Weniger Freizeitverletzungen

„Kleine Serie von misshandlungsverdächtigen Verletzungen“ - Kinderklinik-Leiter über Folgen der Corona-Pandemie

Dr. Holger Frenzke Direktor der Kinderklinik Klinikum Lüdenscheid
+
Dr. Holger Frenzke, Direktor der Kinderklinik am Klinikum Lüdenscheid.

„Kinder haben keine Lobby“, sagt Dr. Holger Frenzke, Direktor der Kinder-klinik am Klinikum Lüdenscheid. Dies gilt auch in der Pandemie.

Lüdenscheid - Welchen Preis Kinder und Jugendliche für den Schutz der Erwachsenen zahlen und wie gefährlich das Coronavirus für die Jüngsten ist, darüber sprach Jan Schmitz mit dem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie und Kinderpneumologie.

Wie wirkte sich Corona auf die Belegung auf der Kinder- und Jugendstation aus?
Im Gegensatz zu den Erwachsenenabteilungen haben wir in unserer Klinik für Kinder und Jugendliche bislang nur sehr wenige Patienten mit einer Corona-Infektion betreut. In der ersten Welle musste praktisch gar kein Kind wegen Covid-19 stationär behandelt werden. In der zweiten Welle haben wir mittlerweile zwar doch einige Kinder mit Corona-Erkrankung stationär versorgt. Kein Patient war aber schwer oder gar intensivpflichtig erkrankt. Auffällig ist aktuell zudem, dass die sonst jahreszeitlich bedingten Infektionserkrankungen bei Kindern unter den derzeitigen empfohlenen Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen deutlich abgenommen haben. So sehen wir aktuell zum Beispiel kaum Bronchitiden und Lungenentzündungen bei Kindern. Mein Eindruck ist, dass Kinder körperlich noch nie so gesund, wie derzeit, waren. Als Folge davon ist die Belegung unserer Kinder- und Jugendlichen-Stationen schon seit Monaten ungewöhnlich niedrig.
Gab es mehr oder weniger Freizeitverletzungen?
In meiner Wahrnehmung haben außerhäusliche Unfallverletzungen bei Kindern eher abgenommen, weil zum Beispiel kaum noch Vereinssport stattfindet. Unfälle in der Wohnung scheinen mir aber eher etwas zugenommen zu haben, wohl als Ausdruck dafür, dass Kinder sich aktuell hier vermehrt und mitunter sicherlich auch unter beengten Verhältnissen aufhalten.
Gab es während der Pandemie Verletzungen von Kindern und Jugendlichen, die auf häusliche Gewalt zurückzuführen waren, und was hat Corona damit zu tun?
Bis zum Herbstbeginn haben wir keine Kinder mit Verletzungen gesehen, die verdächtig auf stattgehabte häusliche Gewalt waren. Dieses hat sich in den letzten Monaten im zeitlichen Zusammenhang mit dem zweiten Lockdown erkennbar verändert. Hier haben wir fast schon eine kleine Serie von misshandlungsverdächtigen Verletzungen bei Kindern gesehen, zum Teil durchaus auch medizinisch schwerwiegender. Ich glaube, dass der erneute Lockdown manche Familien an Belastungsgrenzen führt, wo die Schwelle zur Anwendung körperlicher Gewalt gerade gegen Kinder oder Jugendliche sinkt. Sehr wahrscheinlich gibt es aktuell auch eine nicht geringe Zahl an unbemerkten Gewaltanwendungen, die nicht zu Tage kommen, da viele Kinder nicht, wie sonst üblich, von Betreuungspersonen in Kindergärten oder Schulen gesehen werden.
Welche Rolle spielte die Behandlung von Corona-Erkrankungen bei Kindern auf Ihrer Station – seit Beginn der Pandemie?
Kinder und Jugendliche erkranken erfreulicherweise deutlich seltener an Covid-19 und in aller Regel auch nur mit milden Symptomen. Wir haben seit Pandemiebeginn bislang lediglich etwa zehn Patienten stationär betreut, bei denen eine Corona-Infektion nachgewiesen wurde. Bei etwa der Hälfte hat es sich um einen Zufallsbefund im Rahmen des Aufnahmescreenings gehandelt, was noch mal zeigt, dass die Strategie des Klinikums, alle Patienten bei stationärer Aufnahme konsequent zu testen, richtig ist. Die infizierten Patienten mit Symptomen hatten entweder leichte Zeichen eines oberen Atemwegsinfektes, in drei Fällen auch typische Symptome einer Durchfallerkrankung. Ungewöhnlich war der Fall eines drei Wochen alten Neugeborenen, das als einziges Krankheitssymptom einen urtikariellen Hautausschlag, in diesem Fall Nesselsucht, hatte. Erfreulicherweise konnten wir Kind und Mutter bereits nach wenigen Tagen wieder entlassen. Neugeborene können sich durchaus schon über ihre Mütter während oder nach der Geburt mit Corona anstecken. Erstaunlicherweise scheinen sie trotz ihres noch unzureichenden Immunsystems nicht unbedingt schwer zu erkranken. Dieses ist vielleicht dahingehend einzuordnen, dass ein stark oder gar überschießend reagierendes Immunsystem für den Verlauf von Covid-19 gar nicht so günstig ist.
