Straßenwahlkampf in Lüdenscheid

Kleine Geschenke, große Themen und Zuspruch für alle auf dem Sternplatz

Wahlkampf am Sternplatz
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Mit Themen und kleinen Windmühlen im Einsatz: SPD-Bundestagskandidatin Nezahat Baradari.

Der Wahltag rückt näher, die Parteien geben alles, um in der Wählergunst vielleicht noch den entscheidenden Schritt zu machen. Auch am Lüdenscheider Sternplatz. Ein Blick auf den Straßenwahlkampf.

Lüdenscheid – Ein Wahlkampf ist kein Sprint, eher ein 10 000-Meter-Lauf. Eineinhalb Wochen vorm Wahltag befinden sich die Langstreckler im Kampf ums Kreuz an der richtigen Stelle noch nicht auf der Zielgerade, aber viele Runden warten nicht mehr. Es ist die Zeit, in der man langsam müde werden könnte, aber nicht müde werden darf.

Und so stehen sie am Mittwochmorgen in Lüdenscheid schon wieder auf dem Sternplatz, und es schüttet wie aus Eimern. Auch das noch. Die großen Schirme mit den Parteiemblemen, die noch kürzlich beim FDP-Lindner-Spektakel trefflich Schatten spendeten, schützen nun vorm Regen. Flexibel einsetzbar. So gut haben es 10 000-Meter-Läufer nicht.

Betrieb an den Wahlständen – jedenfalls an denen, die besetzt sind – herrscht eher in den Regenpausen. Dann bringt auch Bernd Kaiser seine kleinen SPD-Windmühlen und -fähnchen an den Mann bzw. ans Kind. Kinder mögen solche Dinge, sie können mit den drei Buchstaben auf den Flügeln noch nicht viel anfangen, finden es aber trotzdem gut. Kaiser sieht’s mit Freude. Er ist ein alter Kämpe, Vorsitzender der 200 Mitglieder starken AG 60plus der Bergstadt-SPD. Seit 2004 ist er am Sternplatz dabei, wenn es etwas zu wahlkämpfen gibt.

Kleine Geschenke, große Themen und Zuspruch für alle am Sternplatz

„Die Grundstimmung und der Zuspruch sind besser als in den vergangenen Jahren“, sagt Kaiser und ergänzt: „Es hat ja auch Zeiten gegeben, in denen wir nicht so gefragt waren.“ Jetzt aber ist die Stimmung gut bei den Roten. Im neuen, technisch hochmodern ausgestatteten Wagen, der nach dem Kommunalwahlkampf 2020 erst zum zweiten Mal im Einsatz ist, kümmern sich seit Wochen fünf Frauen der AG 60plus im Wechsel um die Basics, vorm Wagen kommt auch am vorletzten Mittwoch, der verglichen mit sonnigen Samstagen ein mauer Wahlkampftag ist, Nezahat Baradari mit den Leuten ins Gespräch. Die Kinderärztin und Bundestagsabgeordnete aus Attendorn kennt im Wahlkampftunnel keine Müdigkeit – und keine Pausen.

„Ich habe es selten erlebt, dass die Partei so einträchtig und geschlossen hinter dem Kandidaten steht wie diesmal“, sagt Bernd Kaiser, „eigentlich kennt man die SPD doch als streitbare Partei.“ Kaiser schaut zufrieden, es läuft ganz gut. Viel besser als vor zwölf Monaten zu erwarten war. Nun sagt er sogar, dass Ende 20, Anfang 30 Prozent sein Traumergebnis wäre. „Dann hätte man für eine Regierung andere Optionen.“

Alter Kämpe am SPD-Wahlkampfstand: Bernd Kaiser, Vorsitzender der AG 60plus.

Das Regierungsbilden haben indes auch ein paar Meter weiter die Christdemokraten längst noch nicht abgeschrieben. Auch sie haben einen neuen kleinen Anhänger. „Alles Edelstahl und abwaschbar“, sagt CDU-Ortsverbandschef Ralf Schwarzkopf, „unseren Mitgliedern gefällt das. Die Bereitschaft ist toll, viele sind sehr aktiv.“ Was bei den Roten die AG 60plus erledigt, darum kümmert sich hier die Seniorenunion.

