So bereitet sich das Klinikum auf die zweite Welle vor

Klinikum: Leiter der Intensivstation über Covid-19 und die zweite Welle

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Ein Kamerateam von RTL begleitete Prof. Thomas Uhlig und sein Team im April auf der Intensivstation.

Prof. Dr. Thomas Uhlig ist Leiter der Intevisstaion am Klinikum in Lüdenscheid. Im Interview spricht er über die Corona-Pandemie und die zweite Infektionswelle.

Das Klinikum Lüdenscheid ist für Covid-19-Patienten aus dem Märkischen Kreis die erste Anlaufstelle – insbesondere bei schweren Verläufen. Leiter der Intensivstation ist Prof. Dr. Thomas Uhlig. Der Direktor der Klinik für Anästhesie, Operative Intensivmedizin, Schmerztherapie und Rettungswesen und sein Team behandelten im Frühjahr schwer erkrankte Covid-19-Patienten. Jan Schmitz sprach mit ihm über die zweite Welle. 

Wie ist die aktuelle Situation auf der Intensivstation in Bezug auf Covid-19-Patienten? 

Unsere Intensivbetten sind in den letzten Wochen und Monaten im Durchschnitt kontinuierlich zu 80 bis 90 Prozent belegt. Nicht selten haben wir auch eine hundertprozentige Belegung, ohne dass dadurch ein Engpass entstanden wäre. Das uns bekannte Krankheitsspektrum von Covid-19 hat sich nicht geändert. Aktuell behandeln wir eine Patientin, die an Covid-19 erkrankt ist, und diese Patientin ist auch beatmet. 

Wie verliefen die letzten Monate auf der Intensivstation? Welche Rolle spielten Covid-19-Patienten dabei? 

Die Pandemie hat uns nie ganz losgelassen. Wir hatten immer wieder Patienten, die an Covid-19 erkrankt waren. Vor wenigen Wochen noch haben wir vier Infizierte gleichzeitig gehabt. Hinzu kommt eine größere Zahl von Verdachtsfällen, bei denen sich eine Covid-19-Infektion dann zum Glück nicht bestätigt hat. Solche Verdachtsfälle kommen täglich und werden zunächst in identischer Weise wie Covid-19-Patienten behandelt, wodurch natürlich ein erheblicher Aufwand entsteht. Trotzdem sind wir immer wieder froh, wenn sich der Verdacht nicht bestätigt. Die Fälle, die wir in den letzten Monaten behandelt haben, hatten etwas mildere Verläufe als diejenigen, die im Frühjahr bei uns waren. Wir haben alle in deutlich gebessertem Zustand auf die Normalstation verlegen können. Wir sind sehr froh, dass wir keine weiteren Todesfälle zu beklagen haben und hoffen sehr, dass das auch so bleibt. 

Wie haben Sie als Leiter der Intensivstation die erste Welle wahrgenommen? 

Diese Zeit wird mit Sicherheit niemand von uns vergessen. Jeder von uns kann sich noch an kürzere und längere Episoden erinnern, die wir mit den verschiedenen Patienten erlebt haben. Mir persönlich sind eigentlich noch alle Schicksale direkt präsent. Und genau in diesem Moment, wo ich das sage, entsteht sofort so etwas wie Beklemmung und Betroffenheit, weil es genauso war wie es war. Dabei sind es nicht nur die Verstorbenen, um die wir trauern. Uns sorgen in gleichem Maße die bei vielen Patienten jetzt noch spürbaren Folgen der Erkrankung. Diese Verbundenheit mit den Patienten zieht sich auch wie ein roter Faden durch die Gespräche, in denen wir angefangen haben, die gemeinsamen Erlebnisse aufzuarbeiten. Dabei ist schon deutlich geworden, dass wir uns alle ziemlich intensiv in die Krankheit Covid-19 hineingefressen haben, weil wir einfach das medizinisch maximal Mögliche erreichen wollten. Und das war und ist vielleicht auch der Boden für ein neu entstandenes Zusammengehörigkeitsgefühl. Auch wenn es jetzt vielleicht komisch klingt, aber es gab durchaus eine größere Zahl von Kollegen im ärztlichen und pflegerischen Dienst, die gesagt haben: Das war zwar knüppelhart, aber doch irgendwie schön. 

Was hat sich bewährt? 

