Geschäftsführer zur Pandemie-Situation im größten Krankenhaus des Kreises

Dr. Kehe: „Die Lage im Klinikum Lüdenscheid ist ernst, aber stabil“

Klinikum Lüdenscheid Notaufnahme
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Dr. Kehe mahnt: „Warten Sie nicht zu lange, wenn Sie ernsthafte gesundheitliche Probleme haben.“

„Die Lage ist ernst, aber bei stabiler Gesamtsituation.“ Das sagt Dr. Thorsten Kehe, Geschäftsführer der Märkische Kliniken GmbH, zur aktuellen Pandemie-Situation im Klinikum Lüdenscheid.

Märkischer Kreis - Im Gespräch mit Willy Finke (die Fragen wurden schriftlich gestellt und beantwortet) schließt er weitere Stations-Umwidmungen nicht aus.

Herr Dr. Kehe, die Gesamtzahl der für den Märkischen Kreis gemeldeten Intensivbetten im Divi-Intensivregister variiert. Gibt auch das Klinikum unterschiedliche Bettenzahlen an? Wenn ja, hat das mit der jeweils zur Verfügung stehenden Personalstärke zu tun?
Abweichungen können zum Beispiel dadurch entstehen, dass Daten im Divi-Intensivregister (Divi: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) zu verschiedenen Zeitpunkten erfasst und aktualisiert werden. So können sich bei einem raschen Anstieg von Fällen die Bettenkapazitäten mehrmals kurzfristig verändern.
Ist Divi das einzige zur Verfügung stehende System?
Nein, unsere Rettungsdienste nutzen ein weiteres System – die Daten des „IG-NRW“ (Informationssystem Gefahrenabwehr Nordrhein-Westfalen). Anhand dieser Daten entscheidet die Rettungsleitstelle, welche Klinik angefahren wird. Das „IG-NRW“ erfasst wiederum die Daten nach einer anderen Systematik.
Wie zeitaufwendig ist für Ihre Mitarbeiter das Divi-Meldeverfahren?
Das Verfahren benötigt eine tägliche Datenerfassung an sieben Tagen die Woche. Bei größeren Veränderungen aktualisieren wir diese Daten danach noch mehrmals täglich.
Stehen im Klinikum vor dem Pandemie-Hintergrund weitere Stationsschließungen beziehungsweise -umwidmungen bevor?
Die Corona-Infektionslage bleibt in den Märkischen Kliniken auf hohem Niveau. Die Lage ist ernst, aber bei stabiler Gesamtsituation. Aktuell stellen uns Krankheitsausfälle bei den Mitarbeitern, wie jahreszeittypische Erkältungen, sowie ein Anstieg der Zahl von Mitarbeitern in häuslicher Quarantäne vor weitere Herausforderungen. Wir setzen alles daran, diese Ausfälle zu kompensieren. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass wir in den kommenden Tagen oder Wochen gezwungen sein werden, unsere Kapazitäten erneut umzuwidmen, um die Gesamtversorgung zu gewährleisten.
Lässt sich die Anzahl der bisher verschobenen respektive abgesagten nicht dringenden Operationen beziffern?
Bei den planbaren Eingriffen verzeichnen wir seit Beginn des Lockdowns einen Rückgang von etwa 20 bis 25 Prozent. Bei den Notfall-Operationen sowie lebenswichtigen und onkologischen Eingriffen ist die Anzahl hingegen stabil.
Wie lauten die aktuellen Covid-Zahlen im Klinikum?
Am Freitag verzeichneten wir in Lüdenscheid 29 Patienten auf der Isolier- und zehn auf der Intensivstation sowie zwei auf der Aufnahmestation. 32 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befanden sich in häuslicher Quarantäne. In Werdohl gab es keinen Fall.
Welche Erfahrungen machen Sie mit der jetzt geltenden Besucherregelung?
Für unsere Patienten sind Angehörigenbesuche sehr wichtig. Angesichts stark steigender Infektionszahlen haben wir uns schweren Herzens entschieden, die Besuchsmöglichkeiten stark einzuschränken. Auf diese Weise konnten wir die Infektionsrisiken für besonders gefährdete Patienten und für unsere Mitarbeiter deutlich reduzieren. Wir sind den Angehörigen sehr dankbar, die überwiegend verständnisvoll und positiv darauf reagieren.
