„Du malst - ich fresse“

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Nora von Collande und Herbert Herrmann in „Anderhalb Stunden zu spät“.

Lüdenscheid - Publikumsnah zeigten sich Donnerstagabend Nora von Collande und Herbert Herrmann (Komödie am Kurfürstendamm). Im Anschluss an die Aufführung „Anderthalb Stunden zu spät“ und noch mit Schweißperlen auf der Stirn bedankten sie sich im Foyer des Kulturhauses für den Erlös aus einer amerikanischen Versteigerung zugunsten des Weißen Rings, deren Botschafter beide sind.

Die Plettenbergerin Sabine Meiritz-Bertermann hatte in der Pause das letzte Gebot abgegeben für ein Bild, das in ähnlicher Form zuvor auf der Bühne von Nora von Collande als Laurence und Herbert Herrmann als Pierre gemalt worden war. 235 Euro kamen für den Weißen Ring zusammen – wir berichten noch.

Zuvor hatte das Publikum gut anderthalb Stunden amüsantes Boulevard-Theater erlebt. Im Mittelpunkt der Inszenierung stand mit Nora von Collande und Herbert Hermann das Traumpaar des Boulevardtheaters. Verheiratet sind sie als Laurence und Pierre seit mehr als 20 Jahren. Und dann das: Pierre wartet schon im Trenchcoat, ist man doch zum Abendessen eingeladen. Doch die Gattin lässt auf sich warten. Die Kinder sind aus dem Haus, beide sind zum ersten Mal Großeltern geworden. Pierre hat seine Firma an seinen Compagnon verkauft. Um das zu feiern, sind die beiden bei ihm eingeladen. Doch Laurence will nicht „funktionieren“ wie sonst. Sie will reden: über Vergangenes, über Kinder, über Sex, Affären und vor allem über das, was noch vor ihnen liegt.

Herbert Herrmann, der auch Regie führte, hat ohne Zweifel ein „Näschen“ für anspruchsvolles Boulevardtheater. Der Name des 74-Jährigen ist Garant für einen angenehmen Theaterabend, bei dem die Reihen des Kulturhauses bis auf wenige Ausnahmen gefüllt sind. Gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin auf der Bühne – das sorgt für volle (Theater)Kassen. Seit mehr als zehn Jahren sind die beiden auch privat ein Paar. Und sie wissen, was es braucht, um das Publikum bei Laune zu halten. So spielten sich die beiden temporeich und gekonnt die verbalen Bälle zu. Während Laurence weiße Farbe künstlerisch wertvoll auf einer weißen Leinwand verteilte, diskutierten die beiden über den Sex im Alter. Und selbst derbe Wortwahl klang bei ihnen so gar nicht nach der untersten Schublade. Blankes Entsetzung bei ihr mit Blick auf Pierres Ruhestand: „Bist du dann immer – da?“ Er sah die Dinge anders. Sein Lebensziel fürs Alter sei das Loslösen von körperlichen Zwängen: „Du malst – ich fresse“.

Irgendwann war genug diskutiert über verpasste Affären, Bridge, dem Seniorenkreis und dem nahen Lebensende. Im kleinen Schwarzen statt im Malerkittel ging’s dann doch noch zur Verabredung – wenn auch anderthalb Stunden zu spät.

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