Engpässe in Krankheitsfällen

Kitas schlagen Alarm wegen Erzieher-Mangel

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Für Christian Paul ist Erzieher sein Traumberuf. Er findet es toll, durch das Verhalten der Kinder sofort ein Feedback zu bekommen, ob er seinen Beruf gut macht.

Lüdenscheid - Christian Paul übt seinen Traumberuf aus: Er ist Erzieher in der Awo-Kita Familienzentrum Bunte Kluse an der Kluser Straße. Der 37-Jährige ist einer von wenigen Männern mit diesem Berufswunsch. Abgesehen davon, dass in der Regel mehr Frauen in diesem Bereich tätig sind, machen die äußeren Umstände den Beruf nicht besonders attraktiv.

Für Christian Paul ist das anders. „Das Schöne ist, kein Tag ist wie der andere und man bekommt sofort eine Rückmeldung, ob man seinen Job gut macht, nämlich von den Kindern“, sagt der Erzieher. Dass dies nicht in jedem Beruf so ist, weiß er sehr genau, denn Erzieher ist er erst auf dem zweiten Bildungsweg geworden. Zuvor hatte er in der Industrie gearbeitet. Er war Kommissionierer. „Ich habe festgestellt, dass ich das nicht mein Leben lang machen möchte“, sagt er.

Den Anreiz, Erzieher zu werden, gab ihm sein damaliger Geschichtslehrer an der Abendschule als er sein Abitur nachholte. Dieser habe ihm geraten, Lehrer zu werden. Das konnte er sich nicht vorstellen. Die Erzieherschule war jedoch schon eher etwas für ihn. „Ich mache das, weil ich mit dem Herzen dabei bin und nicht wegen des Geldes. Denn Geld ist nicht alles“, sagt Christian Paul. Dass so nur wenige denken, zeigt der Bedarf an Erziehern in der Kreisstadt. Die größeren Träger der 45 Einrichtungen in Lüdenscheid, wie Stadt, Awo, DRK, Johanniter, der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg sowie das Bistum Essen, stimmen allesamt darin überein, dass es schnell zu Engpässen kommt, sobald Personal ausfällt.

Bistum Essen: „Wir haben zwar derzeit keine offenen Stellen, das heißt aber nicht, dass genügend Personal da ist“, sagt Iris Diedenhoffen, Gebietsleitung der katholischen Kitas in Lüdenscheid. Falls jemand der angestellten Erzieher im laufenden Jahr länger ausfalle – aufgrund einer Krankheit oder einer Schwangerschaft – sei es schwierig, die Stelle wieder zu besetzen. Und es gebe keinen Vertretungspool, aus dem man sich bedienen könne. „Man hilft sich im Verband zwar untereinander aus, aber dann fehlt an einer anderen Stelle wieder eine Kraft“, sagt Iris Diedenhoffen.

Zu Beginn eines Kindergartenjahres seien die Stellen einfacher zu besetzen. Denn dann haben die angehenden Erzieher ihre Ausbildung gerade abgeschlossen und sind auf der Suche nach einem Job. Durch den großen Bedarf seien sie jedoch auch schnell versorgt und der Markt für das laufende Jahr wieder leer.

DRK: „Durch plötzliche Krankheiten kommt es im Moment relativ häufig zu Engpässen“, sagt Martina Pieper, Sachbearbeiterin für Kindertagesstätten und Schulen in der DRK-Kinderwelt. Selbst, wenn eine Springerkraft für Vertretungen vorhanden wäre, reiche diese während der Grippewelle nicht aus. „Es müssten schon fünf oder sechs sein“, sagt sie.

Awo: Das kann Tina Reers, Betriebsleiterin der Awo-Einrichtungen, bestätigen. Der Träger habe zwar Springerstellen, bei Krankheits- und Schwangerschaftsvertretungen reiche das jedoch nicht aus, obwohl in den Awo-Kitas alle Stellen besetzt seien. „Der Markt ist komplett abgegrast“, sagt sie.

Evangelischer Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg: „Es gehen keine Initiativbewerbungen mehr ein und die Anzahl der Bewerber sinkt. Das macht es schwierig, die Stellen zu besetzen“, sagt Dirk Cechelius, Geschäftsführer des Trägervereins. Permanent schalte man Stellenanzeigen für Erzieher. Die Mindestbesetzung an Personal, wie sie im Kinderbildungsgesetz vorgeschrieben ist, werde zwar erfüllt, mehr Fachkräfte einzustellen sei aus finanziellen Gründen jedoch schwierig. Eine zusätzliche Springerkraft in den evangelischen Einrichtungen wird dabei voll zu Lasten des Trägers finanziert. Gleiches gilt für zehn zusätzliche Personalstunden. Und trotzdem stoße man an die Grenzen.

Johanniter: „Vor zehn Jahren war es einfacher, die Stellen zu besetzen. Heute funktioniert es auch, aber es dauert länger“, stimmt Fachbereichsleiterin Karola Stracke zu. Sie ergänzt aber auch, dass in den Johanniter-Einrichtungen in Lüdenscheid alle Stellen besetzt seien.

Stadt Lüdenscheid: Das trifft auf die städtischen Kitas nicht zu. „Es fehlen ein paar Stundenanteile. Die Situation stellt sich trotzdem gut dar, da die Lücken nicht besonders groß sind und die gesetzliche Vorgabe erfüllt wird“, sagt Sven Prillwitz, Pressesprecher der Stadt.

Dennoch sei man ständig auf der Suche nach neuem Personal und habe sowohl für Vollzeit- als auch für Teilzeitstellen eine Dauerausschreibung laufen. „Die Stellen wieder zu besetzen, dauert häufig Monate. Und es gibt auch keinen Vertretungspool oder Springer in den Einrichtungen. Wir versuchen dem entgegenzuwirken, indem den Teilzeitkräften übergangsweise mehr Stunden angeboten werden, und das funktioniert ganz gut“, sagt Sven Prillwitz. Damit jedoch ein Ersatz gesucht werden darf, müsse eine Kraft länger als sechs Wochen ausfallen.

Wie viele Kita-Plätze sind nötig?

Jedes Jahr stellt das Jugendamt gegenüber, wie viele Kinder da sind, wie viele Kita-Plätze vorhanden sind und wie viele Plätze benötigt werden. Das ist die sogenannte Bedarfsplanung. Dazu muss das Jugendamt mehrere Faktoren berücksichtigen:

Eine Übersicht, welcher Stadtteil in welcher Form mit Plätzen versorgt ist, dient dem Jugendamt zur Orientierung. - Für die Planungen werden die Geburtenzahlen und die Bedürfnisse beziehungsweise die Nachfrage der Familien nach Kita-Plätzen berücksichtigt. Denn nicht alle Eltern wollen ihr Kind mit demselben Alter in der Kita anmelden. Mittlerweile ist es immer häufiger so, dass eine Betreuung auch für Kinder die jünger als drei Jahre alt sind, gesucht wird.

Ein wichtiger Bestandteil ist bei der Planung der Ist-Zustand an Kita-Plätzen. Das heißt, jeder Träger meldet jeweils bis zum Monat März dem Jugendamt, wie viele Plätze die Einrichtungen im kommenden Kindergartenjahr für welche Altersgruppen zur Verfügung haben und in was für einem Stundenmodell die Kinder betreut werden können. Das hängt wiederum damit zusammen, wie die jeweiligen Einrichtungen personell mit Fachkräften ausgestattet sind.

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