Barber-Jazzband, den Jazz Docs und am Ende mit dem Händel’schen „Messias“, vorgetragen durch eine Chorgemeinschaft und dem großen Orchester unter der Leitung von Hanni Henning.

40 Jahre Kulturhaus Lüdenscheid
Zwischen dem Beschluss des Rates 1964 über die Gründung des „Gemeinschaftswerkes Bergstadthalle“ und der tatsächlichen Eröffnung des Kulturhauses lagen 17 Jahre Denk-, Diskutier- und Bauzeit. © Stadtarchiv Lüdenscheid

Mit der Eröffnung des Kulturhauses ging ein jahrelanger Prozess zu Ende. „Gerade in Zeiten finanzieller Einschränkung ist das kulturelle Gemeinschaftserlebnis ein unerlässlicher Lebensfaktor“, schrieb seinerzeit Bürgermeister Jürgen Dietrich in seinem Grußwort. Zwischen dem Beschluss des Rates 1964 über die Gründung des „Gemeinschaftswerkes Bergstadthalle“ und der tatsächlichen Eröffnung des Kulturhauses lagen 17 Jahre Denk-, Diskutier- und Bauzeit.

Rudolf Sparing als erster Kulturhausleiter lobte in seinem Grußwort vor allem die Bauweise: „Alle infrage kommenden Darstellungsformen können erschlossen werden. Der Theaterapparat gibt es her.“

 „Alle infrage kommenden Darstellungsformen können erschlossen werden. Der Theaterapparat gibt es her.

Rudolf Sparing

Ein großes Theater, da muss vor allem Platz geschaffen werden. Rund 10 000 Quadratmeter wurden schließlich zwischen Freiherr-vom-Stein-Straße, Schillerstraße, Sauerfelder Straße und Gartenstraße freigeschaufelt. Noch vor dem ersten Spatenstich am 23. Juni 1978 rückten die Abbruchbagger an – die Südschule, das Eckhaus an der Freiherr-vom-Stein-Straße 13/13a, der große Gerhardi-Firmenkomplex, die Concordia, die alte Volksbank und weitere Gebäude mussten weichen.

Eine eindrucksvolle Kulisse

Die riesigen Baukräne und Betonfragmente boten schon wenige Monate nach Baubeginn eine eindrucksvolle Kulisse der 29 Millionen D-Mark teuren Baustelle. 35 Firmen waren an dem Neubau beteiligt. Schon die Einrichtung der Großbaustelle sorgte durch Fahrbahnverengungen für Verkehrschaos. Es dauerte lange, bis sich die Lüdenscheider Autofahrer an die Verkehrsführung an der Großbaustelle im Herzen der Stadt gewöhnten. Zwei außergewöhnlich strenge Winter mit monatelangen Schlechtwettertagen verzögerten immer wieder die Arbeiten und brachten einen ohnehin engen Terminplan durcheinander.

Eine Theater-Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Architekt Reinhold Voos überwachte jeden Stein und tat sich schwer, als es um die Farbgestaltung der Außenfassade ging. Während der Kulturhaus-Architekt Nikolaus Ruff einen leuchtenden Blauton favorisierte, tendierten die Mitglieder des Arbeitskreises zu Farben wie Eierschalen-Beige oder Natur-Weiß. Das Ende ist bekannt: Die „Blau-Philosophie“ des Planers Ruff setzte sich durch.

Auch das Beleuchtungskonzept sorgte immer wieder für Amüsement, wenn sich die Ratsmitglieder mit einer Laternenparade im Sitzungssaal beschäftigen mussten.

Ein Haus sollte es ein, das alle anzuziehen vermag, jung und alt, Theater- und Musikbegeisterte wie Freunde der leichten Muse, Bildungswillige wie Geselligkeit Suchende, Tagungsgäste und Besucher von Vereinsveranstaltungen

Klaus Crummenerl

Ein „Juwel städtebaulicher und architektonischer Kunst“ nannte schließlich Reinhold Voos den Prachtbau in Blau und Kupfer nach seiner Fertigstellung. „Ein Haus sollte es ein, das alle anzuziehen vermag, jung und alt, Theater- und Musikbegeisterte wie Freunde der leichten Muse, Bildungswillige wie Geselligkeit Suchende, Tagungsgäste und Besucher von Vereinsveranstaltungen“, schrieb 1981 der damalige Beigeordnete Klaus Crummenerl zur Einweihung. Daraus habe sich der Name ergeben – zunächst gedanklich, später als Arbeitstitel und am Ende manifestiert: Kulturhaus. Eine überwältigende Menschenmenge nahm im August 1980 am Richtfest im Schatten des Verlagsgebäudes der Lüdenscheider Nachrichten teil, die ersten Theater-Abos wurden im Sturm erobert.

40 Jahre Kulturhaus Lüdenscheid
2017 wurden im großen Saal die Polster ausgetauscht. Die Farbgebung ist rechtlich geschützt. © Popovici

Die positive Bilanz: 400 000 Besucher konnten bereits in den ersten fünf Jahren gezählt werden. Der deutsche Architekturpreis „Beton ‘83“ wurde Lüdenscheid für das Kulturhaus verliehen – für ein „Bauwerk besonderer Prägung“. Der Run auf die Karten blieb ungebrochen, die Zahl der Eigenproduktionen stieg stetig. Aber auch Misstöne schlichen sich ein. Zu Beispiel jener im Jahr 1983. Baufirmen verklagten die Stadt auf Zahlung von acht Millionen D-Mark Nachzahlung, weil die Großbaustelle komplizierter wurde als erwartet.

Der 30. Geburtstag des Kulturhauses wurde groß gefeiert mit einem knapp vierstündigen Programm. Und einer kam als Ehrengast zur Geburtstagsfeier: Rudolf Sparing, schon seit 2002 nicht mehr Kulturhausleiter. Er schenkte den Gästen im voll besetzten Saal mit einem Märchen ein echtes Schmankerl, das er mit den Worten schloss: „Die einstige Goldmarie darf nicht zum Aschenputtel werden!“

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