Ziel ist es, mehr Schwarzwild zu erlegen

Jäger im MK: Immer mehr Wildschweine, immer weniger Abschüsse

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Zur Bekämpfung der Schweinepest sollen eigentlich mehr Wildschweine geschossen werden (Symbolbild)

Lüdenscheid - Die ständige Zunahme der Schwarzwild-Bestände im heimischen Raum beschert Grundstücksbesitzern immer mehr Probleme. Jäger erlegen deutlich weniger Wildschweine als im Vorjahr.

Wildschweine sorgen in der Land- und Forstwirtschaft für die meisten Schäden. Während die Population der „Schwarzkittel“ auch in Lüdenscheid weiter wächst, sind die Abschussraten nach Angaben des Märkischen Kreises in den zurückliegenden zwei Jahren gesunken. 

Land- und Forstwirte, die sich zu Jagdgenossenschaften zusammengeschlossen haben, können sich Wildschäden vom jeweiligen Jagdpächter ersetzen lassen. 

Doch private Gartenbesitzer, deren Grundstücke nach einem nächtlichen Besuch einer Wildschweinrotte mitunter aussehen wie ein zerklüfteter Acker, können nach den Worten des Lüdenscheider Versicherungsexperten Kurt Nörenberg nicht auf Entschädigung hoffen und bleiben auf den Kosten sitzen. 

Wohngebiete gelten als befriedete Bezirke, in denen Jäger nicht tätig werden dürfen.

Schäden im Garten

Nach Auskunft aus dem Rathaus hält sich der Flurschaden durch Wildschweine auf Lüdenscheider Privatgrund derzeit in Grenzen. Stadtsprecherin Marit Schulte berichtet über „etwa zwei Vorfälle im Jahr“, die der Stadt gemeldet werden. 

Der Obmann für Öffentlichkeitsarbeit im Lüdenscheider Hegering, Gerrit Cramer, weiß von einem komplett umgewühlten Garten am Stülbergring in Stüttinghausen. Nahe der Stadtgrenze, schon auf Schalksmühler Gebiet, hätten Wildschweine einen Schaden von nahezu 10 000 Euro verursacht. 

Der Hegering hat nach Cramers Angaben in der Jagdsaison 2018/2019 in Lüdenscheider Revieren 123 Wildschweine geschossen. Der Märkische Kreis als Untere Jagdbehörde teilt auf Anfrage mit, dass die Abschussrate in der Saison zuvor noch bei 263 lag. 

Auch kreisweit ist die Zahl der erlegten „Schwarzkittel“ deutlich gesunken: von 4348 in der Saison 2017/2018 auf 1808 Abschüsse in der folgenden Saison. 

Die gesunkenen Abschussraten in Stadt und Kreis stehen im Widerspruch zu dem Ziel, mehr Schwarzwild zu erlegen. Kreissprecherin Ursula Erkens: „Aufgrund der afrikanischen Schweinepest wurde nach Aufruf des Ministeriums der Jagddruck massiv erhöht und eine Rekordstrecke an Schwarzwild erlegt.“ 

Doch Wildschweine seien intelligent und passten sich der Jagdstrategie an. „Nach Berechnungen unseres Veterinärs Jobst Trappe muss ein Jäger durchschnittlich sechs Stunden auf seinem Hochsitz verbringen, um ein Wildschwein zu erlegen. Auch bei Gemeinschaftsjagden lassen sich die Tiere kaum blicken.“

Hoher Pachtzins

Nach Einschätzung Gerrit Cramers vom Hegering Lüdenscheid gibt es rund um die Kreisstadt aktuell „deutlich mehr Schwarzwild als noch vor zehn Jahren“ – aber immer noch viel weniger als in bayrischen oder württembergischen Revieren. 