Und der Wahlkampf an sich? „Wichtig ist, dass Stimmung in der Bude ist. Es ist extrem offen und spannend“, sagt Schwarzkopf, „für Deutschland ist es doch super wichtig, dass über Themen gestritten wird.“ Schwarzkopf sagt, dass er sich schwer damit tue, sich von der Zeitung erklären zu lassen, wie die Stimmung sei. Er selbst habe viel Zuspruch erlebt, auch für den Kandidaten Armin Laschet. „Ich glaube auch nicht, dass Scholz vorne liegt“, sagt er und berichtet von vielen guten Gesprächen, aber auch davon, dass Corona etwas mit den Menschen gemacht habe. „Manche regen sich über alles auf, sind aggressiv“, sagt er, so hat Schwarzkopf es in früheren Wahlkämpfen nicht erlebt.

Auch bei der CDU ist immer was los - die Seniorenunion schmeißt den Stand am Mittwoch.

Am CDU-Stand schaut sich unter Schirm auch Dr. Wolfgang Schröder das Wahlkampftreiben an. „Ich merke, dass die Stimmung für uns kippt“, konstatiert der frühere Sozialdezernent der Stadt und holt weiter aus: „Charismatisch sind doch alle drei Kandidaten nicht wirklich. Also muss es doch sehr viel mehr um Inhalte gehen. Es ist doch eine Richtungswahl. Es geht darum, wohin es mit Deutschland geht.“ Sein Gesprächspartner unterm Schirm ergänzt: „Es mag sein, dass sich viele langjährige CDU-Wähler noch schwer damit tun, Armin Laschet zu wählen. Aber sie finden doch auch keinen anderen.“ Die Botschaft: Am Ende werden doch viele ihr Kreuz bei den Schwarzen machen.

Ich merke, dass die Stimmung für uns kippt!

Dr. Wolfgang Schröder (CDU), langjähriger Sozialdezernent der Stadt

Farbwechsel: Während Grüne und Linke den Markt-Mittwoch auslassen und ganz auf den Markt-Samstag setzen, hat der FDP-Stand geöffnet. Nicht viel los zwar, aber immerhin. Wer ein Wahlprogramm haben möchte, bekommt eines, für die Kids gibt’s gelbe Luftballons. Jens Holzrichter, Lüdenscheids Chef der Freidemokraten, wird erst am Samstag und nächsten Mittwoch wieder selbst präsent sein. Die letzte Woche vor der Wahl hat er sich Urlaub genommen.

Anders als Grüne und Linke auch mittwochs am Sternplatz im Einsatz: die Lüdenscheider FDP.

Nachfrage. „Die Leute sind interessiert“, sagt Holzrichter und schaut auf die vergangenen Wochen, „das Hauptthema bei uns ist: Wer macht was mit wem? Ampel oder Jamaika… Alles, was wir nicht beantworten können.“ Auf jeden Fall, so Holzrichter, habe er keine Fortsetzung von Politikverdrossenheit gespürt, eher im Gegenteil. „Es ist eine gespannte Atmosphäre, weil alle wissen wollen, wie es weitergeht“, sagt er, „das ist total spannend.“

Die Linke: Das 500-Unterschriften-Ziel wird verpasst

Auch Otto Ersching findet, dass sich der Straßenwahlkampf gelohnt hat. „Für uns war das sehr positiv“, sagt der Bundestagskandidat der Partei Die Linke, „wobei die Menschen, die auf uns zugekommen sind, dies mehr mit sozialen Themen getan haben. Weniger zum Beispiel als mit dem Klimaschutz.“ Sein Urteil: „Unsere Themen sind gut angekommen.“ Ein Ziel hat Ersching indes nicht erreicht: Auf dem Sternplatz hatte er gehofft, 500 Unterschriften gegen den Abriss der Häuser an der Gersbeuler Straße zusammen zu bekommen. So viele sind es nicht geworden. „Trotzdem war das alles ganz gut“, sagt er und setzt auf den Endspurt.

Noch zwei Samstage. Die Zielgerade, sie soll es noch in sich haben am Sternplatz, wie es sich für spannende 10 000-Meter-Läufe gehört. Lüdenscheid ist die größte Stadt im Wahlkreis 149, auch die anderen Bundestagskandidaten werden noch kommen. Auch Johannes Vogel ist in der nächsten Woche wieder vor Ort. An Spannung ist kein Mangel, alles ist bereitet für ein großes Finale. Am besten dann ohne Regen.

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