Notfallaufnahme: Eine Ampel regelt die Reihenfolge

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Welcher Patient wird wo behandelt? Die elektronische Darstellung des "Triagesystems" hilft, den Überblick zu behalten.

Lüdenscheid -  39.772 Patienten wurden 2103 in der Zentralen Notaufnahme im Klinikum Lüdenscheid  behandelt. Auch Patienten, die ihren Hausarzt hätten aufsuchen können. Niemand wird nach Hause geschickt, aber eine Ampel sorgt für Reihenfolge, in der die Patienten behandelt werden. 

Es ist der Faktor Zeit, der die wichtigste Rolle spielt: Ist der Patient schwer verletzt? Nach einem Unfall? Erlitt er einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, hat er eine Lungenembolie, eine Vergiftung, Luftnot, einen Krampfanfall? In lebensbedrohlichen Notfällen müssen die Ärzte sofort zur Stelle sein - und sind es auch - in der Zentralen Notaufnahme im Klinikum Lüdenscheid zum Beispiel. 39772 Patienten wurden dort im vergangenen Jahr behandelt. 39772 Patienten, von denen nicht alle schlimmste Erkrankungen hatten. Zum Glück natürlich.

Aber etwas stimmt nachdenklich: Denn auch "Bagatell-Fälle", Menschen mit "Kleinigkeiten" kamen und kommen in die Notaufnahme. Patienten, die auch beim Hausarzt gut aufgehoben wären, Patienten, die keine Lust haben, beim niedergelassenen Arzt Stunden zu warten, Patienten, die ihre Erkrankung viel schlimmer einschätzen als sie ist, Patienten, die noch kurz vor dem Skiurlaub mal den etwas schmerzenden Ellbogen untersuchen lassen wollen, Patienten, die drei Tage Husten haben und abends nach der Arbeit, weil sie dann Zeit haben, in die Notaufnahme kommen.

"Tatsächlich ist es so", sagt Dr. Markus Bald, ärztlicher Leiter der Notaufnahme in Lüdenscheid. Niemand wird nach Hause geschickt. Jeder wird behandelt. Doch nicht nach dem Zeitpunkt des Eintreffens, sondern nach der Schwere wird behandelt. Und so gibt es am Lüdenscheider Klinikum ein System, um die Wichtigkeit der "Fälle" einzuschätzen und "abzuarbeiten".

Fünf Farben für die Reihenfolge

"Schwester"  Norbert (rechts) teilt die Patienten  an der Anmeldung der Notfallambulanz in die verschiedenen Farbkategorien ein.

Diese Ampel mit dem Namen "Triagesystem" ("ESI-Triage") hat gleich fünf Farben:

Rot: Gefahr in Verzug. Der Patient muss sofort behandelt werden (er ist zum Beispiel mehrfach verletzt).

Orange: Es ist dringend, innerhalb von zehn Minuten muss der Patient versorgt werden.

Gelb: Dieser Patient hat zum Beispiel starke Schmerzen aufgrund einer Fraktur. Es ist aber nicht lebensbedrohlich, so dass er 30 Minuten warten kann.

Grün: Der Kreislauf ist stabil, Patient ist zum Beispiel umgeknickt, kann 90 Minuten Wartezeit in Kauf nehmen.

Blau: Zwei Stunden sind zumutbar, wenn der Patient "leichtere" Beschwerden hat.

Klingt verständlich, ist es aber nicht. Vor allem Menschen, die sehr lange warten müssen, sind alles andere als begeistert, fühlen sich manchmal im Stich gelassen, mit ihren Beschwerden vielleicht nicht ernst genommen. Unmut hängt deshalb ein ums andere Mal in der Luft. Vor allem die, die eine Einweisung vom Arzt haben, verstehen die Wartezeit nicht. "Doch ein Verdacht auf eine Blinddarmentzündung wird nicht automatisch Orange eingestuft. Es kommt darauf an, wie es dem Patienten geht. Hat er starke Schmerzen, muss es natürlich schnell gehen", sagt Dr. Bald. Auch müssten nicht alle Notfalleinweisungen stationär aufgenommen werden.

Seit 2009 steigt jährlich die Zahl der Notfallpatienten um 5,5 Prozent

Doch zu den Zahlen: Seit 2009 steigt die Anzahl der Notfallpatienten jährlich um 5,5 Prozent am Klinikum Lüdenscheid. Und nicht nur dort: Mittlerweile sucht ein Viertel der deutschen Bevölkerung Hilfe bei den Notaufnahmeärzten. Die Gründe sind sehr vielschichtig. "Natürlich hat es auch mit dem demografischen Wandel zu tun. Die Patienten werden älter und kränker. Aber viele Mitmenschen haben auch keinen Hausarzt mehr und wissen, dass sie in der Notaufnahme gut betreut werden", sagt Dr. Markus Bald, der die Motivation der Menschen absolut nachvollziehen kann. "Sie sind in Sorge, wissen vielleicht nicht genau, was sie haben." Doch: Hausärzte und der hausärztliche Notdienst könnten seiner Meinung nach viele Menschen auffangen beziehungsweise behandeln, die stattdessen in die Notaufnahme kommen. In Lüdenscheid ist die Notfallpraxis räumlich in den Bereich der Zentralen Notaufnahme (ZNA) integriert - und behandelte im vergangenen Jahr 6800 Patienten. Prinzipiell in der ZNA betreut werden Patienten, die mit dem Rettungswagen eingeliefert werden, eine Einweisung zur stationären Aufnahme haben oder unter einer erkennbar akut bedrohlichen Erkrankung leiden.

Doch zurück zu den Menschen, die eigentlich nicht in die Notaufnahme gehören. Für eine Studie in Hamburg werteten Mediziner Daten von 4927 Patienten aus, die in einem Zeitraum von 16 Tagen behandelt wurden. Die Patienten kamen per Rettungswagen, durch Einweisung von niedergelassenen Ärzten oder auf eigene Faust. Für sieben Prozent hätten eigentlich andere Mediziner wie Hausärzte oder Notdienste direkt zur Verfügung gestanden, sagt Michael Wünning, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Chefärzte interdisziplinärer Notaufnahmen Hamburg. Bei zehn Prozent hätten diese Ärzte in einer angemessenen Frist erreicht werden können. Für den Märkischen Kreis gibt es eine solche Studie nicht. Aber dass Patienten mit eher leichten Erkrankungen wie Erkältungen oder Magenverstimmungen mit Fieber und Übelkeit auch hier ihren Hausarzt aufsuchen könnten, wenn sie denn wollten, liegt auf der Hand.

Seit 2009 ist Dr. Markus Bald ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme. "Oft sehen wir in unserem Handeln einen schnellen Erfolg", sagt er über die Faszination seines Berufes. Außerdem würden die Patienten je nach Beschwerden von den entsprechenden Fachärzten versorgt. "Nachts sind auch immer ein Internist, ein Chirurg und ein Neurologe vor Ort. Dass so viele Dinge ineinander greifen, dass man auf eine umfangreiche Diagnostik zurückgreifen könne, schüre aber auch Erwartungen - womit man wieder bei den Gründen ist, warum sich Patienten offenbar in der Notaufnahme besser aufgehoben fühlen.

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