Konten der alten Tante systematisch geplündert

LÜDENSCHEID ▪ Seit 2007 ist der gelernte Maurer (47) ohne Arbeit. Und ohne Arbeitslosengeld. Und ohne Krankenversicherung. Als Amtsrichter Jürgen Leichter fragt, wovon er denn überhaupt lebe, erzählt der Angeklagte etwas von Flohmärkten und einer inzwischen verkauften CD-Sammlung.

Aber nachdem Oberstaatsanwalt Hans-Werner Münker die Anklage verlesen hat, wird klar, wovon der Mann tatsächlich gelebt hat: Als Bevollmächtigter seiner demenzkranken Tante hat er systematisch deren Konto geplündert.

Innerhalb eines Jahres hat der ledige Mann 90-mal Geld vom Girokonto und vom Sparbuch der alten Dame abgehoben – insgesamt 27 110 Euro. Außerdem hat er das Geld für die Heimunterbringung der Tante nicht vollständig bezahlt und so Rückstände von 7000 Euro auflaufen lassen. Münker bezeichnet das Abräumen als „nicht nur vorübergehende Einnahmequelle“.

Die Taten sind nachgewiesen, der Geldfluss ist dokumentiert. Aber der stämmige Kerl ziert sich statt zu gestehen. Er habe halt Besorgungen für die Verwandte gemacht. Die Tante habe gesagt „Junge, lass das Wechselgeld stecken!“ oder „Hol Geld, wenn es gebraucht wird!“ oder „Es ist ja sowieso alles für dich“. Aber dass die geistig verwirrte Frau einen solch enormen Bargeldbedarf gehabt hat – mal 3350 Euro im Monat, dann 2150, und sogar mal 3550 Euro – und den „Jungen“ alle zwei Tage zum Bankomaten geschickt hat, mag Richter Leichter nicht glauben. „Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!“ Na ja, windet sich der Angeklagte, da sei ja auch mal eine Autoreparatur...

Das ist der Moment, in dem der Oberstaatsanwalt aus der Haut fährt. „Schlicht und ergreifend lächerlich“ seien die Ausflüchte. „Hören Sie doch auf!“, schnauzt er sein Gegenüber an. „Ich wollte sie doch nicht beklauen“, flüstert der Maurer schwach. „Das haben Sie aber gemacht“, ruft der Ankläger. Ihm sekundiert sogar die Verteidigerin, Rechtsanwältin Inge Voß aus Olpe. „Das ist unglaubwürdig“, sagt sie zu ihrem Mandanten. Er habe sich doch bestimmt keine Gedanken über das Unrecht seines Tuns gemacht. „Gestehen Sie!“ Der Angeklagte, endlich: „Ja, es war wohl verkehrt.“ Der Richter: „Das werte ich als Geständnis.“ Und mahnend: „Sie sollten die Interessen Ihrer Tante vertreten, nicht Ihre eigenen!“

Das Gericht verurteilt den Arbeitslosen wegen gewerbsmäßiger Untreue in 90 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von 21 Monaten auf Bewährung und 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Dass er nicht gleich eingesperrt wird, hat er dem Umstand zu verdanken, dass er nicht vorbestraft ist. Trotzdem sieht seine zukunft wenig rosig aus. Denn er muss den Schaden natürlich wiedergutmachen.

Olaf Moos

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