Kontinuität als Zeichen der Verlässlichkeit

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Im Hanns-Martin-Schleyer-Haus hat der Arbeitgeberverband seit mehr als 30 Jahren seinen Sitz. Inzwischen ist die Adresse an der Staberger Straße 5 zu einem regelrechten Dienstleistungszentrum für die Wirtschaft geworden.

LÜDENSCHEID ▪ Fast auf den Tag genau 100 Jahre ist es her, dass der heutige Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie (AGV) gegründet wurde. Der Verband selbst hat aus diesem Anlass in den Archiven geblättert und einige Eckdaten seiner eigenen Geschichte, aber auch über die historischen Umstände der Gründung zusammengetragen:

Emil Rahmede.

Demnach wurde am 23. Juni 1910 der „Arbeitgeberverein für Lüdenscheid und Umgegend“ gegründet. Mitglieder waren zunächst 66 Firmen mit 7145 Beschäftigten, erster Vorsitzender wurde Emil Rahmede, Mitinhaber der Firma Brauckmann & Rahmede. Solche Arbeitgeberverbände entstanden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Gewerkschaften. 1868 wurde in Deutschland die erste Gewerkschaft gegründet, als erster Arbeitgeberverband 1869 der Deutsche Buchdruckerverein. Anfangs verstanden sich Arbeitgeberverbände lediglich als Abwehrorganisation gegenüber den Gewerkschaften. Das Verhältnis änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, indem die Arbeitgeber die Gewerkschaften als berufene Vertreter der Arbeitnehmer anerkannten. Auch bei den Gewerkschaften hatte sich seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts die Erkenntnis durchgesetzt, dass es möglich sein könne, „sich durch kollektiven Zusammenschluss an den ökonomischen Marktgesetzen der liberalen Ordnung zu beteiligen und den Erfolg durch Tarifverträge dauerhaft zu sichern.“ Tarifverträge als neues Instrument der Lohnpolitik führten anfangs zu solch großen Erfolgen, dass man von einem Siegeszug der Tarifvertragsidee sprach. Bereits Ende 1913 gab es deutschlandweit 13 500 Tarifverträge für 170 000 Betriebe mit zwei Millionen Beschäftigten. Der erste gesetzliche Rahmen wurde durch die Tarifvertragsordnung vom 23. Dezember 1918 geschaffen. Bereits 1922 wurden 890 000 Betriebe mit mehr als 14 Millionen Arbeitnehmern von Tarifverträgen erfasst.

Neubeginn am 27. März 1947

Nachdem in der Zeit des Nationalsozialismus mit den Gewerkschaften auch die Arbeitgeberverbände beseitigt worden waren, war es nach 1945 nur langsam und unter erheblichen Schwierigkeiten möglich, Neugründungen zu verwirklichen. Auch dabei gab es wieder eine Wechselwirkung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen. Denn ohne eine Verbandsorganisation der Arbeitgeber konnte auch eine Beteiligung der Gewerkschaften an der Arbeitsverfassung nicht funktionieren. Die Möglichkeit, über die Verbände Tarifverträge abzuschließen, konnte jedoch erst Wirkung entfalten, als der Lohnstopp der Besatzungsmächte aufgehoben worden war.

In Lüdenscheid kam es am 27. März 1947 zu einer Gründungsversammlung, in der 147 Firmen mit 11 500 Beschäftigten ihren Beitritt zur „Arbeitgeber-Beratungsstelle für die Eisen- und Metall-Industrie von Lüdenscheid und Umgebung“ erklärten. Ein Jahr später waren es schon 256 Mitgliedsunternehmen.

Als erste Tarifregelung wurde in Rummenohl am 5. März 1948 ein Urlaubsabkommen mit der IG Metall vereinbart, sechs Monate später in Schwelm der erste Tarifabschluss über Löhne und Gehälter.