Das heißt also: gute Erfarungen?
Unsere Erfahrungen sind positiv. Natürlich gibt es für Angehörige in Sondersituationen weiterhin Ausnahmen, wie zum Beispiel für werdende Väter zur Geburt, bei verunfallten Kindern, in lebensbedrohlichen Situationen wie nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder in der Sterbebegleitung.
Haben sich die Fallzahlen in der Zentralen Notaufnahme in diesem Jahr (vor dem Pandemie-Hintergrund) signifikant verändert?
In Phasen des Lockdowns nimmt der Schweregrad an Fällen in der ZNA (Zentrale Notaufnahme) deutlich zu, während wir hingegen einen Rückgang bei den leichten Fällen beobachten.
Worauf führen Sie das zurück?
Viele Patienten sind verunsichert und die Angst sich anzustecken ist groß. Dies ist fatal, denn bei einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall entscheidet jede Sekunde. Nachweislich gibt es in der Notaufnahme kein erhöhtes Infektions-Risiko, da die Patienten sofort getrennt werden. Wir appellieren daher eindringlich an Betroffene, bei akuten Beschwerden sofort die Notaufnahme aufzusuchen.
Wie beurteilen Sie die Personalstärke Ihrer Intensivstationen in Hinblick auf kommende Pandemie-Entwicklungen?
Ich möchte damit beginnen, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Märkischen Kliniken sehr herzlich zu danken. Die Pandemie verlangt uns gegenwärtig viel ab, die zahlreichen organisatorischen Veränderungen sind komplex und anstrengend. Wir erleben eine große Bereitschaft und Unterstützung, in anderen Bereichen auszuhelfen und gemeinsam diese Pandemie zu bewältigen.
Ist die Arbeit noch zu schaffen?
Die Arbeitsbelastungen sind derzeit enorm hoch – auf den Intensivstationen, aber auch in anderen Bereichen. Mit zahlreichen personellen Aufstockungen konnten wir dies zeitweise kompensieren. Die Mitarbeiter haben wir aus dem Haus, aber auch von extern gewonnen. Aktuell stellen uns jedoch Krankheitsausfälle und die Zunahme der Zahl von Mitarbeitern in häuslicher Quarantäne, ausgelöst durch private Risiko-Begegnungen, vor weitere Herausforderungen. Wir setzen alles daran, um diese Ausfälle zu kompensieren.
Welche finanziellen Auswirkungen wird die Corona-Pandemie nach jetzigem Stand auf die Märkischen Kliniken haben?
Die Covid-Pandemie stellt uns auch finanziell vor große Herausforderungen. Planbare Operationen werden verschoben, Bettenkapazitäten umgewidmet und höhere Ausgaben für Schutzausrüstungen, Tests sowie externes Personal kommen hinzu. Sicher ist, dass wir das Jahr 2020 mit einem negativen Ergebnis abschließen werden. Wie hoch dies jedoch im Einzelnen ausfällt wird stark davon beeinflusst, wie lange wir uns noch der Pandemie-Bewältigung stellen müssen und welche staatlichen Ausgleichszahlungen wir erhalten, um Corona-bedingte Erlösausfälle in Teilen wieder aufzufangen.
Muss der zurzeit geltende Lockdown verlängert respektive verschärft werden?
Im Märkischen Kreis, wie auch bundesweit, haben wir weiter viel zu hohe Fallzahlen zu beklagen. Angesichts dieser Entwicklung werden wir um eine Verlängerung des Lockdowns nach unserer Einschätzung nicht umhin kommen. Entscheidend ist, dass wir jetzt nicht aufgeben, sondern unsere Anstrengungen auch unter diesen Umständen aufrechterhalten, nach bestem Wissen und Gewissen.

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