Die Tatsache, dass die Population weiter wächst, lässt sich offenbar auch mit der schwierigen Lage der Jagdpächter erklären. So müssten Jäger für die Pacht eines Reviers in Lüdenscheid und Umgebung mehr bezahlen als anderswo. „Im Schnitt 20 Euro pro Hektar in Lüdenscheid, in Kierspe sogar bis zu 40 Euro.“ 

Der hohe Pachtzins auf der einen Seite und auf der anderen Seite das Risiko, für Wildschäden aufkommen zu müssen, ist nach Cramers Worten „unattraktiv“ für Jagdpächter. „Null Schaden wird’s nie geben, und alle Wildschweine auszurotten, das will auch niemand.“ 

Es gehe darum, „die Bestände vernünftig und waidgerecht zu regulieren“.

Speiseplan bereichert

Niedrige Abschussquoten bannen für private Gartenbesitzer außerhalb der Jagdgenossenschaften nicht die Gefahr, zerstörerischen Wildschwein-Besuch zu bekommen. Doch „böse Absichten“ hegen die Tiere laut Gerrit Cramer nicht. 

Vielmehr streifen sie auf ständiger Nahrungssuche gerne auch durch Wohngebiete. Hier bereichern sie ihren Speiseplan, der vor allem aus Bucheckern oder Eichelmast besteht, durch tierisches Eiweiß. Dafür durchwühlen Wildschweine den Boden nach Würmern und Engerlingen und brechen dabei die Grasnarbe auf – vornehmlich im Herbst und im bevorstehenden Frühjahr. 

Wirksame Mittel dagegen scheint es zu geben, aber der Schutz ist aufwendig. Ursula Erkens: „Eigentümer können einen dichten Holzzaun errichten. Er sollte 30 Zentimeter in den Boden eingebracht sein und 150 Zentimeter über den Boden ragen. 

Elektrozäune werden auch manchmal eingesetzt, eignen sich aber nicht für Wohnbebauung. An Bewegungsmelder mit Licht gewöhnen sich die Tiere schnell. Ansonsten hilft Lärm, um sie zu verscheuchen.“ 

Jagdexperte Gerrit Cramer rät dazu, es mit weniger teuren Mitteln zu versuchen. „Kalk auf den Rasen streuen, das mögen Wildschweine nicht, dann wird die Wiese für sie uninteressant.“

Wie man Wildschweinbesuch verhindern kann

Die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz gibt nützliche Tipps, wie man Wildschweine aus dem Garten fernhält und wie man sich bei einer Begegnung mit den Borstentieren am besten verhält. 

Besonders wichtig sei die sachgerechte Entsorgung des Hausmülls in vor dem Umkippen gesicherten Mülltonnen. Ebenso sollten Komposthaufen vor dem direkten Zugriff der Wildschweine geschützt werden. Weiterhin raten die Experten dringlichst davon ab, die Tiere in den Gärten oder anderswo zu füttern. 

Dadurch verlören die Wildschweine sehr schnell ihre natürliche Scheu vor dem Menschen und können regelrecht aufdringlich werden. 

Jeder Garten, vor allem solche an Ortsrändern und in Waldnähe, sollte eingezäunt sein. Feste Zäune, die hoch genug sind, um ein Überspringen durch die Tiere zu verhindern und darüber hinaus auch noch nach Möglichkeit etwa 30 Zentimeter in den Boden eingegraben werden sollten, bieten einen zumeist ausreichenden Schutz. 

Auch ein Stück weit in den Boden eingelassene Baustahlmatten werden empfohlen. Bei einer Begegnung mit Menschen unternimmt ein Wildschwein zuerst „Scheinangriffe“. Wenn dabei fauchende Geräusche, das sogenannte Blasen, als Drohgeste zu hören sind, dann hilft nur der zügige, aber dennoch ruhige und geordnete Rückzug. 

Hektische Bewegungen sollte man vermeiden. Versuche, ein Wildschwein zu verscheuchen, könnten genau den gegenteiligen Effekt erzielen und das Tier könnte zum Angriff übergehen. Hundebesitzer sollten bei einer Begegnung mit Wildschweinen ebenfalls vorsichtig sein. 

Wenn Wildschweine in der Nähe sind, sollten sie ihre Hunde nicht von der Leine lassen. Hunde, die den Kontakt mit Wildschweinen nicht gewohnt sind, ziehen bei einer möglichen Konfrontation meist den Kürzeren.

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