Die Stadt sieht wenig Handlungsspielraum

Kitas im MK nach Corona wieder offen: Berufstätige Mütter kritisieren Regeln - Urlaubstage weg

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Die Mütter Tanja Müller, Sara Schwarz und Rachida Akkaoui wünschen sich mehr Flexibilität der Kindertageseinrichtungen, was die Betreuung ihrer Kinder angeht im Hinblick auf die neuen coronabedingten Erlasse.

Lüdenscheid - „So kann es nicht weitergehen. Wir sind am Limit.“ Rachida Akkaoui, Sara Schwarz und Tanja Müller sind berufstätige Mütter aus Lüdenscheid und wissen nicht, wie sie mit den coronabedingten Erlassen umgehen sollen. 

Die vergangenen Wochen waren schon nervenaufreibend. Arbeit und Kinderbetreuung mussten unter einen Hut gebracht werden – für viele fand beides gleichzeitig statt. Die neuen Regelungen stellen die Eltern – vorrangig Mütter – vor erneute Probleme, von denen die Mütter nicht wissen, wie sie diese bewältigen sollen. 

Ab dem heutigen Montag öffnen die Kitas zwar wieder für den Regelbetrieb, allerdings wird die Betreuungszeit per se um zehn Stunden reduziert. Mit einem Beruf sei das kaum vereinbar. Und auch Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen sind davon betroffen. Wer 35 Stunden gebucht hatte, bekommt jetzt 25 und bei 45 nur noch 35. 

Die Situation
„Die jetzigen Maßnahmen sind für uns nicht nachvollziehbar. Alle Kinder kommen in der Einrichtung unserer Kinder, im städtischen Familienzentrum Gevelndorf, zur gleichen Zeit an. Da ist die Ansteckungsgefahr doch am größten“, sagt Tanja Müller. Sie fragt sich, worin der Sinn in der reduzierten Zeit bestehe. Zumal die Kinder auch wieder in den normalen Gruppen, die vor Corona bestanden, betreut werden. 

Tanja Müller ist selbst Erzieherin von Beruf und arbeitet in einer Johanniter-Einrichtung in Iserlohn. „Normalerweise fahre ich um 13.15 Uhr los, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Jetzt muss ich um 11.15 Uhr losfahren und fehle in meiner eigenen Einrichtung dadurch in der Stoßzeit“, berichtet sie. Sie ist froh, dass ihre Chefin das überhaupt mitmacht. Denn sie weiß, selbstverständlich ist das nicht. Wie sie die fehlenden Stunden nacharbeiten soll, weiß sie jedoch nicht. Sie bemängelt auch: Vor Corona bekamen die Kinder Mittagessen in der Kita. Das fällt durch die verkürzte Zeit weg, und sie muss sehen, dass die Kinder zu ihrer gewohnten Zeit zuhause zu Mittag essen können, wenn sie gerade von der Arbeit kommt. 

Rachida Akkaoui ist kaufmännische Angestellte. Sie arbeitet derzeit im Homeoffice – und das mit vier Kindern. „Ich muss mich zuhause unheimlich konzentrieren, sonst schleichen sich Fehler ein. Dann kommt noch das Essenkochen hinzu. Manchmal setze ich mich abends um 22 Uhr noch einmal an die Arbeit, weil es dann erst ruhiger ist“, schildert sie. Auch mache sie das, um ihr Gewissen zu beruhigen, vernünftig zu arbeiten. Sie ist sehr dankbar, dass ihr Chef ihr mit dem Homeoffice so entgegenkommt. Doch die derzeitige Situation gehe ihr auch an die Nerven. 

„Aufgrund der Corona-Krise habe ich nur noch zwei Urlaubstage für das ganze Jahr. Wie soll ich das machen, wenn die Kita im Sommer schließt? Kann ich mir die fehlenden Tage irgendwo zurückholen?“, ist Sara Schwarz ratlos. Und die Herbst- und Weihnachtsferien stünden auch noch bevor. Jetzt kommen noch zwei Stunden pro Tag hinzu, in denen sie keine Betreuung für ihre Kinder hat. Das stellt sie vor ein weiteres Rätsel. Sie arbeitet in einer Firma in Ennepetal an der Maschine. Homeoffice ist ihr nicht möglich. Sie könne nur auf unbezahlten Urlaub zurückgreifen, was finanzielle Einbußen bedeute. 

