Keine Bewährung für Gaunerpärchen

LÜDENSCHEID ▪ Irgendwann hat sie sich eine Wolfstatze ins Dekolleté tätowieren lassen. Das sollte wohl edel aussehen. Auf der Anklagebank macht die 26-Jährige einen eher jämmerlichen Eindruck. Der Lidschatten ist tränenverschmiert, die Handschellen ziehen die Ärmchen nach unten. Eine Stunde vor Prozessbeginn haben Polizisten sie zu Hause abgeholt und in die Vorführzelle gesperrt. Nun sitzt sie neben ihrem Komplizen und hat Angst, nicht mehr nach Hause zu dürfen.

Die Angst ist nicht unbegründet. Die junge Frau und ihr 32 Jahre alter Bekannter – ebenfalls aus der Haft vorgeführt – sind wegen versuchten gemeinschaftlichen schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Und reichlich vorbestraft. Und drogen- und alkoholsüchtig. Die Verteidiger, Dirk Löber und Andreas Trode, gelten als mitunter recht streitbar. Staatsanwältin Nadine Klein trägt ihre Anklage vor.

Danach hat das Pärchen es in der Nacht zum 9. Juni auf das Geld eines Rentners abgesehen. Der 71-Jährige, ein rüstiger Ex-Ratsherr, will in seiner Stammkneipe in der Altstadt „noch ein Bierchen trinken gehen“, wie er Amtsrichter Jürgen Leichter berichtet. Da trifft er auf die beiden, man unterhält sich ein bisschen, und der alte Mann spendiert Getränke. „Auf der Wilhelmstraße haben sie auf mich gewartet.“ Ob er mit ihnen noch was trinken wolle. „Aber ich wollte nach Hause.“

Auf der Schillerstraße sprüht das Fräulein dem Rentner plötzlich Pfefferspray ins Gesicht. Auf der Flasche steht unter anderem „Nicht gegen den Wind sprühen“. Das hat die 26-Jährige nicht gelesen – und bekommt selbst eine Ladung ins Gesicht. Ihr Komplize will dem zeitweise blinden Opfer das Portemonnaie aus der Po-Tasche ziehen, doch die ist zugeknöpft. Da verschwindet er – und lässt die Frau und den Rentner zurück. Der rennt zu einem Taxistand und bittet einen Fahrer, die Polizei anzurufen. Das lehnt der Mann ab – ein Fall von unterlassener Hilfeleistung.

Ein Passant hilft. Eine Polizistin erinnert sich an die Angreiferin und ihr Opfer: „Beide hielten sich die Augen.“ Der flüchtige Komplize ist wenige Stunden später eingefangen. Die Verteidiger müssen nicht streiten. Das Gericht geht, wegen der Alkoholisierung, von einem minderschweren Fall aus. Das Urteil: 22 Monate für ihn, 15 Monate für sie, beide ohne Bewährung.

Die Bewährungshelferin der jungen Frau attestiert ihrer Klientin, sie sei der „schlimmste Fall, den ich je erlebt habe“. Der 32-Jährige wendet sich an den Rentner: „Tut mir leid, Mann!“

Olaf Moos

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