Klinikum Hellersen

Klinikum Lüdenscheid: Ehering von Verstorbenem verschwunden - Ehefrau verzweifelt

Zwei Hände älterer Menschen mit Ehering
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Der Ehering hat nicht nur, aber auch und gerade für lang verheiratete Ehepaare einen besonderen emotionalen Wert. Wilhelm und Emmi Bornmann waren seit 1954 verheiratet. Entsprechend schmerzt der Verlust des Eherings des verstorbenen Ehegatten nun die Nachrodterin.

Im Klinikum in Hellersen verstirbt ein 90-Jähriger nach einer Herzoperation, ganz alleine auf der Intensivstation. Danach ist der Ehering verschwunden. Eine besonders traurige Geschichte in Zeiten der Corona-Pandemie.

Lüdenscheid – Die Corona-Zeit schreibt so viele traurige Geschichten. Am Ende der Geschichte von Wilhelm Bornmann, die seine Tochter Melanie erzählt und die eine besonders traurige ist, steht ein Schreiben der GVV-Kommunalversicherung VVaG vom 8. Januar. Vielleicht ist es eine Art Schlusspunkt der Geschichte, in der so vieles schief gelaufen ist. Ein letztes Zeugnis eines Bürokratismus, für den Empathie ein Fremdwort ist.

Im Schreiben des Haftpflichtversicherers heißt es: „Unsere Prüfung hat ergeben, dass unser Mitglied zum Schadensersatz nicht verpflichtet ist. Der Krankenhausträger ist weder verpflichtet noch in der Lage, die von Patienten in die Krankenzimmer eingebrachten Kleider, sonstigen persönlichen Sachen oder gar Geld und Wertgegenstände zu bewachen. Für den Verlust haftet der Krankenhausträger daher grundsätzlich nicht… Wir müssen ihre Schadensersatzansprüche als unbegründet zurückweisen, wofür wir um Verständnis bitten.“

Melanie Bornmann hat indes schon lange kein Verständnis mehr. Kein Verständnis dafür, dass nach dem Tod ihres Vaters im November sein Ehering im Klinikum in Hellersen abhandengekommen ist. Und auch für manches andere hat sie kein Verständnis.

Klinikum Lüdenscheid: Ehering von Verstorbenem verschwunden - Ehefrau verzweifelt

Der verloren gegangene Ehering, den Wilhelm Bornmann 66 Jahre getragen hat, ist in dieser Geschichte vielleicht so etwas wie der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hat. Am 17. November war der 90-Jährige mit dem Rettungswagen von Nachrodt ins Krankenhaus im Lüdenscheider Süden gekommen. Dement sei Bornmann gewesen, aber eigentlich noch recht fit, sagt seine Tochter. Die Rettungssanitäter hatten ihn nach seinen Problemen mit dem Kreislauf stabilisiert. Er winkte seiner Ehefrau und einer weiteren Verwandten noch zum Abschied.

„Was dann passiert ist, wissen wir nicht so genau“, sagt Melanie Bornmann. Niemand hatte den dementen Senior ins Krankenhaus begleiten dürfen, an Informationen war in der Folge nur schwer heranzukommen gewesen. „Es hat sich auch niemand nach den Medikamenten erkundigt, die mein Vater nehmen musste. Nach seinem Hausarzt. Nichts“, sagt die Tochter. „wir wissen, dass mein Vater irgendwann am Herzen operiert worden ist, dass man ihm zwei Stents gesetzt hat.“

Wenn dieser Tage in den Zeitungen steht, dass zur Eindämmung der Pandemie Kontakte vermieden werden sollen und dass zum Beispiel auch Besuche gerade im Krankenhaus untersagt werden, dann wird das von der Öffentlichkeit geschluckt wie so vieles. Die Pandemie macht die Ausnahmesituation zum akzeptierten Regelfall.

Mitunter zeigt indes erst der konkrete Einzelfall, was diese Beschränkungen für den Menschen bedeuten können. Auf der einen Seite ein 90-Jähriger: auf sich allein gestellt, nicht in der Lage, selbst ein Telefon anzumelden und Kontakt zu den ihm lieben Menschen aufzunehmen. Ein Mensch, der sich alleingelassen fühlt. Auf der anderen Seite Angehörige, die nur schwer oder gar nicht an Informationen kommen, in ständiger Ungewissheit und Sorge lebend um den Ehemann, den Vater.

Ein letzter Telefonkontakt wenige Stunden vor dem Sterben

Am 21. November lag Wilhelm Bornmann jedenfalls auf der Intensivstation – und telefonierte noch einmal mit seiner Frau. Er hatte noch immer kein Telefon angemeldet. Wie auch? Doch die Schwiegertochter hatte eine Verwandte, die an diesem Tag in Hellersen arbeitete. Sie stellte den Telefonkontakt her. „Warum kommst du nicht?“, hat Wilhelm Bornmann an diesem Nachmittag seine Frau gefragt. Nur vier Worte und ein Fragezeichen, mehr braucht es bisweilen nicht, um eine deprimierende Lage in ihrem ganzen Ausmaß zu dokumentieren.

