Kirsten Schwade lässt sich von Morbus Bechterew nicht unterkriegen

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Kirsten Schwade kann stolz auf ihre Leistungen sein.

Lüdenscheid - Mehrfache Deutsche Meisterin, Europaund Weltmeisterin in verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen, Inhaberin mehrerer Weltrekorde: Schon die Auflistung der Titel, die die Lüdenscheiderin Kirsten Schwade gewonnen hat, imponiert. Noch mehr imponiert die Geschichte, die hinter ihren sportlichen Höchstleistungen steckt.

So unglaublich es klingt: Kirsten Schwade leidet an Morbus Bechterew, einer schmerzhaften, chronisch verlaufenden entzündlich- rheumatischen Erkrankung, die vor allem auf die Wirbelsäule massive Auswirkungen hat und früher häufig einen Rundrücken (Buckel) zur Folge hatte.

Nach einer großen Rücken- Operation 2004 hat die Lüdenscheiderin zwei künstliche Bandscheiben, zwei Titanstangen und sechs Schrauben im Rücken, war drei Monate zu völliger Bewegungslosigkeit verdammt, durfte weder sitzen noch gehen, nicht Auto- und nicht Busfahren – und kratzt heute als Kraftsportlerin im Bankdrücken an der 100-Kilogramm- Marke. 95,5 Kilogramm hat sie bereits geschafft. „Die 100 Kilogramm will ich noch schaffen!“, erzählt sie lachend.

Im Kreuzheben – einer für sie neuen Disziplin – stemmte sie im November vergangenen Jahres sogar 125,5 Kilogramm – mit ihrer Krankheit und ihrem kaputten Rücken. „Man darf sich nicht hängen lassen“, sagt sie. „Das Schöne am Sport ist, dass Junge und Alte zusammen sind und miteinander Spaß haben.“

Mit gerade einmal 19 Jahren machten sich bei Kirsten Schwade erste Anzeichen der tückischen Krankheit, damals noch wenig erforscht, bemerkbar. „Ich habe drei Jahrzehnte stärkste Schmerzmittel genommen“, erinnert sie sich. 26 Jahre wurde sie von Arzt zu Arzt quer durch NRW weitergereicht, ohne dass ihr einer wirklich helfen konnte. „Es gibt keine Heilungsmöglichkeiten. Das ist eine Autoimmun-Erkrankung. Man ist für jeden Keim anfällig.“ Trotz unerträglicher Schmerzen wurde sie oft als Simulantin bezeichnet. „Erst 1999 ist die Krankheit bei mir nachgewiesen worden.“

Große Rücken-OP

Training im Fitness-Studio, von den Ärzten zum Muskelaufbau und Halt für die Wirbelsäule empfohlen, war anfangs nur unter Schmerzen möglich. Verschiedene kleine Eingriffe brachten wenig Linderung. Erst mit der großen Rücken-OP 2004, Reha und anschließender medikamentöser Einstellung in der Rheumaklinik Hagen, wo zusätzlich zu Morbus Bechterew – bedingt durch die andauernde Cortisonbehandlungen – Diabetes Typ II diagnostiziert wurde, kam die Wende.

werdenden Besuchen im Fitness- Studio, die ihr gut taten, entdeckte die Bergstädterin den Kraftsport für sich. Erste kleine Wettkämpfe auf Bezirks und Landesebene folgten. 2008 ging’s erstmals auf die internationale Bühne – nach Forchheim zur Europameisterschaft und zur Weltmeisterschaft nach Wien. Seit dieser Zeit mischt Kirsten Schwade in ihrem Sport ganz oben mit, hat die Welt bereist und diverse Weltrekorde „geknackt“. Für ein Privatleben außerhalb des Sports bleibt da wenig Zeit.

Urlaubstage gehen drauf

Mit Beruf und Training bis zu sechs Mal in der Woche, Ausdauer-, Kraft- und Gerätetraining, Pilates, Schwimmen, Massage und manueller Therapie – neuerdings obendrein Verbandsarbeit – ist der Terminkalender der sympathischen Lüdenscheiderin prall gefüllt und jeder Tag straff durchorganisiert. Urlaubstage gehen regelmäßig für die Wettkämpfe „drauf“. Kirsten Schwade nimmt das in Kauf.

Manchmal, wie im Falle der WM in Las Vegas 2009, hängt sie an den Wettkampf noch freie Tage an, um Land und Leute kennen zu lernen. „Ich bin sechs Wochen in den USA gewesen.“ Gemeinsam mit einer Freundin mietete sie sich damals einen Kleinbus und tourte durch die USA. „Man merkt die große Weite. Man will an jeder Ecke stehen bleiben und gucken“, schwärmt sie noch heute. „Und das für eine, die immer gesagt hat: Nee, nach Amerika muss ich nicht!“ Besonders die Nationalparks empfand sie als großartiges Erlebnis.

"Wahnsinnsverein"

Seit 2012 ist die Kraftsportlerin Mitglied im AC Weinheim. „Das ist ein Wahnsinnsverein“, erklärt sie. „Der Ort hat nur 23 000 Einwohner, aber 9000 sind im Verein.“ Fast zeitgleich begann ihre Verbandsarbeit in der European Powerlifting Federation/ World Powerlifting Federation (EPF/WPF). Im November 2012 wurde sie als „secretary“ in den Vorstand des Weltverbands gewählt. Ein Jahr später gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des neuen, aus der WPF hervorgegangenen Dachverbands WPU (World Powerlifting Union), dessen deutscher Ableger mit Kirsten Schwade als 1. Vorsitzender kürzlich erstmals eine Deutsche Meisterschaft in Plettenberg ausrichtete. Als Funktionärin verzichtete die Lüdenscheiderin, die in diesem Jahr noch bei der EM in Coventry/England und bei der WM in Chihuahua/ Mexiko antreten will, dort auf eine Teilnahme als aktive Sportlerin.

Durch den Sport hat Kirsten Schwade, die sich von ihrer Krankheit nie hat unterkriegen lassen, Kontakte in alle Welt. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. „Die Ältesten, die ich kenne, sind über 80.“ Warum auch: Mit dem Kraftsport geht es ihr deutlich besser als ohne. Beruflich ist die gebürtige Lübeckerin, die als Kleinkind nach Lüdenscheid kam, seit nunmehr 44 Jahren in Diensten der Stadt: zunächst im Sozialamt, danach – mit dreijähriger Unterbrechung während ihres Studiums an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Hagen (Abschluss: Diplom- Verwaltungswirtin) – im Bauverwaltungsamt bis zu dessen Auflösung mit Übergang in die Bauaufsichtsbehörde.

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