Die Stimmung der Zeit des politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus in Deutschland und damit auch in der heimischen Region dokumentieren Zitate aus den ersten Berichten des Verbandes. Verfasst wurden sie vom damaligen Geschäftsführer Dr. Paul Rink.

Starkes Bedürfnis nach gemeinsamer Interessenvertretung

So heißt es im Vorwort der ersten, im Mai 1947 veröffentlichten „Mitteilung für die Geschäftsleitung“ aus der damals noch an der Philippstraße 27 eingerichteten Geschäftsstelle: „Der Erfolg der im Rundschreiben vom 15.04.1947 über die Einrichtung einer Arbeitgeber-Beratungsstelle für die Eisen- und Metall-Industrie von Lüdenscheid und Umgebung im Vertrauensausschuss ausgesprochenen Aufforderung, dieser Organisation beizutreten, bewies, wie stark das Bedürfnis der Arbeitgeber nach einer gemeinsamen Interessenvertretung ist.“

In der Mitteilung Nr. 6 vom Oktober 1947 wird berichtet: „Kürzlich fanden zwischen dem Arbeitgeber-Ausschuss Metall Nordrhein-Westfalen und der Industriegewerkschaft Metall Besprechungen über grundsätzliche Fragen der zukünftigen Zusammenarbeit statt. Die in jeder Hinsicht harmonisch verlaufenen Besprechungen haben zu dem Ergebnis geführt, dass zwischen den beiden Partnern Verhandlungen über die Neugestaltung der Rahmentarifverträge stattfinden.“

Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften

Im ersten Geschäftsbericht für das Jahr 1947 schreibt Dr. Rink unter anderem: „Obwohl die allgemeine Rechtslage der AGVs noch umstritten war und örtliche Gewerkschaftsverbände sogar ihre Verhandlungsfähigkeit bestritten, hatte der hiesige Ortsverband uns in dieser Richtung keine Schwierigkeiten bereitet und die Beratungsstelle als Verhandlungspartner bei den Verhandlungen wegen des Abschlusses einer Betriebsvereinbarung ausdrücklich anerkannt. Die Verhandlungen waren sachlich geführt worden und versprachen verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen den Organisationen für die Zukunft.“

1948 berichtet Dr. Rink unter anderem über „Betriebsrätewesen“: „Die Eigenart der Lüdenscheider Industrie zeigt sich insbesondere auch in dem Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und seinem Betriebsrat. Die enge Verbundenheit, die immer wieder zu beobachten ist, vermindert in der Regel Spannungen, die sich natürlicherweise aus der an sich gegensätzlichen Interessenlage ergeben könnten.“

Schon damals gab es eine enge Zusammenarbeit mit den Nachbarverbänden, insbesondere denen aus Hagen und Altena, aber auch mit Olpe, Siegen und Iserlohn. So wird berichtet: „In Arbeitsrechtsstreitigkeiten haben die Geschäftsführungen von Altena und Lüdenscheid wiederholt Gelegenheit gehabt, sich gegenseitig Rechtshilfe zu gewähren.“

Im Geschäftsbericht des Jahres 1950 berichtet Dr. Rink zum Thema „Zusammenarbeit mit der IG-Metall in Lüdenscheid“: „Wir können feststellen, dass bei uns – gegenüber anderen Verbänden – die Anzahl der Arbeitsrechtsstreitigkeiten relativ gering ist. Das Bestehen eines Arbeitsfriedens ist einmal ein Verdienst der Betriebe selbst, die sich stets um ein gutes Einvernehmen mit ihren Belegschaftsangehörigen bemühen, zum anderen ist diese Tatsache darauf zurückzuführen, dass die Geschäftsführung und die örtliche Verwaltung der IG-Metall ständig in enger Fühlungnahme stehen. Auf diese Weise ist es möglich, dass auftretende Unklarheiten bei der Auslegung von Tarif- und Gesetzesbestimmungen gemeinsam zur Vermeidung von betrieblichen Störungen besprochen werden können.“

