Tragisches Geschehen hat jetzt ein Nachspiel

Kind (3) ertrinkt im Gartenteich: Pflegemutter wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

Klinikum Lüdenscheid
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Das Kleinkind wurde wiederbelebt, starb aber am Abend des 5. April im Klinikum Lüdenscheid.

Es geschah am 5. April 2020: Auf einem Grundstück im Ortsteil Kalve stürzte ein kleiner Junge (3) in einen 60 Zentimeter tiefen Gartenteich. Das Kind war kurzfristig unbeaufsichtigt. Als man es fand, war es bereits zu spät.

Lüdenscheid - Rettungskräfte reanimierten den Jungen, doch er starb wenig später im Klinikum. Am kommenden Montag muss sich die Pflegemutter des Jungen wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung vor dem Strafrichter verantworten.

Die Justiz wird prüfen, inwieweit die Angeklagte, eine heute 60 Jahre alte Lüdenscheiderin, für den Tod des Kindes verantwortlich ist. Die Frau wird von dem Lüdenscheider Rechtsanwalt Dirk Löber verteidigt. Das Jugendamt Dortmund hatte seiner Mandantin den Dreijährigen und dessen damals vier Jahre alten Bruder anvertraut. Die beiden Jungen sollten in der geschützten Umgebung weit weg von Zuhause betreut werden. Das weitläufige Grundstück an der Kalve mit einer kleinen Scheune und einem dahinter liegenden Gartenteich sollte für die Kinder aus einer Roma-Familie die ideale Umgebung sein.

Mehrere Faktoren

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft haben mehrere Faktoren zu der Katastrophe geführt. Während sich die heute 60-Jährige im Haus auf der Toilette aufhielt, verließ der Junge die Wohnung. Wie es heißt, war die Außentür offenbar zu, aber nicht fest verschlossen. Der Teich hinter der Scheune war ursprünglich durch einen Jägerzaun gesichert.

Zur Unglückszeit war der Zaun kaputt und stellte für das Kind augenscheinlich kein unüberwindbares Hindernis dar. Als die Pflegemutter das Verschwinden des Jungen bemerkte, machte sie sich zwar sofort auf die Suche nach ihm und rief ihn im Garten auch nach seinem Namen. Doch das Kind litt unter einem Gehörschaden und war nach Angaben aus der Pressestelle des Landgerichts taub. Als der Dreijährige gefunden wurde, trieb er reglos im Wasser. Letztlich kam jede Hilfe zu spät.

Ämter im Austausch

Neben der strafrechtlichen Dimension des Unglücks spielt auch die Frage der behördlichen Verantwortlichkeiten eine Rolle. Wie nach dem Vorfall bekannt wurde, befanden sich die beiden Kinder schon seit 2018 in der Obhut der alleinerziehenden Frau. Im Jahre 2019 gingen nach Recherchen der Lüdenscheider Nachrichten gleich zwei Meldungen beim örtlichen Jugendamt ein, nach denen das Kindeswohl in dem Haushalt auf der Kalve gefährdet sei. Damals waren Vertreter des Jugendamtes zweimal vor Ort.

Die Überprüfung ergab in beiden Fällen, dass an dem Verdacht der Kindeswohlgefährdung nichts dran ist. „Darüber informierte das Lüdenscheider Jugendamt jeweils auch das Jugendamt der Stadt Dortmund“, teilte die Pressestelle der Stadtverwaltung auf Anfrage mit. Das Dortmunder Jugendamt als verantwortliche Behörde wollte den Namen des freien Trägers, den es mit der Vermittlung der beiden Brüder beauftragt hatte, nicht nennen. Weiter hieß es aus Dortmund, das dortige Jugendamt habe die Pflegemutter und das Wohnumfeld der Kinder „im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben“ überprüft. Den Nachweis blieb die Behörde auf Anfrage allerdings schuldig.

Nebenklage der Mutter

Im Strafprozess am Montag könnten neben der Schuld der Pflegemutter auch diese Fragen behördlicher Zuständigkeiten und Kontrollen erörtert werden. Strafrichter Andreas Lyra hat nicht nur mehrere Polizisten, die behandelnde Ärztin des Klinikums und eine Nachbarin der Angeklagten in den Zeugenstand geladen, sondern auch eine Vertreterin des Lüdenscheider Jugendamtes. Außerdem hat die leibliche Mutter der beiden Jungen Nebenklage erhoben und lässt sich von der Dortmunder Rechtsanwältin Jennifer Schönborn vertreten.

Termin

Der Prozess vor dem Amtsgericht beginnt am Montag um 11.15 Uhr und findet im Saal 125 statt.

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