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Korruptions-Prozess: „Freizügiges System“ im Klinikum

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Von: Olaf Moos

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Baustelle mit Rohrleitungen
Beim Bau neuer OP-Module im Klinikum sowie zahlreichen Reparaturarbeiten im Rohrleitungsnetz mischte das Altenaer Handwerksunternehmen kräftig mit. © Kerstin Zacharias

Ein Installateur (54) aus Meinerzhagen und ein 40 Jahre alter ehemaliger Mitarbeiter des Klinikums Hellersen sollen die Märkischen Kliniken um mehr als 600 000 Euro betrogen haben. Am zweiten Prozesstag vor dem Landgericht Hagen bricht der Hauptangeklagte sein Schweigen. 

Der ehemalige Mitinhaber eines Altenaer Heizungs- und Sanitärbetriebs sagt: „Ich habe einen Riesenfehler gemacht, dafür schäme ich mich.“

Doch allein will er die Verantwortung für die Betrügereien nicht tragen. „Ich sitze nur teilweise zu Recht hier.“ Dann beschreibt der 54-Jährige, wie das „freizügige System“ in der technischen Abteilung des Klinikums funktioniert habe – und nennt die Namen der fünf Klinik-Beschäftigten, die von den Gaunereien nicht nur gewusst, sondern daran mitgewirkt und sogar davon profitiert haben sollen. Dass er erst jetzt mit der Justiz kooperiert, erklärt er mit dem Satz: „Man hat mir Schläge angedroht, wenn ich das Maul aufmache.“

Das „freizügige System“ hat sich nach Aussage des Klempners langsam entwickelt. Demnach haben ihn krankenhauseigene Handwerker anfangs gedrängt, „langsam zu arbeiten, wir sollten den Schnitt nicht versauen“. Richter Andreas Behrens hakt nach. „Damit es nicht auffällt, dass die anderen faul sind und Kaffee trinken anstatt zu arbeiten?“ Antwort: „Genau!“ Er habe sich in die Großanlagen eingearbeitet, irgendwann hätten die Handwerker des Klinikums „gar nix mehr zu tun“ gehabt. Sein früherer Chef habe ihm gesagt: „Hellersen ist der Goldkunde, das muss laufen!“

Im Laufe der Zeit, berichtet der Angeklagte weiter, sei sein Verhältnis zu den Technikleuten des Klinikums vertrauter geworden. Um dessen „Sanierungstopf“ auszuschöpfen, habe man ihn aufgefordert, Rechnungen zu schreiben, „obwohl noch nichts gemacht wurde. Sie sagten: Dann habt ihr schon mal die Kohle“. Wieder hakt der Vorsitzende nach: „Wurde denn Anfang des Jahres schon festgelegt, wo ein Rohrbruch stattfinden muss?“ Antwort: „Ja.“

So wurde das „System“ nach Darstellung des 54-Jährigen allmählich zum Selbstläufer. Rohrbrüche, fast schon Alltag der Haustechniker im Klinikum, werden auf dem Papier inszeniert, Aufträge geschrieben, Reparaturen inklusive Materialbeschaffung abgerechnet – ohne einen Handschlag dafür zu vollbringen. Die Technik-leute zeichnen die Stundenzettel ab, die Buchhaltung prüft die Unterschriften und weist das Geld an.

Die Sache fliegt auf, als in der Apotheke des Krankenhauses einen Defekt in einem 30 Quadratmeter großen Kühlraum auftritt. Dort lagern nach Aussage des Klinik-Geschäftsführers Medikamente im Wert von 450 000 Euro. Die Temperatur sackt unter null Grad. Der automatische Alarm erreicht den 40-jährigen Mitangeklagten zu Hause, er hat Rufbereitschaft und rechnet seinen Einsatz ab. Als er tags darauf berichten soll, fällt auf, dass der Klempner aus Altena seinen Dienst übernommen hatte und die Abrechnung „irregulär“ war, wie der Ex-Chef der Innenrevision im Zeugenstand sagt.

Ein Stundenzettel offenbart: Ein einziger Monteur war dreieinhalb Stunden lang zeitgleich an zwei Orten tätig. Anlass für tiefere Recherchen, an deren Ende die Erkenntnis steht: „Wir sind in ganz großem Stil betrogen worden.“ Die Rede ist von rund 15 000 Stunden Arbeit pro Jahr, die bezahlt, aber nicht erbracht wurden. Der Revisor: „Als alles aufflog, ging die Zahl der Rohrbrüche zu einem hohen Prozentsatz zurück.“

Nach dem ersten Tag des Strafprozesses um Betrug und Korruption am Klinikum war noch völlig offen, in welche Richtung sich das Verfahren entwickelt. Die beiden Angeklagten schwiegen noch.

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