Es sei ihm in diesem Moment gut gegangen, er sei stabil gewesen, sagt seine Tochter heute. Nur wenige Stunden später, am Samstagabend um 22 Uhr, aber kam der Anruf aus Hellersen. Wilhelm Bornmann war gestorben. „Man hat uns gesagt, dass wir noch drei Stunden Zeit hätten, um nach Hellersen zu kommen und uns von meinem Vater zu verabschieden“, sagt Melanie Bornmann. „Das hat meine Mutter dann nicht mehr gewollt. Sie wollte meinen Vater so in Erinnerung behalten, wie sie ihn gekannt hatte…“

Die Tochter holte in der Folge die wenigen Dinge in Hellersen ab, die ihr Vater im Rettungswagen mitgenommen hatte. „Die Jogginghose, die vom Rettungsdienst zerschnittenen Klamotten“, sagt sie, „ich bin an der Pforte zurechtgewiesen worden, dass ich hier warten möge, habe mich gefühlt wie eine Verbrecherin. Dann hat man mir die Sachen gegeben und einen Umschlag mit Brille, Uhr und Krankenkarte – nur der Ehering war nicht dabei…“

Die beiden waren seit 1954 verheiratet. Meiner Mama ist doch das Geld egal, es geht ihr um den Ring, der hat einen emotionalen Wert!

Melanie Bornmann (Tochter)

Ausgerechnet der Ring. Erst habe es geheißen, auf der Intensivstation habe noch ein Ring gelegen, berichtet Melanie Bornmann, dann habe man sie darauf verwiesen, dass der Bestatter den Ring haben müsse. Der Bestatter indes war ein guter Bekannter der Familie – er hatte keinen Ring. In Hellersen verwies man auf die Möglichkeit, dass der Rettungsdienst den Ring genommen haben könnte, man solle sich an die Feuerwehr wenden. Der Ring blieb verschwunden. Dafür gab es nach der dritten Anfrage des Hausarztes nach Weihnachten einen Arztbrief aus Hellersen. „Undefinierbare Todesursache“ habe darin gestanden, sagt die Tochter. Sie hat eine andere Vermutung. „Ich glaube, dass mein Vater wahrgenommen hat, dass er da ganz alleine war. Am Ende ist er an Einsamkeit gestorben…“

Melanie Bornmann jedenfalls wandte sich mit einer Beschwerde ans Krankenhaus, auch mit dem Verdacht, der Ring könnte gestohlen worden sein. Und sie erhielt Antwort: „Die Kollegin aus der Abteilung Versicherungswesen hatte ... über den Verlust des Rings in allen Bereichen/Stationen sorgfältig recherchiert und alle involvierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem Verbleib des Rings befragt, leider blieb die Suche bis heute erfolglos. … Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass der Ehering für ihre Mutter einen hohen ideellen Wert besitzt und sie über den zusätzlichen Verlust trauert. Allerdings möchte ich abschließend noch bemerken, dass unsere Mitarbeiter täglich das Beste geben, um unsere Patienten bestmöglich zu versorgen. Da sie mit ihrer Schilderung implizit mutmaßen, dass unsere Mitarbeiter für den Verlust des Rings verantwortlich sind, weise ich diese Unterstellungen entschieden zurück.“

In einem weiteren Schreiben des Beschwerdemanagements heißt es: „Eine solch extreme Ausnahmesituation, in die Mitarbeiter in dieser Pandemie arbeiten, hat es noch nie gegeben. Ich glaube, vor rund einem Jahr hätte sich so etwas auch noch niemand ansatzweise vorstellen können. Was das Besuchsverbot angeht, ja, gibt es ja Ausnahmeregelungen, wenn es beispielsweise um eine Sterbebegleitung geht. Aber im Fall Ihres Vaters war es trotz seiner schweren Erkrankung ja ein plötzlicher Tod, der so gar nicht voraussehbar war. … Mir ist es in den vielen Jahren, die ich hier im Haus arbeite, noch nie zu Ohren gekommen, dass irgendein Mitarbeiter Schmuck von Patienten gestohlen hat, nicht einmal ein Verdacht. ... Ich denke, egal, wie und ob in unserem Hause der Ring verloren wurde, es ist nicht mit böser Absicht geschehen…“

