Krippenspiel in Lepradorf

Eckhart Böhm vor 50 Jahren bei Albert Schweitzer

Krippenspiel in Lambarene 1962: Die Darsteller von Maria und Josef zählten zu den Leprakranken, in der Krippe lag ihr eigenes Kind. Der junge Eckhart Böhm hielt das ergreifende Schauspiel mit der Kamera fest.

LÜDENSCHEID/LAMBARENE - Maria und Josef beugen sich liebevoll über ihr Kind in der Krippe. Sie strahlen. Wie die Heiligen Drei Könige. Wie hunderte von Menschen, die an diesem 4. Advent 1962 im Lepradorf von Lambarene das ergreifende Krippenspiel unter freiem Himmel miterleben. Der berühmte Urwalddoktor Albert Schweitzer ist darunter- und ein junger Medizinstudent namens Eckhart Böhm, der alles mit seiner Kamera festhält und von diesem Weihnachtsfest noch 50 Jahre später erzählen wird.

„Das kam mir vor wie ein Ideal von Weihnachten. Alles war sehr bescheiden, aber festlich, es war gefühlvoll, aber bei all dem Leid um uns herum auch ehrlich und ernst. Mein Eindruck war damals: Wenn Weihnachten die große Idee von der Hilfsbereitschaft für alle Menschen ist, dann ist das Fest vor allem für Orte wie Lambarene gemacht“, berichtet Böhm. „Ich werde diese Weihnachtstage jedenfalls bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen.“

Seine stärksten Erinnerungen hat er an Albert Schweitzer selbst, „einen ungemein bescheidenen Menschen“, der den Leuten vor dem Urwaldkrankenhaus die Weihnachtsgeschichte auf Deutsch und Französisch vorlas. „Die Zuhörer, die meist weder die eine noch die andere Sprache verstanden, lauschten ehrfürchtig, während vor ihnen die vollgestellten Gabentische warteten - mit vielen Spenden aus DDR-Produktion.“ Tatsächlich wurden in Ostdeutschland große Sammlungen für das Urwaldprojekt des Friedensnobelpreisträgers durchgeführt. „Denen ging es natürlich weniger um Weihnachten als um internationale Solidarität.“ Und zum Weihnachtsessen gab es für jeden mitten im Dschungel eine Flasche Kronenburg - dank einer Bierspende aus dem Elsass, dem Schweitzer entstammte.

Weltanschauliche Toleranz und ein gelassener Umgang mit Mängeln aller Art, auch das blieb Böhm aus Lambarene gegenwärtig. „Die christliche Lehre und die Hausbeschützerinnen der Naturreligionen, die als Figuren vor den Hütten standen, durften auch während der Weihnachtstage nebeneinander existieren.“ Und niemanden störte es groß, wenn das abends für Albert Schweitzer aufgelegte Weihnachtsoratorium auf dem Plattenteller kräftig leierte, weil der Generator für die OP-Lampen gerade wieder in die Knie gegangen war. „Klaglos ertragen wurde auch die Hitze in den stromlosen Hütten, die quer zur Hauptwindrichtung gebaut waren, damit sich drinnen überhaupt mal ein Lüftchen regte.“

Eckhart Böhm ist heute selbst Professor und nach langen Jahren als Chefarzt des Pathologischen Instituts in Hellersen im Ruhestand. Wenn er von seinen drei Wochen in Lambarene erzählt, amüsiert sich der erfahrene Mann immer wieder über den idealistischen und abenteuerlustigen Jungen von damals. Allerdings hat er sich einiges davon bewahrt: Bis heute ist Böhm für die Internationale Ärzte für soziale Verantwortung (IPPNW) und bei den Kunstfreunden Lüdenscheid engagiert.

Als junger Mann studiert er Medizin in Münster und - dank eines Stipendiums - auch in Kinshasa im damaligen Zaire. Böhm: „Ich wollte unbedingt den Doktor Schweitzer erleben, auch weil ich selbst einmal Pastor werden wollte, und von Kinshasa aus war Lambarene ja erreichbar.“ Der Student nutzt den günstigen Dollarkurs und spart sich den Flug Kinshasa-Lambarene zusammen. Am 19. Dezember 1962 besteigt Eckart Böhm den Flieger nach Libreville in Gabun. Bewaffnet ist er mit einer Kamera und vielen Kodak-Farbfilmen. Im klapprigen Kleinflugzeug geht es über den Dschungel weiter Richtung Lambarene, zum Urwald-Krankenhaus. Nach der Landung balanciert ihn ein Einheimischer im Einbaum über den Fluss Ogowe ans Ziel.

Sein Idol Albert Schweitzer sieht Böhm zunächst aber nur von ferne, bei den Mahlzeiten. Der Student im dritten Semester ist in Lambarene ein kleines Licht, darf nur medizinische Hilfsarbeiten leisten, hält am 2. Weihnachtstag Nachtwache am Bett eines Schwerkranken. Doch anders als viele technikgläubige afrikanische Nachwuchsmediziner jener Tage bewundert der junge Deutsche Albert Schweitzers bescheidene, aber bedarfsgerechte Medizin. Und er beobachtet genau, was um ihn herum passiert, und dokumentiert so dieses einzigartige Weihnachtsfest. Zum Beispiel mit dem Bild des kleinen Mädchens, das ein Stofftier geschenkt bekam. „Was solche Gesten für Menschen in Krankheit und Armut bedeuten, drückt so ein Bild besser aus als tausend Worte.“

An seine persönliche Begegnung mit Schweitzer zum Ende des Aufenthalts am Dreikönigstag erinnert sich Prof. Böhm so: „Am Tag vor dem Abschied wurde ich zu Dr. Schweitzer gebeten, der kritisierte, dass er keine afrikanischen Nachwuchsärzte für das Hospital gewinnen könne, weil die lieber in Europa oder den USA unter den besseren Bedingungen dort arbeiten wollten. Ich weiß auch noch, dass er sich mit mir über aktuelle Themen aus der Zeitung ,Christ und Welt’ unterhalten wollte. Doch da musste ich passen, weil ich damals seit Monaten keine deutsche Zeitung mehr zu Gesicht bekommen hatte.“ Trotzdem erhielt Böhm eine persönliche Widmung Schweitzers zum Gedenken an die Zeit in Lambarene, die er bis heute in Ehren hält. - hgm

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