Das Verhalten der Eltern ist wichtig

Klinikdirektorin aus MK: Angsterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen durch Corona

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Im Haus 4 des Klinikums Lüdenscheid ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht.

Dr. med. Tamara Jacubeit ist Klinikdirektorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Märkischen Kliniken. Im Interview mit Kevin Herzog spricht sie über den Corona-Fall in ihrem Fachbereich, die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen und was Eltern tun können, um ihre Kinder zu unterstützen.

In der vergangenen Woche gab es in ihrem Fachbereich einen positiven Corona-Fall. Welche Auswirkungen hatte das für die Kinder- und Jugendpsychiatrie? 

Die erste Auswirkung ist, dass alle getestet wurden und es keinen weiteren positiven Befund gab. Es wurde kurzfristig die Platzzahl für die Kinder reduziert, und fünf Mitarbeiter wurden vorsorglich in Quarantäne geschickt und arbeiteten im Homeoffice. Sie sagten gerade die Platzzahl wurde reduziert. 

Wie viele Plätze gibt es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, und wie viele Kinder wurden noch behandelt? 

Wir haben insgesamt 46 Plätze, wovon aber nicht alle belegt waren. Wir haben nach dem Lockdown die Platzzahl langsam wieder erhöht. Die ganze Zeit vor Ort waren insgesamt zehn Kinder. Man kann also sagen, die Behandlung schwer kranker Patienten war durchgehend sichergestellt – auch in Zusammenarbeit mit der Erwachsenen-Psychiatrie. 

Sie haben davon gesprochen, dass fünf Mitarbeiter vorsorglich in Quarantäne geschickt wurden und im Homeoffice gearbeitet haben. Wie läuft das Homeoffice in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ab? 

Im Rahmen des Lockdowns sind Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet worden, die wir auch jetzt nutzen konnten. Auch in normalen Zeiten müssen Mitarbeiter viel dokumentieren, Berichte schreiben und korrigieren. Dies ist nun auch von zu Hause aus möglich. Außerdem fanden wie sonst auch regelmäßige Visiten und interdisziplinäre Fallkonferenzen statt. 

Es wurden wegen des Coronafalls Patienten nach Hause geschickt. Wie läuft die Behandlung dann ab? 

Die zuständigen Therapeuten waren mit den Familien im telefonischen Kontakt. 

Was sind das für Kinder und Jugendliche, die bei Ihnen in Behandlung sind? 

Wir behandeln die gesamte Palette von Kinder- und Jugendpsychiatrischen Erkrankungen außer Jugendliche, die missbräuchlich Drogen konsumieren. Das heißt zum Beispiel Kinder und Jugendliche mit Depressionen, Ängsten, Zwängen, Psychosen oder einer Störung der Impulskontrolle. 

Gibt es bei Ihnen auch Patienten, die an den psychischen Folgen von Corona leiden und deshalb in Behandlung sind? 

Ja, die gibt es. Es gibt Jugendliche, die in der Zeit des Lockdowns schlecht zurecht gekommen sind, weil ihnen Beispielsweise die Kontakte mit Gleichaltrigen gefehlt haben. Es fehlten auch die ganzen Rituale, die es im Zusammenhang mit Schulabschlüssen gegeben hat. Die haben für Jugendliche eine große Bedeutung und sind weitestgehend weggefallen. Da gibt es schon Jugendliche, die unter dem Rückzug zu Hause sehr gelitten haben und dann mit Angsterkrankungen oder depressiven Erkrankungen die Klinik aufgesucht haben. Klar ist aber auch, dass es keine Kinder gibt, die nur wegen der Corona-Krise zu uns kommen. Da muss schon im Vorfeld etwas schief gelaufen sein, und Corona war nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. 

Gab es auch Probleme mit den Eltern? Ist da im Umgang vielleicht auch etwas schief gelaufen ist? 

Ja, auch das gab es. Natürlich gibt es Familien, in denen es auch schon vor Corona heftige Konflikte gab. Das hat die Kinder belastet. Corona und der Lockdown haben aber auch die Eltern stark belastet, weil sie nicht arbeiten gehen konnten, oder zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit wirklich existenziell bedroht waren. Da sind natürlich die Konflikte zu Hause, wenn man sich 24 Stunden, sieben Tage die Woche sieht, stärker geworden. Dadurch hat sich auch das Risiko, dass es zu Hause möglicherweise zu Gewalt kommt, verstärkt. Im Moment würde ich aber eher sagen, dass die Familien dadurch belastet sind, dass die Lebenssituation vieler unberechenbar ist. 

Wagen wir einmal einen Blick in die Zukunft. Was bedeutet die Corona-Krise langfristig für die Psyche von Kindern und Jugendlichen? 

Ich glaube, dass das letztlich noch keiner wirklich weiß und dass das sehr von der Belastbarkeit der Eltern und der Anpassung an die neue Situation der ganzen Familie abhängt. Ich würde sagen, dass es auch Kinder gibt, die von der ganzen Situation durchaus profitiert haben. Es gibt Familien, die sagen, dass es eine gute Zeit gewesen ist, mal beide Eltern zu Hause zu haben. Das betrifft sicher nur einen kleinen Teil von Familien. Es gab auch Kinder, die gesagt haben, zu Hause lernen war viel effektiver. 

