Prof. Dr. med. Kilian Mehl: Kneipier, Klinikchef, Buchautor

Prof. Dr. Kilian Mehl ist seit vielen Jahren Leiter der Klinik Wollmarshöhe in Bodnegg zwischen Bodensee und den Allgäuer Bergen.

Lüdenscheid - Vom Kneipier zum Klinikchef? Diese knappe Zusammenfassung passt zwar in die Überschrift, wird allein aber dem Berufsweg von Kilian Mehl nicht gerecht. Da gab’s doch einige Abzweigungen, aber so richtige Umwege waren es auch nicht, die den 61-jährigen Lüdenscheider schließlich dahin brachten, wo er heute ist: nach Bodnegg zwischen Bodensee und den Allgäuer Bergen.

Von Martin Messy

In Bodnegg leitet er seit 20 Jahren die Klinik Wollmarshöhe, ein Privates Fachkrankenhaus für psychosomatische Medizin, und ist unter die Buchautoren gegangen.

„Burn on, Homo sapiens!“ – Essays über die Menschen heißt sein 400-seitiges Werk. Es basiert auf seinen langjährigen Berufserfahrungen und wirft die Frage auf, ob die Konzentration auf Wirtschaftswachstum, Konsum und Komfort die Menschen unselbstständig gemacht hat. Angst vor Krankheit, Arbeitsplatzverlust und Krisen lähmen sie. Die Folgen sind Burn out, denen Prof. Dr. med. Kilian W. Mehl ein „Burn on“ entgegensetzt.

Diese Energie zeichnete auch schon den jungen Kilian Mehl aus: „Medizin wollte ich eigentlich immer schon studieren, aber ich war NC-geschädigt“, erinnert er sich. Also absolvierte er im Krankenhaus Altena seinen Zivildienst und wurde immerhin schon einmal Krankenpfleger.

Die „Stock“-Zeiten

Kilian Mehl (rechts) mit seinem Bruder Jörg zu „Stock“-Zeiten. Hier klicken zum Vergrößern.

1977 übernahm er mit seinem Bruder Jörg die Jugendstammkneipe „Stock“ an der Knapper Straße. „Wir eröffneten dann noch den ,Samtkragen’, dann kamen der alteingesessene ,Reidemeister’ und letztlich noch die ,Waldlust’ hinzu.“ Später folgten im Stock noch das „Bilderstöckchen“, das seine heutige Ehefrau Anna leitete, und die Alte Druckerei als Kleinkunstbühne. Das Medizin-Studium geriet aber nie aus seinem Blickfeld und Anfang der 80er-Jahre fing dann allmählich die Mediziner-Karriere an. „Ich begann dort ein Studium, war aber immer wieder im Stock. Einerseits wollte ich vom geliebten Stock nicht lassen, andererseits finanzierte ich dadurch mein Studium.“

Schließlich wurden die Anforderungen im Studium doch zu hoch und Kilian überließ das Gastronomie-Geschäft seinem Bruder Jörg. „Ich promovierte in einem chirurgischen Fach an der Uni Ulm und arbeitete in einem großen Krankenhaus in Durban (Südafrika) in der Chirurgie und zwischenzeitlich in einem kleinen Buschkrankenhaus.“

Seele und Körper

Nach einer Zwischenstation in der chirurgischen Urologie des Krankenhauses Friedrichshafen vertiefte sich aber – „bei allem Respekt vor der reparativen Medizin“ – die Einsicht, dass krank immer der ganze Mensch wird und nicht nur ein Organ. Nach einem Kongress in Freiburg festigte sich der Entschluss Kilian Mehls, ein ganzheitliches medizinisches Konzept mit der Überschrift „Psychosomatik“ zu entwickeln, das Seele (Psycho) und Körper (Somatik) betrachtet.

Der Hochseilgarten war Mitte der 90er-Jahre Teil des Therapiekonzepts und wurde auf dem Klinikgelände gebaut.

„In Bodnegg, im schwäbischen Oberland, gab es eine kleine psychiatrische Klinik, die kurz vor ihrem Ende war und zur Übernahme bereitstand. Die Information entnahm ich der Frankfurter Allgemeinen. Ende 1993 übernahm ich die Klinik und schied so aus dem öffentlichen Dienst aus.“

Der Anfang sei schwer gewesen und auch auf Widerstände der Ärzteschaft gestoßen. „Mit meinem zunächst kleinen und später größeren Team entwickelten wir ganzheitliche Konzepte der Psychotherapie, ja somatisch ganzheitliche Vorgehensweisen mit Naturheilverfahren, Homöopathie, komplementären Verfahren, später auch traditionell-chinesischer Medizin, Hypnotherapie, Kreativverfahren, physiotherapeutische Maßnahmen, Sport- und Bewegungstherapie und ähnliches. Wir bauten auf dem Klinikgelände einen Hochseilgarten, um auch Erfahrungen in der Interaktion in das Konzept einzubauen.“

Natürlich habe es wieder viele Anfeindungen gegeben, aber „unsere wissenschaftlichen Studien dazu wurden durch viele Kongressbesuche und Vorträge dann doch bekannt und auch akzeptiert. Mittlerweise besteht ein ausgeweitetes Konzept aus therapeutischem Bogenschießen, interaktionellen Gruppen, Niederparcours-Therapien, Kreativtherapien, und die Klinik wuchs so zu einem renommierten und nachgefragten 60 Betten-Haus.“

Höher, schneller, weiter

„Burn on, Homo sapiens!“ heißt das Fachbuch von Kilian Mehl.

„Ich sehe jährlich circa 500 Menschen und beschäftige mich mit ihren Krankheiten. Zunehmend und im Besorgnis erregenden Umfang sehe ich, wie sie in unserer modernen Gesellschaft nicht zurechtkommen und krank werden. Wir haben einen rasanten Biotopwandel. Unser goldenes Kalb, Wachstum, lässt die Menschen in einen gnadenlosen Höher-Schneller-Weiter-Modus fallen. Hier werden sie krank“, analysiert Kilian Mehl. Burn out sei eine Anpassungsstörung und umschreibe Umstände, in denen man krank werden könne. „In dem Buch wollte ich gesellschaftliche Zusammenhänge beschreiben und habe zur Verdeutlichung auch Krankheitsgeschichten von Patienten beispielhaft eingefügt.“

Und hat auch er selbst schon ein Burn out erfahren? „Nein, ich habe Probleme, aber ich versuche diese Probleme als Herausforderung und nicht als Schicksal zu sehen. Dabei versuche ich selbstwirksam zu sein und nicht in einer anspruchsvollen Haltung an die Anderen zu verharren. Das raubt unnötig Energie. Natürlich gelingt mir das nicht immer, traurig oder verzagt bin ich auch manchmal, aber das gehört dazu.“

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