Ist die Lage auf der Kinderstation in Lüdenscheid eine Ausnahme oder geht es allen Kinderkliniken in Deutschland so?
Durch Austausch mit Kollegen weiß ich, dass die Situation in anderen Kinderkliniken mit der unseren durchaus vergleichbar ist. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie führt seit Pandemiebeginn ein Register, in dem ein großer Teil der deutschen Kinderkliniken ihre Fälle von corona-infizierten Patienten, die stationär aufgenommen werden, meldet. Aktuell sind hier „nur“ 807 Fälle gemeldet. In 8 Prozent waren Neugeborene betroffen, 63 Kinder benötigten eine intensivmedizinische Behandlung. Grunderkrankungen wie zum Beispiel Asthma, Herzfehler, Krebserkrankungen oder neurologische Erkrankung scheinen zwar einen leicht begünstigenden Risikofaktor für einen symptomatischen Verlauf bei Kindern darzustellen, stellen aber bei weitem kein vergleichbar hohes Risiko wie bei Erwachsenen dar. Im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion sind im gesamten Zeitraum der Pandemie lediglich zwei Kinder verstorben. Auch wenn das Register nicht alle Fälle in Deutschland erfasst, gibt es doch einen repräsentativen Überblick darüber, dass Covid-19 für Kinder und Jugendliche lange nicht die bedrohliche Erkrankung darstellt, wie sie es für Erwachsene ist. Allerdings zeigen die Zahlen natürlich auch, dass in Einzelfällen auch Kinder und Jugendliche einen bedrohlichen Krankheitsverlauf haben können.
Ende Oktober wurde eine Corona-Aufnahmestation für Kinder und ihre Begleitpersonen eingerichtet. Was war der Grund?
Nachdem wir monatelang fast gar keine Corona-Fälle auf unseren Kinderklinikstationen gesehen haben, konnten wir nach den Herbstferien zunehmend Corona-Infektionen bei stationär aufgenommenen Kindern fast noch häufiger bei mitaufgenommenen, erwachsenen Begleitpersonen nachweisen. Meist waren das unerwartete Zufallsbefunde und die Betroffenen zeigten keine oder zumindest keine typischen Symptome einer Corona-Infektion. Alle Patienten befanden sich bis zum Vorliegen des Abstrich-Ergebnisses in Zimmerquarantäne und es ist zu keinen Ansteckungen anderer Patienten oder von Mitarbeitern gekommen. Das zunehmende Auftreten solcher Fälle war für uns aber Anlass, eine Umstrukturierung vorzunehmen. Alle unsere Patienten mit ihren Begleitpersonen werden seitdem zunächst auf eine unserer dafür eigens frei geräumten Kinderstationen aufgenommen und im Zimmer isoliert. Mit der Aufnahme wird bei allen ein Corona-PCR-Test durchgeführt, dessen Ergebnis uns innerhalb von spätestens 24 Stunden vorliegt. Bei unauffälligem Testergebnis erfolgt die Verlegung auf unsere andere Kinderstation, wo sich nur noch getestete „coronafreie“ Patienten befinden. Mit diesem Vorgehen konnten wir bislang erfreulicherweise einen Corona-Ausbruch auf unseren Stationen verhindern. So können wir aus unserer Sicht die größtmögliche Sicherheit für Kinder, Jugendliche, Begleitpersonen und letztlich auch unser Personal bieten, dass sich bei uns niemand mit Corona ansteckt.
Woran können Eltern merken, dass ihr Kind Corona-positiv ist?
Die Corona-Infektion eines Kindes ist häufig durch Symptome allein nicht zu erkennen, da viele Kinder diese trotz der Infektion gar nicht entwickeln. Auftretende Symptome sind ansonsten meist Erkältungszeichen wie Temperaturerhöhung, Schnupfen und Husten, die aber genauso auch durch andere virale Infektionen verursacht sein können. Nicht selten scheinen Kinder und Jugendliche Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, also Symptome einer Magen-Darm-Infektion, bei einer Corona-Infektion zu entwickeln. Die bei Erwachsenen typischen Störungen des Geruchs- und Geschmacksinns kommen bei Kindern zwar auch vor, scheinen aber nicht so häufig zu sein, beziehungsweise gerade jüngere Kinder können diese Veränderung auch gar nicht verbalisieren. In seltenen Fällen können unterschiedlichste andere Symptome, die man gar nicht sofort mit Corona in Zusammenhang bringen würde, Ausdruck der Erkrankung sein. Zusammengefasst bedeutet dieses, dass die Diagnose einer Corona-Infektion bei Kindern ohne eine Testung nicht zu stellen ist. Hinweisend kann natürlich der Kontakt zu einer positiv getesteten Person sein, was dann auch zur Testung des Kindes führen sollte.
