Andreas Kostal und Kai Knickmann im Gespräch über ein Jahr der Extreme

Corona-Folgen: Weltkonzern Kostal über das „Fahren auf Sicht“

„Wenn Kostal hustet, kriegt die Stadt einen Schnupfen.“ Der Konzern ist für Lüdenscheider Familien zum Teil über Generationen hinweg Arbeitgeber. Ihre Kinder wurden mit diesem Spruch groß. Bis in die Hinterhöfe vieler kleiner Fabriksken reichten die Lieferketten, die Wechselbeziehungen. Der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt hat seit 1912 seine Wurzeln hier und seine Zweige reichen heute über vier Kontinente (46 Standorte, rund 17 000 Mitarbeiter).

Lüdenscheid – Kostal ist der größte industrielle Arbeitgeber in Lüdenscheid. Anlass genug für ein Gespräch zum Ausklang dieses Pandemie-Jahres. Unternehmer Andreas Kostal und Kai Knickmann, Vorsitzender der Geschäftsführung Automobil Elektrik, geben Einblicke in ABC-Themen: Automobilindustrie im Wandel, Brexit, Corona.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl 72.313 (Stand Januar 2020)

Es war ein Jahr der Extreme, auch für den Weltkonzern Kostal. Im April-Lockdown habe es tatsächlich einzelne Standorte mit null Umsatz gegeben, sagt Andreas Kostal. Für eine Unternehmensgruppe, die nach eigenen Angaben für 2019 einen vorläufigen Jahresumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro ausweist, eine ganz neue Erfahrung. „Das habe ich noch nie erlebt und will es auch nie wieder erleben.“

Weltkonzern aus MK: Corona verändert nicht Kostals Geschäftsmodell

Im zweiten Halbjahr fahre man nun langsam und „auf Sicht“ wieder aus dem Tal der Tränen heraus. Auf diese „größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“ reagiert Kostal unter anderem mit einem strikten „Fokus aufs Sparen“. Effizienz gilt als Gebot der Stunde. Auch deshalb sieht Andreas Kostal die laufende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie mit besonderer Sorge. Die aktuellen Forderungen von unter anderem vier Prozent mehr trügen der Situation nicht Rechnung, findet er: „Da fehlt mir die Nachvollziehbarkeit.“

Aus seinen Produktionen hat der Automobilzulieferer die Pandemie bislang weitgehend heraushalten können. Eine Homeoffice-Präferenz wo immer möglich, ein detailliertes Hygienemanagement, ein Reisestopp sowie, falls man sich doch treffen muss, ein sauerländisch-praktisches Abstandsmaß in Gestalt eines schlanken 1,50 Meter-Rundholzes – ein Rundum-Paket.

Das verändert den Alltag bei Kostal. Aber: „Unser Geschäftsmodell hat sich durch Corona nicht verändert“, sagt Kai Knickmann. Die Industrie Elektrik laufe sehr gut, auch der Geschäftsbereich Solar profitiere. Wenn die Menschen viel zu Hause seien, investierten sie auch ins Haus. Zudem helfen staatliche Konjunkturprogramme, sie könnten „schon einen Push geben in Richtung E-Mobilität“. Ebenso könnte der Green Deal, die EU-Strategie, bis 2050 klimaneutral zu werden, „einige Bereiche positiv beeinflussen, in denen wir aktiv sind“, sagt Kostal vorsichtig. Viele einzelne Faktoren in der Summe stützten das Unternehmen in diesen Zeiten.

Weltkonzern aus MK: Kostal hat „sehr, sehr gute Basis für ein solides Geschäft“

Die Diversifikation ist ein Faktor, China ein anderer. Angesichts des Potenzials sei der chinesische Markt für Kostal sehr wichtig. Aber auch sehr schwierig. Man arbeite stark mit chinesischen Fahrzeug-Anbietern zusammen. Doch dieser Markt verändere sich schnell: „Man muss gut aufpassen, auf wen man setzt als Kunde.“ Es gebe chinesische Fahrzeughersteller, „die kannte vor fünf Jahren noch niemand“, andere seien schnell wieder vom Markt verschwunden.

