Interview

Kita Inside: Leiter aus MK sagt, was Kinder, Eltern und Erzieher in Corona-Zeiten belastet

Mann auf einem Spielplatz
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„Wenn dir eine Sechsjährige sagt, dass sie ihr altes Leben zurückwill, wirst du schon stutzig. Das fühlt sich komplett falsch an“, stellt Dirk Schroller, Leiter des evangelischen Kindergartens Johannes Falk, fest.

Der evangelische Kindergarten Johannes Falk am Lüdenscheider Wehberg ist leer am späten Dienstagnachmittag, 30 Jungen und Mädchen haben am Vormittag und in den frühen Nachmittagsstunden hier noch miteinander gespielt.

Lüdenscheid - Eigentlich sind es 88 Kinder. Dirk Schroller, der seit Januar diese Kita leitet, steht auf dem Spielplatz hinter dem Haus. Ortstermin für eine Bestandsaufnahme: Wie geht es den Kindern, wie den Betreuern in Zeiten der Corona-Pandemie im Märkischen Kreis? Was macht Sinn, was eher nicht in Zeiten, in denen Kitas als Infektionsherde gelten beim Robert-Koch-Institut? Ein Gespräch über einen schwierigen Job in einer schwierigen Zeit. (News zum Coronavirus im Kreis MK)

Dirk Schroller, Corona und die Kitas: Wie geht es den Kindern? Gibt es Änderungen im Verhalten oder geht es allen gut?

Schwierige Frage zum Anfang. Man muss es differenziert betrachten. In der ersten Zeit nach dem Lockdown hat man den Kindern bei der Rückkehr in die Kita eine große Freude angemerkt. Sie waren aufgeregt, haben große Freude gehabt, wieder mit den anderen Kindern zu spielen. Wobei da ja auch nur wenige Kinder kommen durften.

Mittlerweile ist die Kita seit August wieder offen für alle, natürlich mit der Bitte, die Kinder, wenn möglich, zu Hause zu behalten. Man merkt inzwischen bei Kindern und Eltern eine gewissen Corona-Müdigkeit. Die Kinder, die da sind, genießen es, und die Erzieher auch, weil sie mehr Zeit für jedes einzelne Kind haben. Aber insgesamt ist die Situation schon eine sehr angespannte drumherum – und das merken die Kinder auch.

Was ist falsch, was ist richtig? Sollte man die Kitas komplett öffnen oder ist das der falsche Weg?

Für die Kinder ist es wichtig und richtig, die Kitas weiter offenzuhalten. Ich sehe es aus zwei Blickwinkeln, bin selbst noch Kindergarten-Papa. Da sehe ich, wie wichtig es ist, mit Freunden zu spielen, sich unbekümmert verhalten zu können, und mit gleichaltrigen Spielpartnern umzugehen. Das ist etwas anderes als das Spiel mit den Eltern. Konflikte werden unter Kindern anders ausgetragen.

Jetzt kommt das Aber…

Genau, es gibt ein Aber. Das generelle Problem, das ich mit der Corona-Politik habe: Es wird mit Ängsten gearbeitet. Nach dem Motto: Möchtest Du Schuld sein, wenn dies oder das eintritt? Möchtest Du Schuld sein, wenn die Oma krank wird? Das ist keine schöne Situation für alle Beteiligten. Auch, wenn Mitarbeiter erkranken sollten. Wie gehen die dann damit um? Es gibt eine generelle Verunsicherung im Team. Das ist nicht schön.

Für die Kids ist es toll wieder da zu sein. Wir sind eine Einrichtung mit vier Gruppen: 88 Kinder, zwölf Mitarbeiter. Die Kinder dürfen mit den anderen Kindern spielen, lassen sich mal in den Arm nehmen oder sitzen beim Mitarbeiter auf dem Schoß. Das brauchen die Kinder. Mittlerweile tragen auch viele Kollegen im Umgang mit den Kindern Maske, in der U3-Gruppe wird aber die meiste Zeit noch darauf verzichtet. Auf der anderen Seite dürfen Kinder gerade nicht in die Schule, um diesen Kontakt zu vermeiden.

