Nur ein kleiner Berufungsprozess

Lüdenscheid - Seine Schulden kann der Ingenieur (65) schon lange nicht mehr bezahlen. Deshalb sitzt er gerade eine 39-tägige Ersatzfreiheitsstrafe ab. Aber das ist wohl sein kleinstes Problem. Die Seele ist krank. Und macht ihm mehr und mehr zu schaffen.

Von Olaf Moos

Eine vermeintlich harmlose Berufungsverhandlung vor der 2. kleinen Strafkammer des Hagener Landgerichts könnte geradewegs und dauerhaft in die Psychiatrie führen.

Sechs Monate mit Bewährung für gefährliche Körperverletzung, Betrug und Schwarzfahren, das klingt eher nach Milde. Doch mit dem Urteil des Amtsgerichts ist er nicht einverstanden. Und nun sitzt er einem Oberstaatsanwalt, einem Nebenkläger und dem Psychiater Dr. Bernhard Bätz aus Gütersloh gegenüber.

Und Richter Dieter Krause lächelt den Angeklagten geduldig an und sagt: „Sie wissen gar nicht mehr so richtig, was passiert, oder!?“ Für Strafverteidiger Frank-Peter Rüggeberg gibt’s da nicht viel zu verteidigen.

Denn sein Mandant hat offenbar alle Opposition aufgegeben. Er erklärt sich bereit, sich untersuchen zu lassen, entbindet die bislang behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht – und streitet auch die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft nicht mehr ab. Einiges hat er nur „anders in Erinnerung“, wie er sagt.

Vor allem die Geschichte mit dem Taxifahrer. An einem dunklen Wintermorgen lässt er sich per Taxi vom Bierbaum nach Brügge kutschieren. Ohne eine müde Mark in der Tasche. Seine Frau hat ihn ein paar Monate zuvor verlassen und die Konten gesperrt. Aber der arbeitslose Ingenieur braucht Zigaretten. „Der Kiosk in Brügge gehört einem Freund.“ Von dem will er Nikotin schnorren und sich Geld für den Taxifahrer leihen. „Aber der Freund war gar nicht da.“

Der Taxifahrer lässt sich vertrösten. Aber als er spätnachmittags das Geld abholen will, kriegt er nicht den Fahrpreis, sondern eine Mozart-Porzellanfigur – mit Schwung vor die Stirn. Die Erinnerung des Angeklagten: Es war anders herum. „Er hat mich damit geschlagen.“

Dass er bei einer Internet-Auktion zwei Geigen und eine Bratsche ersteigert, aber nicht bezahlt hat, passt in das Bild, das die Ex-Frau des Angeklagten zeichnet. „Er hat immer viel Ramsch bestellt.“ Mit Geld sei er stets „verschwenderisch, großzügig, unvernünftig und ohne nachzudenken“ umgegangen. Phasenweise halte er sich für unermesslich reich und wolle schicke Autos und Häuser kaufen, sagt die 41-Jährige. „Realitätsverlust gehört zu seinem Krankheitsbild.“

Deshalb wohl auch saß er im Januar ohne Fahrkarte und Geld im ICE Richtung Hamm und wurde erwischt. Richter Krause: „Wo wollten Sie denn nur hin?“ Angeklagter: „Ich wollte nach Russland fahren.“

Der Prozess wird am 10. April um 14 Uhr im Saal 101 des Hagener Landgerichts fortgesetzt.

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