Keine Bewährung für den Dealer

LÜDENSCHEID ▪ Glatzer Straße: Als die Polizei am 20. August 2010 die Tür aufbricht und die Wohnung des Dealers durchsucht, liegt der noch „leicht bekleidet im Bett“, wie sich ein Kripo-Mann erinnert. Die Wohnung ist „unaufgeräumt, aber ich habe schon Schlimmeres gesehen“. Der Verdächtige ist geschockt, weint und sagt zu seiner kleinen Tochter: „Ich habe Scheiße gebaut.“ Auf dem Kleiderschrank lagern 147,7 Gramm Marihuana.

Für Strafverteidiger Franz-Günter Heß beginnt ein wenig aussichtsreicher Prozess. Sein Mandant, ein 31-jähriger Arbeitsloser mit zwei Kindern, Familienstand „verlobt“, legt zwar ein Geständnis ab, nennt auch seinen Lieferanten – zumindest dessen Vornamen – und gibt sich reuig. Aber drei einschlägige Vorstrafen, bereits verbüßte Haft, Verstöße gegen Bewährungsauflagen und die Tatsache, dass er vier Termine beim Bewährungshelfer geschwänzt hat, sprechen gegen ihn. Im Zuschauerraum des Gerichtssaals sitzt seine Lebensgefährtin mit rotgeweinten Augen.

Dass er in seiner Wohnung einen wachsenden Kundenkreis mit dem „Gras“ versorgt hat, gibt der Hartz-IV-Empfänger zu. Eine gefüllte Geldkassette in seiner Wohnung, stapelweise Klemmverschlusstütchen und eine Feinwaage zum Dosieren der Ware lassen sowieso keine Wahl. Amtsrichter Thomas Kabus fragt nach dem Motiv, die Antwort überrascht die Juristen nicht. „Ich wusste, dass man damit schnell Geld machen kann.“

Was er außer Wiegen, Eintüten und Verkaufen „so den lieben langen Tag“ mache, will der Richter wissen. Und auch da klingt die Antwort milieutypisch. „Am Computer spielen, draußen mit Leuten abhängen, mit meiner Tochter was unternehmen.“

Sein zweites Kind lebt bereits bei einer Pflegefamilie. Die Polizei hat nach der Hausdurchsuchung wieder das Jugendamt eingeschaltet. Der Fahnder im Zeugenstand sagt: „Das geht ja gar nicht, dass ein kleines Kind durch die Wohnung schwirrt, und da liegen Drogen frei zugänglich rum.“

Das Schöffengericht verurteilt den Mann zu 18 Monaten ohne Bewährung. „Damit kommen Sie sogar noch gut weg“, sagt Kabus. Franz-Günter Heß kündigt Berufung an.

Olaf Moos

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