Nicht alle Chefs hätten Verständnis für die Situation der Eltern – vorrangig Mütter. „Teilweise traut man sich schon gar nicht mehr, schon wieder auf den Chef zugehen zu müssen“, sagt Sara Schwarz. „Ich habe manchmal das Gefühl, man will, dass wir Frauen wieder zurück an den Herd gehen. Was erwartet die Regierung von uns? Schließlich sind es doch meistens wir, die keinen Vollzeitjob haben“, sagt sie. 

Lösungsvorschläge
„Ich verstehe nicht, wieso die Stadt die Kitas nicht im Sommer für Notgruppen auflässt“, sagt Tanja Müller. In der Einrichtung, in der sie arbeite, würden in den Sommerferien drei Wochen lang Notgruppen angeboten. 

Und auch für die Rückkehr zum Regelbetrieb halten die drei Mütter andere Lösungen für sinnvoller. „Wäre es nicht möglich, die reduzierten Stunden von 5 auf 4 Tage zu verteilen? Dann wäre es für einige Eltern möglich, einen Tag in der Woche auf Verwandte zurückzugreifen. Aber täglich zwei Stunden weniger Betreuungszeit heißt für die Eltern, zwei Stunden weniger arbeiten zu können“, sagt Sara Schwarz. Andere Mütter, die ihre Kinder ebenfalls im städtischen Familienzentrum Gevelndorf betreuen lassen, bräuchten die Betreuung nicht und hätten angeboten, die Mütter könnten ihre Stunden haben. Das sei jedoch nicht möglich. „Wir wünschen uns einfach ein bisschen mehr Flexibilität von der Einrichtung“, sagt Tanja Müller. Sie fordern, dass auf die Bedürfnisse eingegangen wird und verschiedene Modelle zur Auswahl gestellt werden, um den Eltern die Möglichkeit zu geben, sich zu organisieren. 

Wenn eine längere Betreuung im Regelbetrieb nicht möglich sei, weil die Erzieher die Reinigungs- und Desinfektionsaufgaben anschließend erfüllen müssten, müssten eben mehr Reinigungskräfte einbezogen werden, und nicht die Aufgabe an die Erzieher übergeben werden. Es sei für die Kinder auch nicht pädagogisch sinnvoll, sie täglich von jemand anderem abholen zu lassen. Zum einen sei dadurch die Ansteckungsgefahr wieder erhöht, und zum anderen fehlen den Kindern die sicheren Strukturen und Abläufe. Die vergangenen Wochen seien ohnehin schon schwierig für die Kinder gewesen. 

Das sagt die Stadt
„Die maximale Betreuungszeit von 35 Stunden sind eine Vorgabe des Landes und keine Empfehlung“, erklärt die Stadt Lüdenscheid. „Wenn genügend Personal da ist, kann man beim Land allerdings einen Antrag stellen, ob die Öffnungszeiten gegebenenfalls verlängert werden dürfen“, heißt es weiter. Das sei jedoch in Lüdenscheid kaum der Fall. In den städtischen Kitas seien derzeit rund 20 bis 25 Prozent weniger Mitarbeiter im Einsatz, da diese zu einer Risikogruppe gehören. Und da in Kitas die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können, zählen Menschen die über 60 Jahre alt sind, Vorerkrankungen haben oder schwanger sind, weiterhin zu den Risikogruppen, die nicht arbeiten sollen. 

Das sei auch der Grund, warum derzeit keine flexibleren Öffnungszeiten angeboten werden können. Im städtischen Familienzentrum Gevelndorf sei das Zeitfenster von 7 bis 12 beziehungsweise 14 Uhr, der Zeitkorridor, der für die meisten Eltern am besten passe. Dieses Meinungsbild habe sich in Gesprächen mit Eltern in den vergangenen Wochen gezeigt. „Leider ist es nicht möglich, die Zeiten individuell für die Eltern anzupassen, die andere Betreuungszeiträume benötigen“, heißt es. Die Zeiten in anderen städtischen Kitas oder von anderen Trägern können sich individuell unterscheiden. 

Durch die verstärkten Hygienevorschriften haben die Erzieherinnen zusätzliche Aufgaben wie die regelmäßige Desinfektion der Spielzeuge außerhalb der Öffnungszeiten. „Die Betreuung wird erst einmal so beginnen. Wir müssen sehen, wie es sich entwickelt. Wir können nicht sofort wieder voll loslegen. Sollte sich ergeben, dass ein anderes Modell sinnvoller sein könnte und die Rahmenbedingungen stimmen, könnte das noch geändert werden“, sagt Stadtsprecher Sven Prillwitz.

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