Im Dienste Behinderter: Fragen besser als die Keule

Klaus-Martin Pandikow ist ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter der Stadt Lüdenscheid

LÜDENSCHEID ▪ „Wenn jemand in einer Funktion ist, erwarte ich, daß er seiner Funktion gerecht wird.“ Das, findet Klaus-Martin Pandikow, unterscheide ihn von den „Freizeitpolitikern“, die über Geld und über Zukunft entscheiden in dieser Stadt.

Auch deshalb hat er sich, der seit 2007 ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter ist, zwischen April und Dezember wieder auf eigene Kosten weitergebildet. An den Wochenenden war er in Berlin, als „bunter Käfer“ unter Architekten, Ingenieuren, Landschaftsplanern, die ihr Wissen rund um „Barrierefreiheit in Gebäuden, Außenraum und Städtebau“ vertieften. Zuletzt eine vierstündige Abschlussprüfung, zwölf Themenblöcke, 13 Seiten. Dafür gibt’s ein Zertifikat der Architektenkammer Berlin.

Warum er das macht? „Meine Gesprächspartner gucken immer etwas mitleidig“, glaubt er, der gerade sein 65. Lebensjahr vollendet hat. Das habe ihn angekotzt, sagt der Freund des klaren Wortes, Kraftverkehrsmeister im Ruhestand, Behindertenbeauftragter in Dauerbereitschaft. Ein paar Jahre will er den Ehrenjob noch machen. Und bei Stellungnahmen „mehr Professionalität ‘reinbringen“.

Er sieht sich als Vermittler zwischen Produzenten und Planern – „in der Hoffnung, dass für den Behinderten etwas dabei herauskommt“. Dass er sich so vehement einsetzt, dabei „Boshaftigkeit und Impertinenz“ an den Tag legt, liegt an eigenen Erfahrungen. Seit einem Berufsunfall 1974 ist er zu 70 Prozent schwerbehindert, hat schon mal zeitweise im Rollstuhl gesessen – „Kreuz kaputt“. Damals habe er angefangen darüber nachzudenken, was Einschränkungen bedeuten. Er hat gelernt, auf die linke Hand zu verzichten. „Ein Behinderter muss seine Einschränkung akzeptieren und lernen, damit umzugehen.“ Das könne bedeuten, nur Orte aufzusuchen – zum Einkauf, in der Freizeit –, die man problemlos erreichen könne. Denn bei aller Diskussion um Wünschenswertes, sind die Hindernisse enorm: Technik, Kosten, örtliche Gegebenheiten bis zum Bestandsschutz und Versäumnissen bei Neubauten. Vielen Bauherren sei noch nicht klar, dass Barrierefreiheit Mehrwert bedeute.

Stolpersteine wegräumen oder den Weg anders machen – das ist seine selbst gesetzte Vorgabe. „Ich habe gelernt, Geduld zu haben. Manchmal sind Fragen besser als Keule.“ Erfolge verbucht er noch selten; auf lange Sicht soll sich das ändern. Er will noch einen Behindertenführer für Lüdenscheid realisieren, auf technischer Basis. Er will den Weg zur inklusiven Schule begleiten – „auch das gibt’s nicht zum Nulltarif“. Und er wartet auf einen, den er bei seiner Klage für Barrierefreiheit in der VHS im Alten Rathaus unterstützen kann.

Zum Ausgleich zieht’s ihn aufs Wasser, wo’s keine Schranken gibt. Bei Münster, am Kanal, liegt sein Traum für den richtigen Ruhestand, irgendwann in Friesland oder Meck-Pomm: ein altes Rettungsboot, das er zwischendurch herrichtet. Barrierefrei? Im Rolli ohne Lehne könnte er sich an Deck bewegen, so viel ist klar. Und innen? „Notfalls würde ich auf dem Arschleder über den Boden rutschen.“ Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

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