Ein Kritikpunkt?

Ich verstehe die Verhältnismäßigkeit im Moment nicht wirklich. Warum ist das eine offen und das andere zu? Kindergarten und Grundschule – da brauchen die Kinder doch das Gleiche. Sie brauchen ihre Freunde. Sie brauchen ein anderes Gegenüber als ihre Eltern. Sie orientieren und messen sich an Gleichaltrigen, sie lernen miteinander und voneinander. Sie entwickeln durch das Spielen und Lernen in der Gruppe soziale Kompetenzen, die sie zu Hause so nicht lernen.

Man sollte ja sogar denken, dass Grundschüler ein Stück weiter sind und damit eher Distanz einhalten können sollten als Kita-Kinder…

Davon gehe ich aus, dass das so ist. Unser System krankt an allen Ecken und Enden. Ein Grundschüler versteht das in der Regel aus meiner Sicht sogar besser als ein Kindergartenkind. Grundschüler können Maske tragen und sollten sich besser an die Regeln halten können. Ich kann die Pause anders einteilen, damit die Kinder sich nicht auf dem Hof begegnen. Dennoch sind die Schulen wieder zu und die Kitas haben weiterhin geöffnet.

Ich denke, dass wir alle viel zu sehr damit beschäftigt sind, nach Begründungen zu suchen, warum etwas nicht geht, als zu überlegen, was geht alles trotzdem. Da will ich mich ja auch selbst nicht freisprechen. Ich möchte hier auch gar nicht über Grundschulen sprechen, die Lehrer haben sicher auch keinen leichten Job im Moment, aber natürlich zieht man den Vergleich ab und an und fragt sich, wo die Unterschiede zwischen den beiden Bildungseinrichtungen sind.

Wie hoch ist denn Ihre Auslastung im Moment?

Vor den Osterferien waren die Gruppen relativ voll, da hatten wir teilweise 66, 67 Kinder. Dann hatten wir einen Corona-Fall und entsprechend eine Gruppe geschlossen. Am Montag dieser Woche waren es nur 30 Kinder in der Einrichtung. Da merkt man, dass die Eltern vorsichtiger werden. Alle Gruppen sind geöffnet, aber es sind nicht alle Kinder zurück. Für die Kinder ist keine Kontinuität da. Für sie ist das sehr schwierig.

Gerade auch für die ganz Jungen?

Die Kinder, die im Sommer 2020 dazugekommen sind, fangen seitdem immer wieder neu bei uns an. Die Eingewöhnung ist dadurch nie richtig nachhaltig – sowohl Kinder als auch Eltern und Erzieher fangen immer wieder von vorne an. Die Kinder machen das toll. Sie kommen rein, spielen und sind gut drauf. Aber ich kenne das von meiner Tochter: Die Kinder würden eine Unzufriedenheit auch nie im Kindergarten selbst zeigen, da dieser ja im Moment die Abwechslung darstellt. Die Kinder lassen ihren Frust dazu eher zu Hause aus. Sie trauern anders, fressen das mehr in sich hinein. Die Frage ist, ob das dann irgendwann rauskommt.

Haben Sie so etwas erlebt?

Ich hatte mit meiner Tochter die Situation, dass sie mir klar gesagt hat: „Ich will das jetzt nicht mehr. Ich will mich mit meinen Freunden treffen, ich möchte wieder zum Schwimmen, wieder zum Turnen!“ Wenn dir eine Sechsjährige sagt, dass sie ihr altes Leben zurückwill, wirst du schon stutzig. Das fühlt sich komplett falsch an.

Themenschwenk: Die Schnelltests kommen. Ist Ihre Kita gerüstet?