Auch die europäische Automobilindustrie steht vor einem strukturellen Wandel, ein Prozess, den Kostal nicht als Bedrohung für sein Unternehmen sieht. Neue Antriebstechniken, Digitalisierung, veränderte Mobilitätskonzepte – die Industrie muss sich anpassen, nicht alle werden es können. Der Lüdenscheider Weltkonzern sieht sich hingegen gut aufgestellt. Die Zulassungszahlen weltweit und in Deutschland sprächen ihre eigene Sprache. Dazu komme, dass Kostal-Produkte eine „sehr, sehr gute Basis für ein solides Geschäft sind“ – unabhängig vom Antrieb, so Kai Knickmann.

Denn auch das E-Fahrzeug braucht Bedienelemente, Lenksäulenmodule, eine Mittelkonsole. „Keiner hat vor fünf Jahren vorhergesehen, wie zügig sich der Wandel darstellt“, sagt Knickmann gleichwohl. Doch darin sehe man auch eine große, zusätzliche Chance – etwa für den Part der Kommunikation zwischen Ladesäule und Batterie. Stichwort On-board Charger, bordeigene Ladegeräte für E-Fahrzeuge: Hier gebe es die Notwendigkeit, ein solches System zu entwickeln, weiter zu optimieren. Auch eine Förderung für Plug-in-Hybride „wird uns nicht schaden“.

Anders sähe es aus, wenn sich schlagartig das autonome Fahren durchsetzen würde. Doch es spreche einiges gegen die baldige Ablösung des Menschen durch die Maschine. Hier sei Realismus eingekehrt, stellt Knickmann fest. „In Nevada kann man auf schnurgeraden Straßen stundenlang geradeaus fahren. Da geht’s autonom“, kommentiert er entsprechende Teststrecken. Aber hier im Sauerland, sagt er mit Blick aus dem Besprechungsraum auf den Verkehr, der über die schon leicht winterliche Autobahn am Kostal-Stammsitz vorbei kurvt, hier sei das anders. „Da braucht man immer noch Fahrer, die eingreifen. Das autonome System muss auch an Fahrer zurückgeben können. Und dazu braucht man Lenksäulen.“

Die sind ein konsequent zu komplexen Lenksäulenmodulen weiterentwickeltes Ur-Produkt der Firma. Schon in den 50er-Jahren kamen die ersten Lenkstockschalter für den Borgward Isabella aus Lüdenscheid. Eine Entwicklung, deren Ende man bei Kostal noch nicht sieht. Denn das geregelte Zusammenspiel zwischen Fahrer und Auto, die Benutzerschnittstelle, soll immer intuitiver, einfacher, ablenkungsfreier und effektiver werden.

Weltkonzern aus MK: Kostal behält Präsenz auf der Insel, aber nicht in Großbritannien

Ansätze genug für Forschung und Entwicklung. Dankbarer zumal und allein wegen der Stückzahlen lukrativer als verkehrsrevolutionäre Zukunftstechnologien wie der Hyperloop oder das Drohnentaxi. „Man kann heute technisch fast alles lösen, nur bezahlen kann das keiner.“

Dass der Mensch künftig lieber in die Luft gehen als über Straßen fahren könnte, betrachtet Kai Knickmann daher sachlich. Bei allem, was fliegt, sei nicht nur das Verhältnis von Stückzahl und Aufwand zu unproduktiv. Auch seien die sicherheitsrelevanten Hürden vor einer Zulassung sehr hoch. Natürlich wäre es wunderbar, mit einem Luftshuttle von Haustür zu Haustür zu kommen, räumt er ein. Doch wer einmal in der Nähe einer Hubschrauber-Einflugschneise gewohnt habe, denke anders darüber, weiß Knickmann aus eigener Erfahrung. Und: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach der ersten Begeisterung nicht vieles reglementiert wird.“ Was nicht nach einem vielversprechenden Forschungsgebiet für die Lüdenscheider Patentschmiede klingt. Da gibt es andere.