Dr. med. Tamara Jacubeit spricht über die Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Märkischen Kliniken im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.


Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille. Welche Probleme haben Kinder und Jugendliche durch die Corona-Krise bekommen? 

Es gibt Kinder, die schulisch sehr darunter gelitten haben und trotzdem versetzt worden sind, obwohl sie eher nicht damit gerechnet haben. Das ist nicht nur positiv. Es kann sein, dass es in diesem Schuljahr für viele Kinder sehr, sehr schwierig wird, den Anschluss zu bekommen. Besonders betroffen sind da die Kinder, die sowieso schon eine besondere Förderung brauchen. Seien es die Kinder, die inklusiv unterrichtet werden. Das funktioniert zum Teil ja gar nicht so richtig. Sei es, dass Kinder besondere Unterstützung brauchen, die jetzt gar nicht stattfindet, wie zum Beispiel Schüler in berufsvorbereitenden Schulen, die ihre Praktika jetzt nicht machen können. Ich denke, das gut geförderte Schulkind wird seinen Anschluss finden, aber inwieweit jetzt andere Kinder, die sehr viel Hilfe brauchen, in ihrer gesamten schulischen Entwicklung beeinträchtigt sind, das werden wir erst in ein paar Jahren sehen. Da gibt es aber Einzelfälle, bei denen es gravierend ist. Deshalb gehe ich davon aus, dass es eine größere Gruppe von Kindern und Jugendlichen betrifft, die jetzt in der Übergangsphase von Schule zu Beruf sind. 

Also kann man schon sagen, dass die Schule das größte Problem darstellt? 

Die fehlende Schule und all die Unterstützung, die im Rahmen von Schule den Kindern zuteil wird, die besondere Förderung brauchen. Der Gymnasiast, der ein Schuljahr nach dem anderen macht, wird auch jetzt wie gewohnt weitermachen. Aber Kinder, die besondere Förderung brauchen, sind jetzt sehr davon betroffen. 

Kann man zwischen Kindern und Jugendlichen unterscheiden, was die Auswirkungen angeht? 

Ja, das kann man. Die psychische Entwicklung von Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter hängt in erster Linie von der Verarbeitung der Eltern ab. Da gibt es Familien, wo die Eltern sehr belastet sind, und das wird natürlich auch die Kinder belasten. Es gibt aber auch Familien, wo die Eltern damit gut zurecht kommen und die Kinder unterstützen. Sobald man dann ins jugendliche Alter kommt, können Jugendliche sicher von den Eltern unterstützt werden, aber da gibt es auch noch andere Faktoren. 

Was sind das für Faktoren? 

Zum Beispiel die gute Integration in die gleichaltrige Gruppe. Wenn man gute Freunde hat, wird auch in der Corona-Krise per WhatsApp oder andere soziale Medien mit ihnen in Kontakt geblieben sein. Wenn man keine guten Freunde hat, wird es sicherlich ein bisschen schwieriger gewesen sein. Dann kommt in der Pubertät auch eine Phase, in der Jugendliche besondere Ängste haben, krank zu werden oder sich auch mit ihrer Körperlichkeit und der Verwundbarkeit auseinandersetzen. Da ist es sicher auch unterschiedlich, wie das Risiko, an Corona zu erkranken, verarbeitet wird. Das würde ich für Kinder nicht so in den Vordergrund stellen. Wenn sie Eltern haben, die sehr ängstlich sind, wird das sicher auch bei den Kindern so sein. Wenn sie aber Eltern haben, die nicht ängstlich sind, gehen auch die Kinder damit lockerer um. 

A lso kann man schon sagen, dass viel von den Eltern abhängt und es wichtig ist, dass Eltern Stärke vermitteln? 

Ja, das stimmt. Die Botschaft von den Eltern spielt da schon eine große Rolle. 

Kann man denn sagen, dass Jugendliche stärker gefährdet sind als kleinere Kinder? 

Kleinere Kinder sind gefährdet, wenn es zu Hause Gewalt gibt, weil sie sich nicht so wehren können. Ältere Kinder sind gefährdet, weil ihnen die gleichaltrige Gruppe fehlt, und damit der Rahmen, der für ihre Entwicklung, neben der Familie, wichtig ist. Natürlich sind sie auch davon abhängig, wie ihre Familie mit Corona umgeht, aber Jugendliche brauchen auch den realen Kontakt zu Freundinnen und Freunden. 

Gibt es einen Rat, den sie Eltern und auch Kindern geben können, damit sie nicht durch Corona in eine Negativspirale rutschen? 

Das ist tatsächlich der gleiche Rat, den wir immer geben: Man muss sich so gut wie möglich um die Kinder kümmern. Man muss das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Kinder steigern und für ausreichend Bewegung, soweit es möglich ist, sorgen. Außerdem muss man die Kinder vor beängstigenden Situationen schützen. Ich selbst würde jetzt zum Beispiel ein elfjähriges Kind nicht Abend für Abend vor die Schreckensnachrichten setzen. Es gibt eigentlich nicht viel, was in so einer Krise jetzt noch besonders dazu kommen kann. Wichtig ist vor allem, die eigene Situation gut zu organisieren und die Kinder nicht zusätzlich zu ängstigen.

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