Kritik und Unverständnis

Mit verschärften Gesetzen will das Familienministerium das Komasaufen unter Jugendlichen eindämmen.

LÜDENSCHEID ▪ Im Kampf gegen das Komasaufen plant Kristina Schröder (CDU), schwere Geschütze aufzufahren: Geht es nach der Bundesfamilienministerin, sollen Jugendliche unter 16 Jahren, sofern sie nicht in Begleitung eines Erwachsenen sind, öffentliche Veranstaltungen mit Alkoholausschank ab 20 Uhr verlassen müssen. Lüdenscheider Veranstalter reagierten auf Nachfrage unserer Zeitung mit Unverständnis, Kritik und offener Ablehnung auf die geplante Novelle des Jugendschutzgesetzes.

„Ich halte das ehrlich gesagt für Schwachsinn. Jugendlichen darf ohnehin erst ab 16 Jahren Alkohol ausgeschenkt werden“, sagte Oliver Straub, der den bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebten Club „Eigenart“ betreibt. Außerdem dürfe an Minderjährige generell kein hochprozentiger Alkohol ausgeschenkt werden, sodass die Regelung für Discotheken oder Gaststätten keine Neuerung und daher nicht geeignet sei, dem Komasaufen vorzubeugen. Zumal der Eintritt in der Regel sowieso erst ab 16 Jahren gestattet sei – auch im Eigenart, so Straub weiter.

Ähnlich äußerte sich Phillip Nieland zu Kristina Schröders Plänen. „Das scheint mir ein typisches Sommerloch-Thema zu sein“, sagte der Betreiber von Rock Inc., der sich insbesondere als Organisator der Techno-Großveranstaltung Electronic Nation einen Namen gemacht hat. Seine Veranstaltungen, auch im Johnny Mauser, seien ohnehin in der Regel für Personen ab 18 Jahren gedacht. Einzige Ausnahme: Konzerte. Die dürfen ab 16 Jahren besucht werden. „Wir sehen dann aber auch zu, dass die Bands gegen Mitternacht fertig sind“, so Nieland.

Seiner Ansicht nach handelt es sich beim Vorstoß der Familienministerin um reinen Aktionismus. „Ob Rauschmittel legal oder illegal sind, ist nur ein marginaler Unterschied. Wenn Jugendliche daran kommen wollen, kommen sie daran“, sagte Nieland weiter. „Verbote ändern nichts an der Problematik Komasaufen.“ Vielmehr gelte es, die Motivation für die exzessiven Trinkorgien zu erkennen und vorbeugend auf die Gefahren des Alkoholmissbrauchs hinzuweisen.

Rolf Linnepe, Vorsitzender des Bürgerschützenvereins (BSV), bezeichnet die angedachte Gesetzesverschärfung als „Blödsinn“, der „völlig unausgegoren“ sei: „Wie will man eine solche Veranstaltung denn bitte genau definieren? Dürfen Jugendliche unter 16 Jahren ohne Erziehungsberechtigte dann in Zukunft abends nicht mehr ins Schützenzelt? Oder gilt das Ausgehverbot dann für die ganze Kirmes? Denn da stehen ja schließlich auch diverse Bierbuden“, sagte Linnepe. Das Verbot werde das Komasaufen nicht eindämmen, glaubt der BSV-Vorsitzende: „Das findet entweder im privaten Rahmen statt oder irgendwo, wo die Alterskontrollen nicht genau genommen werden.“

Friedrich-Karl Schmidt findet es wichtig, dem exzessiven Alkoholkonsum Jugendlicher einen Riegel vorzuschieben. Dass der Vorstoß aus dem Familienministerium praktikabel ist, bezweifelt der Vorsitzende der Lüdenscheider Schützengesellschaft (LSG) allerdings ebenfalls. Und das Konzept der Schützenveranstaltungen sieht Schmidt ebenfalls gefährdet, die „für alle Generationen offen“ sein sollten. Der ehemalige Bürgermeister betont außerdem, dass Komasaufen nicht bei öffentlichen Veranstaltungen, sondern „innerhalb der Cliquen zu Hause, im Park oder um die Ecke“ betrieben werde. ▪ Sven Prillwitz

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