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 „Kleiderschränke“ im Hinterzimmer: Apotheken im MK haben täglich mit gefälschten Impfzertifikaten zu tun

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Von: Thomas Machatzke

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Apotheke in Lüdenscheid
In der Apotheke am Staberg hat man dieser Tage fast täglich mit dem Erschleichen von gefälschten Impf-Zertifikaten zu tun. © Machatzke, Thomas

Gefälschte Impfzertifikate: Fast jeden Tag rufen die Staberg- und die Bärenapotheke von Dr. Gunther Fay aus diesem Grund einmal die Polizei. Sogar ein Verfahren ist anhängig.

Lüdenscheid – Es ist ruhiger geworden in der Staberg- und auch in der Bären-Apotheke in Brügge. „Vor ein paar Wochen noch haben wir zwei- bis dreimal am Tag die Polizei gerufen“, sagt Dr. Gunther Fay, der diese beiden Apotheken betreibt und Sprecher der Apotheken im märkischen Südkreis ist, „inzwischen haben wir noch einen Fall pro Tag.“

Was nach Beruhigung der Lage klingt, ist auf den zweiten Blick gleichwohl erschreckend: Corona-Pandemie, Impfungen mit Ausstellung von Impfausweisen und digitalen Impfpässen, Beschränkungen für Nichtgeimpfte und ergo der Wunsch, sich diesen Beschränkungen zu entziehen, ohne aber selbst geimpft zu werden. All das hat in Summe ein neues Feld der Kriminalität auf den Plan gerufen: gefälschte Impfausweise, das Erschleichen digitaler Impfpässe.

„Wir haben noch ein Strafverfahren anhängig“, sagt Dr. Fay, „es war an einem Mittwochnachmittag. Zwei Leute mit schwarzen T-Shirts kamen in die Apotheke und wollten auch einen digitalen Impfpass…“ Fay erzählt, dass man misstrauisch gewesen sei, wie so manches Mal. Am Ende hat man den „Kleiderschränken“, wie er die Männer ob ihrer Statur nennt, ihren Wunsch nicht erfüllt. Die Impfausweise hatten nicht die Kriterien erfüllt, man händigte keinen digitalen Impfpass aus.

 „Kleiderschränke“ im Hinterzimmer: Apotheken im MK haben täglich mit gefälschten Impfzertifikate zu tun

Die beiden Männer allerdings hätten sich daraufhin Zutritt zu den hinteren Räumen der Apotheke verschafft, um zu sehen, ob dort noch Kopien ihrer – mutmaßlich gefälschten – Dokumente liegen würden. „Da bekommt man es schon Angst“, sagt Fay. Als die Polizei vor Ort war, waren die Männer nicht mehr da, aber Videoaufnahmen haben den Ablauf festgehalten. Eine Situation, wie man sie als Apothekerin oder Apotheker nicht erleben möchte. Nun wird ermittelt.

Natürlich eskaliert nicht jeder Konflikt auf diese Art. Dass die Apotheker nach Einführung des digitalen Impfpasses vor eine Situation gestellt wurden, auf die sie nicht recht vorbereitet waren, das konstatiert Dr. Fay aber durchaus. „Am Anfang hat man uns im Regen stehen gelassen. Man hat das Gefühl gehabt, dass wir für solche Fälle missbraucht werden“, sagt er, „da haben wir uns dann bei der Polizei gemeldet, und die wusste auch nicht recht, wie sie damit umgehen soll. Inzwischen ist sie sehr schnell vor Ort, wenn wir anrufen.“

Diese Anrufe gibt es weiterhin beinahe täglich. Jeder Impfaufweis, der in der Apotheke vorgelegt wird, wird auf seine Korrektheit gecheckt. Schreib- oder Stempelfehler, eine falsche Chargennummer: Fälschungen fallen mitunter schnell auf. Und in den schwierigen Fällen, in denen sich die Mitarbeiter in den Apotheken nicht sicher sind, bleibt entweder die Nachfrage beim Arzt oder auch ein Austausch mit Kollegen in anderen Apotheken. Als die Problematik ein immer alltäglicheres Problem wurde, haben die Mitarbeiter von den Apotheken in Lüdenscheid einfach eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Ist nun einer unsicher, schickt er seinen Fall kurz in die Gruppe und bekommt im besten Fall Hilfe von einem Kollegen. Nicht alle Apotheken sind vernetzt in der Bergstadt, aber einige eben doch.

Da bekommt man es schon mit der Angst...

Dr. Gunther Fay über Eindringlinge im Hinterzimmer

Dass ein richtiger Markt entstanden sei mit dem Handel mit den kleinen Etiketten und Chargennummern, attestiert Dr. Gunther Fay und verweist auf das ehemalige Impfzentrum in Recklinghausen, von dem er Videos gesehen habe mit Fälschungen, die für 150 Euro verkauft worden seien. Erst gab es den Bedarf bei den Abnehmern, danach diejenigen, die sich in den illegalen Bereich gewagt und mit dem Verkauf von Fälschungen bereichert haben. Schwarze Schafe gibt es nicht nur im Vest und nicht nur in Impfzentren. Vieles ist dubios – wie es nun mal so ist, wenn Dinge ins Halbseidene abgleiten.

Ende der kostenfreien Testungen, 2G-Regelungen für Veranstaltungen und mitunter sogar in Geschäften auf dem Vormarsch: Der Druck auf Nichtgeimpfte wächst. Natürlich ist es für die breite Öffentlichkeit und den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft die Königslösung, wenn sich dieser Personenkreis von einer Corona-Impfung überzeugen lässt. Was aber, wenn dies nicht der Fall ist? Isolation, Ausgrenzung, keine Teilhabe? Oder der dritte, kriminelle Weg, das Erschleichen einen Impfausweise, ohne geimpft zu sein? Für die Apotheken wird es wohl knifflig und unangenehm bleiben in den nächsten Wochen und Monaten. Auch wenn nicht jedesmal ein „Kleiderschrank“ alle Grenzen überschreitet…

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