Aus diesen Berichten zieht der AGV das Fazit: „Ohne Tarifautonomie und das Bestehen verbandlicher und gewerkschaftlicher Organisationen war der Aufbau einer funktionierenden Wirtschaftsordnung in einem demokratischen Staatsgebilde wie der Bundesrepublik Deutschland nicht denkbar.“

Aktive Tarifpolitik sichert Arbeitsplätze

Und das gelte in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrisewieder in besonderem Maße: „Auch heute wird wieder – durch das Handeln der Tarifvertragsparteien vor Ort – zielorientiert, verantwortungsbewusst, ausgewogen und situationsgerecht die Krisenbewältigung der Unternehmen erfolgreich begleitet. In keiner anderen Region Nordrhein-Westfalens hat diese aktive, betriebliche Tarifpolitik in so vielen Regelungen dazu beigetragen, dass Unternehmen gesichert, Arbeitsplätze erhalten (...) werden konnte(n).“ Diese Erfolge führt der Verband auf seine mehr als 60-jährige Arbeit vor Ort zurück. Sie habe es ermöglicht, „Vertrauen aufzubauen und zu erhalten.“ Einen Grund

Dr. Ing. Kuno Kämper.

dafür sehen die Verantwortlichen in der Kontinuität der Geschäftsführung – Karl-Friedrich Waffel ist erst der dritte Geschäftsführer seit 1947 nach Dr. Paul Rink und Dr. August-Wilhelm Otten. Seit der Gründung 1910 hat es erst fünf ehrenamtliche Vorsitzende gegeben: Emil Rahmede, Wilhelm Brauckmann, Dr. Ing. Kuno Kämper, Helmut Kostal und aktuell Hans Ulrich Volz.

„Diese fünf Vorsitzenden stehen für die vielen mittelständischen Unternehmer, die sich – in der Region verwurzelt – den Anforderungen des Weltmarktes stellen und sich dort behaupten“, so schreibt der AGV. Weitsicht habe zum Beispiel Dr. Kämper gezeigt. Denn er war 1956 nicht nur Gründer

Helmut Kostal.

des Juniorenkreises der Wirtschaft Lüdenscheid, der heutigen Wirtschaftsjunioren, sondern trug als Gründer und erstes Mitglied des Bundesvorstandes der Wirtschaftsjunioren Deutschland dazu bei, dass diese – heute größte deutsche – Wirtschaftsorganisation sich schon in den Anfangsjahren international orientierte und der Junior-Chamber-International, der größten Jungunternehmerorganisation der Welt, beitrat.

Wichtig sei heute die internationale Ausrichtung der heimischen Industrie und die Auslandsbeschäftigung, die wiederum Arbeitsplätze

Hans Ulrich Volz.

im Verbandsgebiet sichere. In den vergangenen 20 Jahren habe sich diese verfünffacht und dabei einen gleichbleibend hohen Beschäftigungsstand in den Mutterbetrieben im Verbandsgebiet garantiert. Heute sieht sich der AGV gut aufgestellt, „um die Herausforderungen, die uns auch zu Beginn des 2. Jahrhunderts unseres Bestehens begegnen, mit Erfolg bewältigen zu können“.

Bislang fünf ehrenamtliche Vorsitzende hat der AGV in seiner Geschichte: Emil Rahmede (1910 bis 1933 und 1947 bis 1955) Wilhelm Brauckmann (1955 bis 1964) Dr. Ing. Kuno Kämper (1964 bis 1985) Helmut Kostal (1985 bis 2007) Hans Ulrich Volz (seit 2007) Ab 1949 kamen die hauptamtlichen Geschäftsführer hinzu: Dr. Paul Rink (1949 bis 1975) Dr. August-Wilhelm Otten (1975 – 2006) Karl-Friedrich Waffel (seit 2006)

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