Die Schnelltests sollen diese Woche kommen. Unsere Mitarbeiter sollen sich zweimal die Woche testen. Das läuft. Die Eltern bekommen die Tests mit an die Hand und dürfen die Tests zu Hause machen. Ich gehe davon aus, dass die Eltern damit verantwortungsvoll umgehen und die Kinder testen. Bisher war es ein gutes Miteinander mit den Eltern, und das Verständnis und die Sorgen sind auf beiden Seiten da.

Ist das jetzt, wie es die Bundesregierung sagt, eine ganz entscheidende Waffe gegen Corona, von der Sie sich entsprechend viel versprechen?

Ich persönlich verspreche mir nicht so viel davon. Das ist nicht böse gemeint, aber da die Tests freiwillig sind, wird es ablaufen wie vorher auch. Es gibt Eltern, die sind vorsichtiger und bringen ihre Kinder nicht in die Kita. Es gibt Eltern. die müssen ihre Kinder bringen, weil sie keine Alternative haben. Eltern müssen arbeiten. Homeoffice ist für viele zwar eine Option, aber wie viel von seiner Arbeit schafft man wirklich und wie lange kann dieser Zustand auch beibehalten werden?

Einige Eltern haben auch einfach nicht die Option, auf Homeoffice umzustellen, müssen ihren Dienst weiter vor Ort antreten. Und dann gibt es auch immer noch Eltern, die nach wie vor nicht den Ernst der Lage sehen. Dazu kommt, was man von den Selbsttests mitbekommt: An einem Tag ist er negativ, am anderen Tag positiv. In der Gruppe sind anschließend weitere Kinder positiv… Das zeugt nicht von einer großen Verlässlichkeit.

Das klingt nicht nach einem 100-prozentigen Vertrauen in diese Tests.

Das habe ich auch nicht. Was ich den Eltern mit auf den Weg geben kann: Wer sein Kind in den Kindergarten schickt im Moment, der muss grundsätzlich damit rechnen, dass sich das Kind anstecken kann. Wie bei anderen Krankheiten auch. Kinder haben weniger Symptome. Und wenn sie keine Symptome haben und es trotzdem weiterverteilen können, wird es schwierig.

Ich bin kein Freund von Lockdowns, aber aktuell hätte es aus meiner Sicht mehr Sinn gemacht, für zwei oder drei Wochen einmal konsequent alles dicht zu machen, um die Kette zu unterbrechen. Ich sehe nicht, dass Ketten durchbrochen werden. Vieles ist willkürlich.

Zum Beispiel?

Eltern werden positiv getestet, aber die Kinder werden gar nicht getestet, obwohl sie in der Familie sind. Wir wissen nicht, ob die Kinder positiv waren oder nicht. Dadurch kann sich die Pandemie auch im Kindergarten weiterhin verbreiten. Vieles ist da aus meiner Sicht den Familien und auch den Mitarbeitern gegenüber nicht fair.

Fazit: Eine Kita zu unterhalten, ist im Moment eine vielschichtige, schwierige Aufgabe.

Ich bin erst im Januar in die Einrichtung gekommen. Ich hatte in den ersten vier Monaten entsprechend noch gar nicht viel Kontakt und kenne viele Eltern nur mit Maske. Das ist alles ein bisschen komisch. Die Vertrauensbasis gibt es noch gar nicht. Wie sollte das auch funktionieren? Vieles ist schwierig: Die Eltern möchten mehr und besser informiert werden, aber diese Informationen hat man teilweise selber noch gar nicht.

Teilweise stehen die Informationen schon irgendwo im Internet, bevor sie den Leitungen als offizielle Information zur Verfügung stehen. Ich hätte mir auf jeden Fall für den Wechsel der Einrichtung einen anderen Start gewünscht. Ich glaube, wir schauen generell schon, was wir möglich machen können, haben für Anregungen und Kritik ein offenes Ohr, arbeiten sehr lösungsorientiert. Das ist der Weg, den wir im Team und mit den Familien gehen wollen, auch im Austausch mit anderen Einrichtungen.

Dirk Schroller, vielen Dank für das Gespräch!

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