Glimpfliches Urteil nach Faustschlag mit Folgen

Lüdenscheid - 3. Januar 2014, kurz vor Mitternacht, ein Treppenhaus am Asenberg: Es muss ein kolossaler Schlag gewesen sein. Der Stirnknochen des 70-Jährigen bricht, eine Hirnblutung entsteht, der Mann kippt um, sein Hinterkopf prallt ungebremst auf den Fußboden, wo er bewusstlos liegenbleibt. Auf schwere Körperverletzung steht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Der Angeklagte, zur Tatzeit angetrunken, gibt den Hieb zu, beruft sich aber auf Notwehr. „Er hat zuerst zugeschlagen und wollte mir noch einen geben.“

Der Vorwurf der Staatsanwältin ist nicht zu halten. Dr. Eva Schmidt, Rechtsmedizinerin aus Dortmund, spricht zwar von der potenziellen Lebensgefahr durch die Hirnblutung, von Schwindel, Antriebslosigkeit, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen bei dem Patienten – und nennt ihn „ziemlich angeschlagen“. Aber ob das tatsächlich Folgen des Schlages sind, „wird man nicht differenzieren können“, so Dr. Schmidt.

Auch die Frage, wer mit der Keilerei angefangen hat, bleibt letztlich unbeantwortet. Denn der alte Mann kann sich an nichts mehr erinnern – „retrograde Amnesie“, lautet die Diagnose. Deshalb gibt es außer den Angaben der beiden Angeklagten keine objektiven Erkenntnisse über den Verlauf der Tat. Und deshalb setzt Strafverteidiger Heiko Kölz einerseits auf den Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“, macht für seinen Mandanten andererseits das Recht auf Notwehr geltend – und fordert einen Freispruch. „Das Recht muss dem Unrecht nicht weichen.“

Kölz’ Kollege, Rechtsanwalt Dominik Petereit, hat es etwas leichter. Denn sein Mandant hat die Szenerie rechtzeitig verlassen, hat von der Bewusstlosigkeit des Opfers – unwiderlegt – nichts mitbekommen und müsse deshalb freigesprochen werden, so Verteidiger Petereit. Die beiden Angeklagten nutzen ihr Recht des letzten Wortes nicht – auch nicht für eine Entschuldigung beim Opfer. Dass der heute 72-Jährige in der Nachbarschaft als aggressiver Querulant gilt, spielt juristisch natürlich keine Rolle.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Jürgen Leichter verurteilt den Hauptangeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr mit Bewährung. „Dass das Opfer nicht wehrhaft ist, liegt auf der Hand,“ sagt Leichter. Der Freund des Verurteilten bekommt seinen Freispruch.

Der Fall: Ein 28-Jähriger ist wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Mit einem Faustschlag vor die Stirn soll er seinen Nachbarn dauerhaft an der Gesundheit geschädigt haben. Mitangeklagt ist der Freund des Arbeitslosen. Dem 27-Jährigen wird unterlassene Hilfeleistung zur Last gelegt. Der Prozess hatte im August begonnen und wurde nach einer längeren Unterbrechung jetzt neu aufgerollt. - omo

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