Nur kleiner Rempler, aber: Gerechtigkeit muss her

LÜDENSCHEID ▪ Die Vorgeschichte spielt Am Hilgenhaus, wohin – sagt eine Zeugin – „andauernd die Polizei kommen muss“. Dort gibt es am späten Abend des 18. August Streit zwischen zwei Männern, beide voll des Wodkas. Einer schubst, der andere schubst zurück, der eine fällt über einen Wäscheständer, der andere kriegt eine Anzeige. So weit, so schlecht.

Im Saal 125 des Amtsgerichts tritt das Jugendschöffengericht zusammen: Vorsitzender Richter, zwei Laienrichter, eine Protokollantin, dazu der Staatsanwalt, zwei Damen der Jugendgerichtshilfe, ein Bewährungshelfer, ein Strafverteidiger, drei Zeugen – und natürlich der Angeklagte. 13 Menschen. Wegen einer Rempelei zweier Betrunkener. Aber sei’s drum: Gerechtigkeit muss her.

Der Angeklagte (20), Umzugshelfer und nach einem Verkehrsunfall mit 30 000 Euro verschuldet und zu zwei Jahren mit Bewährung verurteilt, ist an diesem Abend mit zwei Freunden bei einem Bekannten zu Gast. Man sitzt auf dem Balkon, trinkt russischen Kartoffelschnaps und schaut über die Brüstung. Unten auf der Terrasse steht ein 37-jähriger Klempner, auch schon etwas wackelig auf den Beinen, und schaut hoch. Man solle seine Freundin gefälligst nicht anbaggern, ruft er. Der Angeklagte: „Er sagte, komm doch runter, dann bin ich runter, und dann haben wir uns gegenseitig beleidigt, aber vom Allerfeinsten.“ Und dann geschubst.

Der Klempner erinnert sich dunkel. Er habe Kratzer am Arm und am Bein gehabt, sagt er zum Vorsitzenden Richter. Dass der Umzugshelfer gedroht habe, ihn abzustechen, wie der Staatsanwalt sagt, verneint der Zeuge. „Das hat er definitiv nicht gesagt.“ Der Klempner rappelt sich nach dem Rempler hoch, schafft es aber nicht, den Flüchtenden zu verfolgen – „weil er zu besoffen war“, sagt Verteidiger Bernd Eisenhuth. Eine Mieterin, die in der Etage zwischen den Streithähnen wohnt, wollte eigentlich schlafen, holt aber stattdessen die Polizei.

Das Gericht erwägt eine Verurteilung wegen fahrlässiger statt vorsätzlicher Körperverletzung. Der Staatsanwalt lehnt sich zurück, klappt die Akte zu und beantragt die Einstellung des Verfahrens auf Kosten der Landeskasse. Bernd Eisenhuth schreibt eine Honorarrechnung. Die Zeugen lassen sich ihre Auslagen erstatten.

Olaf Moos

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