Für den Haftpflichtversicherer ist der Ring nur ein Aktenzeichen

Das Beschwerdemanagement übergab den Fall an den Haftpflichtversicherer, der mit aller Nüchternheit die Ansprüche zurückwies, dem Fall dabei zwölf Ziffern und drei Buchstaben gab – ein Aktenzeichen. Für die Ehefrau Emmi Bormann ist der Ehering indes alles Mögliche, aber kein Aktenzeichen. „Die beiden waren seit 1954 verheiratet“, sagt Melanie Bornmann, „meiner Mama ist doch das Geld egal, es geht ihr um den Ring, der hat einen emotionalen Wert.“

So hofft die Tochter nun, dass der Ring vielleicht doch noch auftaucht. Dass ihn irgendwer hat und zurückgibt. Es ist eine vage Hoffnung. Melanie Bornmann sagt abschließend, mit dem Klinikum in Hellersen sei sie fertig: „Meine Familie und ich werden dieses Krankenhaus meiden.“

Weitere Verluste: Ehering und Hörgeräte ebenfalls unauffindbar

Der Fall dieses verlorenen Eherings im Klinikum in Hellersen ist nicht der einzige in den vergangenen Wochen und Monaten. Im September beklagte der Lüdenscheider Udo Trebing ebenfalls den Verlust eines Eherings nach dem Krankenhaus-Aufenthalt in Hellersen. Ebenfalls im September berichtete Gerwart Pätsch aus Schalksmühle davon, dass seiner 100-jährigen Mutter in Hellersen ein Hörgerät abhanden gekommen war.

Stellungnahme des Klinikums

„Die Märkischen Kliniken bedauern den Vorfall um den verloren gegangenen Ehering des verstorbenen Herr Bornmann sehr. Selbstverständlich gilt unser ganzes Mitgefühl den Angehörigen. Zugleich nehmen wir den Vorfall sehr ernst. Als die Tochter des Verstorbenen uns auf den Verlust des Ringes aufmerksam machte, haben wir umgehend mit allen Bereichen und Stationen gesprochen, auf denen Herr Bornmann während seines Aufenthaltes versorgt und betreut wurde. Eine weitere Suche in allen Bereichen seines Aufenthaltes haben wir wiederholt.

Es ist übliche Praxis, bei Operationen Schmuckgegenstände zu entfernen. Da bei Herrn Bornmann kein entsprechender Eingriff erforderlich war, gab es keinen Anlass, ihm seinen Schmuck zu entfernen. Orientierte Patienten können ihre Wertsachen vor einer OP in einen Safe einschließen. Sind Patienten dazu indes nicht in der Lage, erfolgt eine Inobhutnahme durch die Klinikmitarbeiter, die entsprechend dokumentiert wird. Diejenige Pflegende, die sich zuletzt um den verstorbenen Herrn Bornmann gekümmert hat, erklärt, sie habe keinerlei Gegenstände von seinem Körper entfernt. Für den Fall, dass sie dies getan hätte, wäre der Gegenstand in einem Briefumschlag versiegelt, mit einem Patienten-Etikett versehen und in einem abschließbaren Schrank geblieben – bis zur späteren Übergabe einer berechtigen Person.

Warum ist der Ring nicht auffindbar? Es ist im Nachhinein schwierig, dies zu rekonstruieren. Denkbar sind mehrere Möglichkeiten: Der Ring war bei der Einlieferung des Herrn Bornmann nicht vorhanden. Vielleicht hat der Patient den Ring in Momenten der Bewusstseinseintrübung auch eigens entfernt.

Wertgegenstände befinden sich bedauerlicherweise nicht immer an den Stellen, an denen sie primär gesucht werden. Risiken für das Verlegen von Gegenständen ergeben sich dort, wo ein Patient den Bereich wechselt. Bleiben Gegenstände liegen und ist erkennbar, was zu welchem Patienten gehört, werden die Gegenstände umgehend nachgereicht. Gelegentlich finden sich Wertgegenstände, die nicht mehr zuzuordnen sind. Diese werden dem klinikeigenen Fundbüro übergeben. Lässt sich kein Besitzer zuordnen, werden die Gegenstände nach einer längeren Lagerungszeit an die städtischen Behörden übergeben. Personen, die Gegenstände vermissen, haben die Möglichkeit, sich am Empfang der Klinik danach zu erkundigen...

Es ist nicht auszuschließen, dass in der Eile des Notfallversorgungs-Geschäfts Gegenstände an Schnittstellen nicht übergeben werden und nicht nachvollziehbar ist, was zu welcher Person gehört. Insgesamt bedeutet die Mit-Verwaltung der persönlichen Wertgegenstände unserer Patienten ein hohes Maß an Prozess-Organisation, an denen viele unterschiedliche Personen beteiligt sind. Es ist und bleibt ein Thema, mit dem sich die Märkischen Kliniken auch in Zukunft intensiv auseinandersetzen und kontinuierlich weiterentwickeln werden. Für die Märkischen Kliniken ist es eine Verpflichtung, weitere Anstrengungen zu unternehmen, den verlorenen Ring zu finden.“

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