Was sich lohnt und was nicht, das ist ein steter, langfristiger Abwägungsprozess. Großbritannien als Standort lohnt sich nicht mehr. Die Entscheidung „hat nichts mit dem Brexit zu tun, gar nichts“, bekräftigt Kai Knickmann. Kostal behalte eine Präsenz auf der Insel, verlagere aber die Produktion aufs Festland. Auch die großen britischen Kunden bauten ihre neuen Werke nicht mehr in Großbritannien; die Investitionszurückhaltung sei spürbar: „Wachstum findet dort nicht mehr statt.“

Trotzdem war die Entscheidung keine leichte, die Produktion Ende 2021 zu schließen. „Keiner von uns freut sich darüber, wenn wir einen Standort schließen“, sagt Andreas Kostal. Noch rund 230 Mitarbeiter brächten dort nach wie vor „eine super Leistung“. Doch Großbritannien bleibt der größte Exportmarkt der europäischen Hersteller. Auch deshalb blicke man mit Sorge auf die nächsten Tage, wenn sich entscheide, ob es doch noch einen Brexit-Deal gebe oder künftig Zollschranken den Handel deutlich verteuerten: „Das wird dann nicht sonderlich absatzfördernd sein“, befürchtet Andreas Kostal.

Weltkonzern aus MK:

Zumal in dem Milliardengeschäft Automobilzulieferung jeder Cent zählt: „Dieser Trend ist unverkennbar“, betont Kai Knickmann. „Nur, weil wir im Sauerland sind, schenkt uns keiner etwas. Am Ende ist der Preis ausschlaggebend.“ Da Kostal-Kunden aus Kostengründen Werke in Richtung Osteuropa verschöben, folgt der Zulieferer mitunter: „Von diesem Trend können wir uns nicht ganz abkoppeln. Wir versuchen ständig Verbesserungen, um die Standorte wettbewerbsfähig zu halten.“

In Brasilien, dem literarischen „Land der Zukunft“, ist das letztlich nicht gelungen. Nach zehn verlustreichen Jahren – „Dort ist es nie besser geworden“ – fiel auch hier eine Entscheidung: gegen drei Standorte in einem schrumpfenden Markt. Einer bleibt nun, weil man Südamerika nicht aufgeben will.

Für Kai Knickmann war und ist immer wichtig, sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. Auch für Kostal hat er, der in Iserlohn aufgewachsen ist, vor Corona viele Standorte bereist. Unterwegssein ist eigentlich Alltagsgeschäft für den erfahrenen Manager der Automobilindustrie, der erst vor gut anderthalb Jahren zu Kostal wechselte. Seitdem wohnt er in der Heimatstadt von Familie Kostal. Das lenkt beider Blick auch auf Entwicklungen vor Ort. Wenn also Lüdenscheids Klimaschutzmanager davon spricht, die Innenstadt bis 2030 autofrei haben zu wollen, „dann macht mir das keine Angst“, sagt Andreas Kostal: „Ich bin seit 2006 in der Automobil-Industrie, und ich habe seitdem viele vollmundige Ankündigungen erlebt. Aber Emissionsreduktion ist sicher ein immer wichtigeres Thema.“

Ob bis 2030 die Innenstadt nicht ohnehin nur noch von Autofahrern auf dem Weg zur Arbeit tangiert werde, fragt sich Kai Knickmann. Denn: „Wenn wir über die Innenstadt reden: Wer fährt denn da noch hin, wenn der Lockdown so weitergeht?“ Und was bleibt? Die Verlagerung vom Präsenzhandel in den Online-Handel fahre immer häufiger in Form von Lieferdienst-Fahrzeugen an seinem Haus vorbei. „Dieser Verkehr nimmt zu.“ Und in anderen Bereichen nimmt er auch nicht ab – ebenfalls eine Corona-Folge: „Noch vor zwei Jahren hätte jeder unterschrieben, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, sich alleine in seine kleine Mobilitätsschale zu setzen.“ Nun, mit der Pandemie-Erfahrung, sieht der Vielgereiste vor allem den ÖPNV als Verlierer und die „kleine Mobilitätsschale“ als Gewinner: „In China meiden die Leute die U-Bahn wie die Pest.“

Rubriklistenbild: © Henrik Wiemer

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