Vor dem Fußball-Klassiker: „Es ist doch nur ein Spiel!"

LÜDENSCHEID ▪ Am Mittwochabend soll „Oranje boven“ sein. Dann tobt Jeroen Jörning, wohl als einziger im orangenen Trikot, durchs Brauhaus – und genießt den Abend. Der 42-Jährige, einer von knapp 70 Holländern in Lüdenscheid, ist optimistisch.

Jeroen Jörning

„Wir haben Top-Leute im Team. Holland wird gewinnen!“, glaubt Jörning. Und wenn nicht? „Dann kann ich trotzdem lachen.“ Der Blumenhändler ist nämlich ein fröhlicher Typ. Deutsche Fan-Gesänge wie „Orange trägt nur die Müllabfuhr“ bringen ihn nicht aus der Fassung. „Wir haben auch unsere Lieder“, sagt er – und rückt die Relationen gerade: Während hartgesottene Fans glauben, Fußball sei keine Sache auf Leben und Tod, „sondern viel ernster“, hält Jeroen Jörning den Ball flacher. „Es ist doch nur ein Spiel!“

Inzwischen kennt der Florist die Lüdenscheider Seele in- und auswendig. Vor 20 Jahren kam er aus seinem Geburtsort Zandvoort ins Sauerland. „Der Vater eines Kumpels von mir stand früher mit Blumen vor dem Kaufhaus Krause.“ Den besuchte er zum ersten Mal, als er zwölf Jahre jung war. Und dann noch einmal mit 14, dann mit 16.

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Und irgendwie blieb er hier hängen, erzählt er lächelnd. „Wegen einer Freundin – und aus Liebe zu meinem Beruf.“ Zu anderen Holländern, die in Lüdenscheid leben, hat er wenig Kontakt, wenn, dann eher zu den älteren, und dann auch nur zufällig. „Manche kommen in meinen Laden.“ Er sei viel mit deutschen Freunden zusammen, „aber für Hobbys habe ich eigentlich keine Zeit“. Seine Wohnung am Wehberg „ist schön und ruhig“, und heute Abend will er sie mit dem Trubel der Innenstadt eintauschen.

Die Zuversicht, dass „seine“ Mannschaft gewinnt, zieht Jeroen Jörning unter anderem aus dem Spiel der Deutschen gegen Portugal. „Das war für mich ein bisschen enttäuschend. Ich hatte mehr von den Deutschen erwartet. Sie waren nicht stark und haben in erster Linie Glück gehabt.“ Die Auftaktschlappe der „Oranjes“ gegen die Mannschaft aus Dänemark beurteilt der Mann aus Zandvoort erwartungsgemäß so: „Das hätte ich nie gedacht. Wir haben verloren, obwohl wir besser waren. Die Jungs haben alles rund ums Tor getroffen, aber nicht das Tor selbst.“ Aber wenn sie „normal“ spielten wie sie es können, sagt der Fan, „dann müssen sie einfach gewinnen“. Schließlich habe Holland eine tolle Turniermannschaft.

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Auf den Abend, auf das Bad in der Menge der Deutschland-Fans, freut sich der Holländer diebisch. „Das macht einfach großen Spaß. Das ist immer so ein lustiges Provozieren, hin und her.“

Möglicherweise können seine Stars in Orange nach dem heutigen Spiel fast schon die Heimreise antreten. Dann wär’s vorbei mit „Oranje boven“ – „Orange oben“. Ob Wahl-Lüdenscheider Jeroen Jörning in der Stadt bleibt, hängt überhaupt nicht davon ab, wie das Spiel heute ausgeht. „Ich bin für alles offen“, sagt er. „Unverheiratet, keine Kinder, total unabhängig. Ich komme überall zurecht.“ Kenntnisse in fünf Sprachen helfen sicher. Sein sympathischer Slang und das breite Lächeln aber würden fehlen. - Olaf Moos

Fotos vom ersten deutschen EM-Abend am Samstag:

Deutschland-Portugal

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