Bewährt hat sich uneingeschränkt, dass Intensivmedizin so betrieben wird, wie sie sich aus Grundlagenwissen und klinischer Erfahrung ergibt. Platt ausgedrückt, haben wir nur das gemacht, was auch in den Büchern steht. Rückblickend betrachtet erscheint es uns besonders wichtig zu sein, dass bei Covid-19 so früh wie möglich mit intensivmedizinischen Maßnahmen begonnen wird, ohne dabei gleich an Beatmung oder andere Verfahren zum Organersatz zu denken. Das Verständnis der Covid-19-Erkrankung als eine Ganzkörpererkrankung, die über Nase, Mund und Lungen in den Körper hereinkommt und sich dann in jeder Ecke des Organismus festsetzt, erscheint aus unserer Sicht kein schlechter Ansatz zu sein. Deshalb haben wir uns bei unseren Vorgehensweisen immer gefragt, was wir mit einem schwer kranken Patienten tun würden, wenn er alles hätte, was er hat, nur eben kein Covid-19. Im Endeffekt sind wir dann genau da gelandet, was heute als Behandlungsempfehlung formuliert ist. Wir haben halt nicht erst auf die Empfehlung gewartet, sondern schon vorher versucht zu handeln. Dass das funktioniert hat, hängt vielleicht auch mit etwas Glück zusammen. 

Verstehen die Mediziner die Erkrankung jetzt besser? 

Ja, was den Verlauf der Erkrankung betrifft. Da ist mittlerweile vieles, aber längst nicht alles untersucht, aufgeschrieben und bestätigt worden. Wir tappen halt nicht mehr komplett blind durch einen dunklen Keller, sondern haben die eine oder andere Kerze an der Wand hängen, die uns davor bewahrt, die Treppe herunter zu fallen. Also konkret: Wir wissen, dass das Virus erst einmal eine Lungenentzündung verursacht, sich dann in verschiedenen anderen Organen ausbreitet, dabei die gesamten Reserven des Immunsystems aufbraucht und am Ende – wenn das Immunsystem kaputt ist – den Organismus mit einer schweren Ganzkörperentzündung niederstreckt. Wir wissen, dass die Schwere der Erkrankung beeinflusst wird durch Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und allgemeine Stärke des Immunsystems, und wir wissen auch, dass die Menge an anfänglich aufgenommenen Viren möglicherweise den Krankheitsverlauf beeinflussen kann. An dieser Stelle greift auch das jetzt verfügbare Medikament Remdisivir an, das die Menge des sich im Körper ausbreitenden Virus möglicherweise reduziert und Krankheitsverläufe dadurch milder macht. 

Welche Fragen sind bei Covid-19 noch offen? 

Noch nicht exakt verstanden haben wir in vollem Umfang die Entstehung der Erkrankung. Wir wissen zwar ziemlich genau, wie die Krankheit entsteht, aber nicht immer genau wann. Dabei liegt das Problem weniger an der Diagnostik. Symptome und ein positiver Test zeigen ziemlich gut eine Erkrankung an. Problematisch ist die Frage, wann genau ein Mensch vorher kontagiös war, also die Krankheit weitergeben konnte. Dabei gibt es zwar Einschätzungen über Zeiträume, aber oft fehlt die Genauigkeit. Das ist beim Beinbruch beispielsweise einfacher. Da fallen Sie hin und sehen, dass der Knochen gebrochen ist. Bei Corona ist das leider nicht so einfach. 

Welche Lehren ziehen Sie aus den Erfahrungen? Was würden Sie anders machen als im Frühjahr? 

Es ist uns sicherlich allen wieder einmal eine Lehre gewesen, dass es sich lohnt, Intensivmedizin ernsthaft und mit einem möglichst breiten Wissen zu betreiben. Auch hat sich wieder einmal heraus gestellt, dass Medizin immer dann erfolgreich ist, wenn Fachleute aus verschiedenen Disziplinen auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Das ist auch noch einmal ein Beleg dafür, dass persönliches Geltungsstreben eigentlich niemandem nutzt, schon gar nicht den Patienten. Das Gefühl aber, miteinander etwas für die Patienten erreichen zu können, wenn wir nur wollen, das ist tatsächlich wieder – ich würde fast sagen neu – entstanden. Anders machen wir aktuell im Prinzip nichts. Wir haben nur ein bisschen mehr Sicherheit dabei, weil das, was wir tun, jetzt auch weltweit empfohlen wird. 

Sind Sie auf eine bevorstehende zweite Welle vorbereitet? Was ist dafür notwendig? 

Was auch immer kommen mag, wir versuchen darauf vorbereitet zu sein. Jedoch: Wir werden uns sicherlich ziemlich anstrengen müssen, um noch einmal das zu geben, was wir bislang gegeben haben. Aber natürlich werden wir uns wieder mit all unserer Kraft voll reinhängen. Mal sehen, wie das dann wird. Notwendig ist Hoffnung und ein wenig Gottvertrauen, dass wir nur das leisten müssen, was wir auch leisten können. 

Womit rechnen Sie? 

Solange wir uns nicht alle benehmen und uns bei der Einhaltung der Hygienevorschriften nicht am Riemen reißen, mit deutlich steigenden Zahlen. Was dann am Ende dabei heraus kommt, werden wir sehen.

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