Wann sollten sich Eltern Sorgen machen?
Eltern sollten sich, wie sonst auch, vor allem am Allgemeinzustand ihres Kindes orientieren. Wenn Kinder auffällig abgeschlagen sind, nicht mehr genügend Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen, erschwert atmen oder neurologische Auffälligkeiten zeigen, sollte unbedingt eine Vorstellung beim zuständigen Kinderarzt oder in der Kinder-Notfallambulanz erfolgen.
Wie infektiös sind Ihrer Erfahrung nach Kinder? Welche Rolle spielen sie bei der Verbreitung des Coronavirus?
Die bisherigen Untersuchungen zu dieser Frage sind sicherlich noch nicht ausreichend, um die Frage eindeutig beantworten zu können. Zum Teil kommen hierzu durchgeführte Studien sogar zu widersprüchlichen Ergebnissen. Es spricht aber doch vieles dafür, dass Kinder zumindest bis zum Grundschulalter nicht so infektiös wie Jugendliche oder Erwachsene sind. Gründe hierfür liegen zum Teil wohl in dem noch anders arbeitenden Immunsystem. Vermutlich tragen aber auch solche Dinge, wie dass jüngere Kinder ein geringeres Lungenvolumen und einen weniger kräftigen Hustenstoß haben, zu einer geringeren Infektiosität bei. Die erzeugten Aerosolwolken, die das Virus enthalten können, sind einfach kleiner und weniger in Bewegung gesetzt. Etwa mit Erreichen der Pubertät ändert sich dieses und Jugendliche scheinen keine wesentlich von Erwachsenen abweichende Infektiosität zu haben.
Welche Folgen hat ein Lockdown auf Kinder? Sind die Schul- und Kita-Schließungen aus Sicht der Kinder der richtige Weg?
Das ist eine schwierige Frage, deren endgültige Antwort wir möglicherweise erst in Monaten bis Jahren bekommen. Ich denke, man kann aber jetzt schon sagen, dass für die allermeisten Kinder und Jugendlichen die anhaltende Einschränkung ihrer sozialen Kontakte eine hohe emotionale und seelische Belastung darstellt, unter der die meisten auch wirklich leiden. Der größte Teil der Kinder wird da am Ende vermutlich unbeschadet herauskommen, in manchen Aspekten vielleicht sogar gereifter sein. Es wird aber auch Kinder geben, die vereinsamen, depressive Verstimmungen erleben oder gar in echte kinderpsychiatrische Erkrankungen wie zum Beispiel Verhaltensstörungen oder auch Mediensucht abgleiten. Wahrscheinlich sind die Schulschließungen in der aktuell äußerst zugespitzten Pandemiesituation nicht mehr zu vermeiden gewesen. In der Bilanz wird für viele Kinder aber ein ganzes Ausbildungsjahr wegbrechen.
Welchen Preis zahlen Kinder Ihrer Meinung nach für die Pandemie-Bekämpfung?
Wir alle zahlen zurzeit sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen einen hohen Preis in der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Kinder und Jugendliche sind da nicht ausgenommen. Sie sind genauso von Kontakteinschränkungen, Shutdowns, finanziellen Auswirkungen und Verlust geliebter Menschen betroffen, wie wir Erwachsenen. Der Unterschied ist lediglich, dass sie diese Belastung in einer Lebensphase durchmachen, die sonst eher von einer gewissen Unbekümmertheit und Lebensfreude geprägt ist. Für mich immer wieder erstaunlich ist dabei, mit welch großer Selbstverständlichkeit Kinder ihre derzeitige Lebenssituation akzeptieren. Von den meisten Kindern bekomme ich gesagt, dass sie Corona zwar „blöd“ finden, aber genau wissen, dass ihr Verhalten hilft, dass „Oma und Opa nicht krank werden“. Von dieser solidarischen Einstellung können wir als Erwachsene eigentlich nur lernen. Vielleicht sollten wir uns bei unseren Kindern für diesen Beitrag bedanken, indem wir uns auch um ihre Zukunft kümmern – zum Beispiel durch einen zukünftig klimaverträglicheren Lebensstil. Das wäre ein aus meiner Sicht angemessener Dank.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare